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Was Hitzlspergers Coming Out bringt Und der Fußball bewegt sich doch

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Er habe alles, was gesagt werden musste, gesagt: Thomas Hitzlsperger.

imago/Oliver Ruhnke

Vor einem Jahr spricht Thomas Hitzlsperger erstmals über seine Homosexualität. Nur folgt ihm kein weiterer prominenter deutscher Fußballer. Und doch hat er etwas verändert - und den Schritt weg von der Symbolpolitik leichter gemacht.

 "Ich äußere mich zu meiner Homosexualität". So bürokratisch klang das Coming Out des Thomas Hitzlsperger vor genau einem Jahr. Man hätte ein knackiges, griffiges Zitat erwartet, eines wie einer seiner gefürchteten Schüsse, die pfeilschnell in den Winkel knallten. Es war trotzdem ein Wirkungstreffer. Zum ersten Mal erklärte ein prominenter deutscher Fußballer: Ich bin schwul. Eine Zeitenwende?

Vielleicht mehr Zeit als Wende. Denn auf den dritten Blick hatte das, was Thomas Hitzlsperger am 8. Januar 2014 in der "Zeit" verkündete, vielleicht einen Neugierigkeits-, aber keinen wirklichen Neuigkeitswert. Dass es auch in der Nationalmannschaft Spieler gab und gibt, die Männer lieben, ist allein statistisch gesehen höchst wahrscheinlich. In anderen Bereichen der Gesellschaft leben immer mehr Prominente offen homosexuell - in der Politik, in der Wirtschaft, im Unterhaltungsgeschäft.  Es war also ohnehin an der Zeit für ein Coming Out im Fußball - aber wo bleibt die Wende? Was hat Hitzlspergers Gang an die Öffentlichkeit bewegt? Nicht viel, lautet die Antwort. Aber es bewegt sich was. Und daran hat Thomas Hitzlsperger seinen Anteil.

Weg von der Symbolpolitik

Er selbst will sich nicht mehr groß äußern - er habe alles, was gesagt werden musste, gesagt, lässt Hitzlsperger mitteilen. Dem Schwulenmagazin "Männer" hat er doch ein Interview gegeben, aber die ersten Auszüge lassen eher ein sehr persönliches Gespräch vermuten. Auf die Gesellschaft will er lieber mit Taten einwirken: Als Botschafter der Magnus-Hirschfeld-Stiftung setzt er sich für das Ende des Tabus Homosexualität im Sport ein.

"Er engagiert sich unglaublich", sagt der Chef der Stiftung, Jörg Litwinschuh, im Gespräch mit n-tv.de. Im Februar will er gemeinsam mit Hitzlsperger ein langfristiges Bildungsprojekt vorstellen: "Fußball für Vielfalt". In Schulungen sollen Trainer, Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre für das Thema sensibilisiert werden. Es ist der Schritt von der Symbolpolitik der guten Absichten hin zur konkreten Arbeit. Doch zwei große Probleme muss Litwinschuh noch lösen: Wer bezahlt? Und wollen Trainer, Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre überhaupt sensibilisiert werden?

Momentan verhandelt die Hirschfeld-Stiftung mit dem Deutschen Fußball-Bund darüber, dass der Verband Teile des Schulungsprogramms in seine regulären Fortbildungen übernimmt. "Da sind wir schon ein gutes Stück weiter als vor zwei Jahren." Das ist keine Kleinigkeit, denn der DFB steht seit dem Wechsel von Theo Zwanziger zu Wolfgang Niersbach unter Verdacht, das Thema nicht mehr so ernst zu nehmen. Zwar präsentierte er im Sommer 2013 die Handreichung "Fußball und Homosexualität", doch das roch stark nach Symbolpolitik. Jüngst ätzte Mitautorin Tanja Walther-Ahrens in der "Süddeutschen Zeitung", die Broschüre verstaube wohl eher in den Kellern. Stimmt nicht, sagt Litwinschuh: "Die Broschüre liegt mittlerweile sogar am Empfangstresen in der DFB-Zentrale. Da hat sich wirklich etwas gewandelt."

"Es gibt nicht den einen Knall"

Nur: Das bekommt das breite Publikum nicht mit. An der Basis, das hört man immer wieder, gibt es mittlerweile mehr Menschen, die ihre Homosexualität offen leben. Aber unter den prominenten Spielern steht Thomas Hitzlsperger weiter allein da. Ein Beweis dafür, dass sich doch nichts geändert hat? Nein, sagt Christian Rudolph im Gespräch mit n-tv.de. Der Berliner sitzt im Vorstand der "Fußballfans gegen Homophobie" und kennt die Stimmung in den kleinen Vereinen und in den Landesverbänden gut. "Über das Thema wird öfter gesprochen - und weitaus positiver", sagt er über seine Erfahrungen der vergangenen Monate.

Sein Kollege Dirk Brüllau vom Netzwerk Queer Football Fanklubs hatte beklagt, dass schwule Spieler "nur zwei Wochen" ein Thema gewesen seien. "Das war zu erwarten, und das ist gut so", entgegnet Rudolph. "Wir wollen eine Selbstverständlichkeit erreichen, und nicht jeden Tag darüber reden." Die lasse sich aber eher mit langfristiger Arbeit erreichen - und nicht dank eines prominenten Coming Outs: "Es wird nicht den einen Knall geben, und plötzlich akzeptieren alle Fans und Funktionäre, dass es auch Schwule gibt. Da darf der Anspruch nicht so hoch sein."

Quelle: n-tv.de

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