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Elfmeter für Mainz. Jetzt wissen wir: Felix Brych war schlecht beraten.
Elfmeter für Mainz. Jetzt wissen wir: Felix Brych war schlecht beraten.(Foto: imago/Eibner)
Montag, 20. November 2017

"Collinas Erben" fühlen mit: Das Pech der Kölner mit dem Videobeweis

Von Alex Feuerherdt

Das Thema Videobeweis steht auch am zwölften Spieltag der Fußball-Bundesliga im Mittelpunkt - weil Deutschlands Schiedsrichter Nummer eins in Mainz von seinem Video-Assistenten falsch beraten wird. Darunter leiden einmal mehr die Kölner.

In der Länderspielpause hat sich vor diesem zwölften Spieltag der Fußball-Bundesliga beim Dauerthema Videobeweis einiges getan. Hellmut Krug ist nicht mehr Projektleiter, seine Aufgabe hat Lutz Michael Fröhlich persönlich übernommen, der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite. Die Supervisoren im Kölner Studio haben während der Spiele keinen Kontakt mehr zu den Video-Assistenten und werten nur noch deren Einsätze aus. Alle Klubs wurden noch einmal schriftlich über die Grundsätze des Videobeweises informiert.

Dazu gehören die Definition, wann ein klarer Fehler des Schiedsrichters vorliegt, der einen Eingriff des Video-Assistenten nach sich zieht, sowie die Rollenverteilung und der Ablauf bei Interventionen des Helfers vor dem Monitor. Der DFB hat mit der personellen Konsequenz, der Aufgabenveränderung bei den Supervisoren und der Klarstellung gegenüber den Vereinen auf die immer heftiger werdende Kritik reagiert, die Klubs, Öffentlichkeit und Medien an der Umsetzung des Videobeweises geäußert hatten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Sie hatten vor allem fehlende Transparenz und Kommunikation sowie Unklarheiten in den praktischen Abläufen beim Einsatz des Videobeweises bemängelt. Zudem stand der Vorwurf im Raum, Projektleiter Krug habe als Supervisor Entscheidungen eines Video-Assistenten beeinflusst und damit seine Kompetenzen überschritten. Lutz Michael Fröhlich gab in der bundesligafreien Zeit viele Interviews, versprach mehr Transparenz und Kooperation und versuchte, die Wogen zu glätten. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel bemühte sich um eine Beruhigung der Debatte. Dabei brachte er bei seinen Versuchen im Fernsehen und auf Facebook, die Kernpunkte des Videobeweises zusammenzufassen, allerdings so viel durcheinander, dass weitere Verwirrung entstand. Denn nicht wenige glaubten (oder fürchteten), die Auslegung der Regularien werde nun ein weiteres Mal verändert. Der DFB musste deshalb auf seiner Website ein Interview mit Grindel nachlegen, in dem die Dinge geradegerückt wurden. Nicht gerade ein Musterbeispiel für gelungene Kommunikation.

Vom Video-Assistenten falsch beraten

Am Wochenende nun gab es insgesamt weniger Diskussionsbedarf über den Videobeweis als zuletzt, allerdings wurde der Spieltag von einem folgenschweren Schnitzer des Video-Assistenten in Mainz überschattet. Dort spielte der 1. FC Köln, der schon mehrmals in dieser Saison von strittigen oder falschen Einsätzen der Helfer im Studio gebeutelt worden war. Nun traf es ihn erneut. 42 Minuten waren gespielt, als Pablo De Blasis im Strafraum der Gäste, bedrängt von den Kölner Verteidigern Konstantin Rausch und Frederik Sörensen, zu Boden ging. Schiedsrichter Felix Brych entschied ohne jedes Zögern auf Strafstoß. "Auf dem Platz war es für mich ein klarer Elfmeter", sagte er später im Interview des Bezahlsenders Sky. Dennoch setzte er sich sicherheitshalber mit seinem Video-Assistenten Tobias Welz in Verbindung.

Konstantin Rausch kann es nicht fassen.
Konstantin Rausch kann es nicht fassen.(Foto: imago/Eibner)

Dieser habe ihm "einen Kontakt am Knie bestätigt", so Brych, deshalb sei es bei der Entscheidung geblieben. Das aber war falsch, wie der Unparteiische einräumte, nachdem er sich die Bilder im Anschluss an das Spiel angesehen hatte: "Ich kann da keinen Kontakt erkennen." In der Tat war De Blasis höchst freiwillig darnieder gesunken. Das wirft Fragen auf: Wie konnte der Video-Assistent sich so täuschen? Und warum hat sich der Referee die Szene nicht selbst in der "Review Area" an der Seitenlinie angesehen? Die letztgenannte Frage ist leicht zu beantworten: weil Tobias Welz zum selben Ergebnis kam wie Brych. Der Schiedsrichter sah deshalb keinen Anlass, die Wiederholungen mit eigenen Augen unter die Lupe zu nehmen.

Schwieriger zu erklären ist es, warum auch ein Video-Assistent irren kann, wo er doch jede Szene aus mehr Perspektiven betrachten kann als die Zuschauer vor den Fernsehern. Und die haben die "Schwalbe" von De Blasis schließlich klar erkannt! Anders als sie stehen die Video-Assistenten allerdings unter extremem Zeit- und Entscheidungsdruck, überdies sind sie darauf angewiesen, dass ihnen ihre technischen Helfer, Operatoren genannt, binnen weniger Augenblicke aus über 20 Kameraeinstellungen die vier aussagekräftigsten zusammenstellen. Wird dabei eine verpasst, die einen Sachverhalt besonders deutlich werden lässt, kommt der Video-Assistent womöglich zu einem falschen Schluss. Doch vielleicht interpretiert er die Bilder auch von sich aus in der Eile falsch oder übersieht etwas Wesentliches.

