Collinas Erben

"Collinas Erben" im Zweikampf Bayern im Kung-Fu-Glück, Streich tobt falsch

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Gnade vor Rot erfuhr Bayerns Thiago nach diesem Tritt gegen die Brust von Leverkusens Stefan Kießling.

(Foto: imago/siwe)

Gelb statt Rot, verweigerter Elfer, aberkanntes Tor - beim Pokalfight zwischen Leverkusen und Bayern hadern beide Teams mit dem Referee. In Wolfsburg wütet Freiburgs Christian Streich. Er sieht sein Team benachteiligt, hat aber auch Zeitlupen.

Felix Zwayer hatte gewiss schon leichtere Spiele zu leiten als das Viertelfinale im DFB-Pokal zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC Bayern München. Das, was die Kommentatoren als "packenden Pokalfight" oder "leidenschaftlichen Schlagabtausch" bezeichneten, war für Deutschlands "Schiedsrichter des Jahres" über 120 Minuten (plus Elfmeterschießen) absolute Schwerstarbeit. Eine Vielzahl von grenzwertigen Zweikämpfen, häufiges Lamentieren auf beiden Seiten, knifflige Szenen und jede Menge Hektik – der Unparteiische aus Berlin stand häufiger im Mittelpunkt, als ihm lieb sein konnte. Und nicht immer sah er dabei souverän aus.

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Zur ersten strittigen Situation kam es bereits nach zwölf Minuten, als Bayerns wiedergenesener Kapitän Philipp Lahm im eigenen Strafraum den Laufweg von Gonzalo Castro kreuzte. Es kam nur zu einem leichten Kontakt, doch durch diesen geriet Castro so aus dem Gleichgewicht, dass er gar nicht mehr anders konnte, als über seine eigenen Beine zu fallen. Eine jener Szenen, nach denen es gerne heißt: Über einen Elfmeter hätte sich niemand beschweren dürfen. Womöglich hatte Zwayer jedoch nicht wahrgenommen, dass Lahm den Leverkusener touchiert hatte, und deshalb weiterspielen lassen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Nach einer Stunde dann der nächste Aufreger: Im Anschluss an einen Eckstoß köpfte Robert Lewandowski den Ball ins Tor der Gastgeber, doch der Referee verweigerte dem Treffer die Anerkennung. Denn der Bayern-Stürmer hatte Ömer Toprak zuvor mit der Hand geschoben – kaum merklich allerdings, selbst der Leverkusener Verteidiger schien unbeeindruckt und geriet weder aus dem Tritt, noch fiel er hin. Nicht nur gemessen an der Szene mit Lahm und Castro war die Annullierung des Tores eine viel zu kleinliche Entscheidung – aber das war eine der Schwierigkeiten, mit denen Felix Zwayer in diesem Spiel zu kämpfen hatte: Seine Linie bei der Zweikampfbeurteilung war nicht immer einheitlich.

Nur Gelb für Thiagos Tritt

Das zeigte sich auch in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit, als der Unparteiische nunmehr ausgesprochen großzügig verfuhr. Denn Thiago hätte für seine Kung-Fu-Einlage gegen Stefan Kießling eindeutig die Rote Karte verdient gehabt. Selbst wenn man dem spanischen Edeltechniker zugutehält, dass seine Augen nur auf den Ball gerichtet waren und er Kießling dadurch nicht wahrnahm – also nicht absichtlich brutal spielte –, muss man von einem Profifußballer erwarten, dass er die möglichen Folgen eines Sprungs mit durchgestrecktem hohen Bein zum Ball abschätzen kann.

Und dies umso mehr, als der Leverkusener sich nicht in Thiagos Rücken befand. Ein Tritt gegen die Brust ist eine gesundheitsgefährdende Spielweise, die einen Platzverweis normalerweise unausweichlich macht. Zwayer beließ es jedoch bei einer Gelben Karte - und lag damit falsch.

Ganz richtig handelte der Schiedsrichter dagegen in einer kuriosen Szene, die sich in der 115. Minute abspielte. Ömer Toprak hatte sich in einem Zweikampf verletzt und lag hinter der eigenen Torauslinie, weshalb eine Spielunterbrechung nicht nötig war. Um sie trotzdem herbeizuführen, rollte er sich bei einem Angriff der Bayern wieder ein Stück ins Feld hinein, doch der Schiedsrichter durchschaute das Manöver und ließ die Partie zu Recht weiterlaufen. Nun beförderte der Leverkusener Ersatzspieler Tin Jedvaj mit voller Absicht einen zweiten Ball auf das Spielfeld, um eine Unterbrechung zu erzwingen.

Es kam zu einem Tumult, an dem Thomas Müller und Kyriakos Papadopoulos besonders auffällig beteiligt waren, weshalb sie folgerichtig die Gelbe Karte sahen. Auch Jedvaj wurde im Einklang mit den Regeln wegen unsportlichen Verhaltens verwarnt. Außerdem gab es dort, wo sich der Ball zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung befand, einen indirekten Freistoß für Bayern – das ist die vorgesehene Spielfortsetzung, wenn ein Auswechselspieler einen Gegenstand auf das Feld wirft.

Realgeschwindigkeit versus Zeitlupe

Kritik am Referee gab es auch im Pokalspiel des VfL Wolfsburg gegen den SC Freiburg, und zwar von den geschlagenen Gästen. Sie bemängelten vor allem die Elfmeterentscheidung in der 71. Minute, die schließlich zum Tor des Tages führte. Der Wolfsburger Daniel Caligiuri hatte mit Schwung den Ball an seinem Gegenspieler Julian Schuster vorbeigelegt und war dann nach einem Kontakt mit dessen Oberschenkel zu Boden gegangen. Schiedsrichter Tobias Stieler stand günstig und zögerte keine Sekunde: Strafstoß!

In der Realgeschwindigkeit – und das ist nun mal die, in der ein Referee urteilen muss – sah es nach einem klaren Elfmeter aus. Nach Ansicht der Zeitlupe konnte man dem Freiburger zugutehalten, dass er bemüht war, dem Zweikampf auszuweichen, und dass der Wolfsburger den Kontakt "gesucht" hatte. Verlangsamte Wiederholungen berauben Spielszenen allerdings häufig ihrer Dynamik und des Tempos und können die Wirklichkeit daher verzerren.

Vier Minuten nach dem Wolfsburger Treffer forderte Freiburg nach einem Zweikampf zwischen Maximilian Arnold und Felix Klaus seinerseits einen Strafstoß, den der Unparteiische jedoch nicht gab. Auch hier sieht in der Realgeschwindigkeit alles nach einer korrekten Entscheidung aus: Beide Spieler laufen zum Ball, der Wolfsburger ist einen Tick schneller, beide rempeln sich ein wenig mit der Hüfte, Arnold grätscht im Fallen nach dem Ball, Klaus fällt über die Beine seines Gegners, der Ball geht ins Toraus, Stieler gibt einen Eckstoß.

In der Zeitlupe lässt sich dann erkennen, dass Arnold den Ball zunächst knapp verfehlt hat und man somit auf Beinstellen plädieren könnte. Dennoch sollte der Freiburger Trainer Christian Streich – der sein Team zum wiederholten Male benachteiligt wähnte – vielleicht einmal in Erwägung ziehen, dass sich manche Dinge nicht so eindeutig darstellen, wie er glaubt. Und dass Tobias Stieler allemal nachvollziehbare Gründe für seine Entscheidungen hatte - selbst wenn man über sie streiten kann.

Quelle: n-tv.de

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