Collinas Erben

"Collinas Erben" sehen Spielräume DFB korrigiert, Schalke ärgert sich

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Unstrittig: Wolfgang Stark zeigt dem Schalker Johannes Geis die Rote Karte.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Anders als Oliver Neuville vor elf Jahren kommt Leon Andreasen nach seinem Hand-Tor ohne Sperre davon - und das ist auch richtig so. Schalke hadert mit Wolfgang Stark, während in Italien ein Referee für einen kuriosen Spielabbruch sorgt.

Leon Andreasen dürfte erleichtert aufgeatmet haben. Am vergangenen Donnerstag nämlich gab der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes bekannt, dass er das Verfahren gegen den Mittelfeldspieler von Hannover 96 einstellt. Ermittelt hatte der DFB, nachdem der Däne im Spiel beim 1. FC Köln das entscheidende Tor regelwidrig mit dem Arm erzielt hatte, was dem Schiedsrichtergespann um Bastian Dankert allerdings verborgen geblieben war.

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Der Kontrollausschuss verdächtigte Andreasen, sich eines "krass sportwidrigen Verhaltens" schuldig gemacht zu haben. In einem nahezu identischen Fall elf Jahre zuvor war der für Borussia Mönchengladbach spielende Oliver Neuville für zwei Partien gesperrt worden. Nun aber entschied der Ausschuss mit Zustimmung des DFB-Sportgerichts anders. "Im Endeffekt hat der Schiedsrichter eine Tatsachenentscheidung getroffen", begründete der Vorsitzende Anton Nachreiner den Beschluss.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

"Eine Bestrafung des Spielers wäre unserer Einschätzung nach nur dann möglich gewesen, wenn Herr Andreasen auf eine Befragung durch den Schiedsrichter wahrheitswidrig geantwortet hätte." Das war jedoch nicht der Fall, denn der Unparteiische hatte trotz der außergewöhnlich heftigen Proteste der Kölner und des verdächtig gedämpften Jubels der Hannoveraner darauf verzichtet, dem Torschützen auf den Zahn zu fühlen. Und dass dieser nicht von sich aus beim Referee vorstellig geworden war, wollte man ihm - anders als damals Neuville - nicht zum Nachteil gereichen lassen. Damit korrigierte der DFB seine Rechtsauffassung - und das ist auch gut so.

Denn wenn der Schiedsrichter das Vergehen von Andreasen bemerkt hätte, wäre dafür ohnehin lediglich die Gelbe Karte fällig gewesen - einen Platzverweis sehen die Regeln nämlich nur für die Verhinderung, nicht aber für die Erzielung eines Tores durch ein absichtliches Handspiel vor. Schon deshalb ist es nicht einzusehen, weshalb ein Spieler "krass sportwidrig" handeln und also gesperrt werden soll, wenn er bloß einen verwarnungswürdigen Verstoß begeht, den der Unparteiische - aus welchen Gründen auch immer - übersieht. Und eine freiwillige Selbstbezichtigung kann man - anders als den Verzicht auf eine Lüge im Falle einer Befragung durch den Referee - nicht verlangen, sondern allenfalls erhoffen. Eine Bringschuld des betreffenden Spielers existiert hier jedenfalls nicht.

Wann aus Körperkontakt ein Foul wird

Mit seiner Entscheidung bestätigt der DFB erneut den Trend zur Liberalisierung in seiner Sportrechtsprechung, wie er sich beispielsweise auch im Strafnachlass bei verwandelten Elfmetern nach "Notbremsen" und in der Möglichkeit äußert, Sperren gegen Spieler zur Bewährung auszusetzen. Zudem wurde mit der Einstellung des Verfahrens gegen Leon Andreasen die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gestärkt. Auch das ist den Verantwortlichen ein Anliegen, wie Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, unlängst in einem Interview deutlich machte: "Würde die Sportgerichtsbarkeit, im Bemühen um objektive Gerechtigkeit, jede Schiedsrichterentscheidung annullieren, korrigieren oder verbessern, ginge das an unserer Aufgabe vorbei. Wir sind kein Reparaturbetrieb für falsche Schiedsrichterentscheidungen. Wir alle müssen damit leben, dass der Schiedsrichter auch einmal eine falsche Tatsachenentscheidung trifft."

Oder dass er die Spielräume, die ihm das Regelwerk bei der Beurteilung von Zweikämpfen oftmals bietet, nicht immer zur Zufriedenheit aller Beteiligten nutzen kann. So wie Wolfgang Stark, der sich beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 vor allem in zwei Situationen die Kritik der Gäste zuzog: In der 31. Minute, als er nach einem von Dennis Aogo im Nachsetzen verursachten Kontakt mit Julian Korb auf Strafstoß für die Hausherren entschied, und in der 69. Minute, als Ibrahima Traoré im Zweikampf mit Joel Matip kurz vor dem Schalker Strafraum zu Boden ging und dafür einen Freistoß erhielt. Aus diesen Situationen resultierten die ersten beiden Tore für die Gladbacher bei deren 3:1-Sieg. Legt man als entscheidendes Kriterium zugrunde, ob der jeweilige Körperkontakt ursächlich für den Sturz des Gegners war, dann lässt sich der Elfmeter durchaus vertreten, der Freistoß dagegen nicht. Unstrittig war dagegen den Platzverweis gegen den Schalker Johannes Geis, der André Hahn mit einem brutalen Foul sowohl einen Schienbeinbruch als auch einen Meniskusriss zugefügt hatte. Stark stand unmittelbar daneben und zeigte ohne zu zögern die Rote Karte.

Bei einem Jugendspiel in Italien beugte derweil ein Schiedsrichter auf kuriose Weise die Regeln – und das auch noch mit der ausdrücklichen Zustimmung beider Trainer: In der U14-Partie zwischen Ponte Roca und Persiceto 85 stand es nach einer Stunde 31:0 für die Gäste, als der Referee die Begegnung nach Rücksprache mit den Übungsleitern abbrach, weil er der unterlegenen Heimmannschaft eine noch größere Demütigung ersparen wollte. Der Fußballverband hielt davon jedoch nicht viel. Zwar könne man das Vorgehen des Unparteiischen in moralischer Hinsicht verstehen, erklärte er, doch die vereinbarten Regeln müssten nun einmal eingehalten werden. Deshalb wird jetzt das gesamte Spiel wiederholt - und von einem anderen Schiedsrichter geleitet. Der Referee des abgebrochenen Spiels muss einstweilen einige Spieltage aussetzen. Und das Team von Ponte Roca erneut in die Höhle des Löwen.

Quelle: ntv.de

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