Das sollte zwar möglichst nicht passieren, geschieht aber nun mal dort, wo Menschen urteilen. Mit zunehmender Erfahrung und Praxisübung dürften sich solche Fehler reduzieren. In Mainz gab es noch eine weitere diskussionswürdige Szene, als Giulio Donati wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit gegen den Kölner Leonardo Bittencourt die Rote Karte sah. Eine zu harte Entscheidung von Brych - aber auch eine regeltechnisch eindeutig falsche? Immerhin hatte Donati seinem Gegner einen leichten Schlag auf den Arm versetzt. "Ein klarer Fehler des Schiedsrichters liegt dann vor, wenn er seine Entscheidung nach Betrachtung des Bildmaterials unverzüglich ändern würde", heißt es in der Regularien für den Videobeweis. Brych bekräftigte bei Sky den Feldverweis jedoch. Dass der Video-Assistent nicht eingriff, war somit richtig.

Glück für Koch, Rekik im Pech

Dennoch war der Spieltag nicht unbedingt eine Bestätigung für die neue DFB-Maßgabe an die Unparteiischen, jetzt wieder wie schon zu Beginn der Saison nur noch ausnahmsweise in die Review Area zu gehen - dann nämlich, wenn sich bei der Kommunikation zwischen dem Referee und dem Video-Assistenten "gravierende Unterschiede in der Interpretation eines Vorganges ergeben". Zuvor war der Gang an die Seitenlinie häufiger vorgenommen worden, aus Gründen der Akzeptanzsteigerung und weil sich der Schiedsrichter in besonders heiklen Situationen noch einmal selbst ein Bild machen sollte. Brych wurde beim Strafstoß, gegen den die Kölner so vehement protestierten, letztlich falsch beraten. Hätte er sich die Bilder selbst angeschaut, dann wäre der Elfmeter womöglich revidiert worden.

Zu milde Sanktion: Manuel Gräfe.
Zu milde Sanktion: Manuel Gräfe.(Foto: dpa)

Vielleicht hätte auch Manuel Gräfe dann dem Freiburger Robin Koch mehr gezeigt als nur die Gelbe Karte, nachdem dieser in der 43. Minute dem Wolfsburger Yunus Malli mit gestrecktem Bein aufs Schienbein gestiegen war. Der Unparteiische hatte die Schwere des Fouls aus seiner Position auf dem Feld nicht erkennen können und einem Review durch den Video-Assistenten Wolfgang Stark zugestimmt, weil der Verdacht bestand, dass ein platzverweiswürdiges Vergehen vorlag. Stark empfahl nach seiner Prüfung der Szene allerdings nur eine Verwarnung, und Gräfe kam dieser Empfehlung ohne eigene Inaugenscheinnahme der Szene nach. Am Ende bedeutete das eine zu milde Sanktion für Koch, wenn man die Gesundheitsgefährdung bedenkt, die sein Tritt mit sich brachte.

Auf ein eigenes Review verzichtete auch Schiedsrichter Bastian Dankert beim 2:4 der Berliner Hertha und gegen Mönchengladbach, als ihn Video-Assistent Tobias Stieler nach zwölf Minuten auf ein Handspiel des Berliners Karim Rekik im eigenen Strafraum aufmerksam machte, das der Referee aus Rostock nicht bemerkt hatte. Dankert entschied auf Strafstoß für die Gäste und zeigte Rekik die Gelbe Karte. Die Überraschung war selbst bei den Gladbachern groß, von denen niemand mitbekommen zu haben schien, was vorgefallen war. Der Berliner hatte in der Drehung einen Arm in die Flugbahn des Balles gebracht und die Kugel so ins Toraus abgelenkt.

War es ein klarer Fehler, hier nur auf Eckstoß zu entscheiden, wie der Unparteiische es getan hatte? Nein, fand Herthas Manager Michael Preetz: "Man kann, aber muss ihn nicht geben. Und damit ist das Kriterium für einen Eingriff durch den Video-Assistenten nicht gegeben." Ja, sagte hingegen Dankert selbst im ZDF: "Wir haben einen Strafstoß gegeben, der zu 100 Prozent einer war."

Damit hatte Video-Assistent Stieler auch der Ifab-Vorgabe genügt, schließlich bestätigte der Schiedsrichter seine Intervention, das heißt: Er hätte seine Entscheidung nach Betrachtung des Bildmaterials unverzüglich geändert. Doch der Diskussionsbedarf bleibt, weshalb DFB und DFL der Forderung vieler Klubs nachkommen und noch in diesem Jahr einen Workshop zum Videobeweis veranstalten wollen, um noch deutlicher zu machen, wie denn nun ein klarer Fehler definiert ist. Die DFL hat derweil ihre kürzlich erhobene Forderung nach einer Strukturreform und einer weiteren Professionalisierung im Schiedsrichterwesen noch einmal untermauert. Die unruhigen Zeiten für die Referees und ihre sportliche Leitung werden wohl noch eine Weile andauern.

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Quelle: n-tv.de

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