Collinas Erben

"Collinas Erben" über rohe Sitten Kolasinac rau, Bentaleb rüde, Wood rabiat

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Nicht nett: Schalkes Sead Kolasinac gegen Dortmunds Christian Pulisic.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

In Dortmund zeigt Deutschlands Unparteiischer Nummer eins nach missratenem Auftakt eine überzeugende Vorstellung. In Köln versucht ein Hamburger hinterrücks, einen Gegner ungestraft auszuknocken, scheitert aber am Assistenten.

Thomas Tuchel, Trainer der Dortmunder Borussia, sorgte zuletzt für einige Diskussionen bei seinen Kollegen und den Medien, als er behauptete, die Gegner des BVB in der Fußball-Bundesliga griffen allzu häufig zu unfairen Mitteln und kämen damit zu oft ungestraft davon. Diese Klage war zwar in erster Linie eine über die Spielweise der Kontrahenten, doch durch sie gerieten zwangsläufig auch die Unparteiischen unter Druck, die schließlich für die Regelauslegung und -anwendung zuständig sind. In einer einigermaßen heiklen Situation wie dieser geht man bei der Schiedsrichter-Kommission des DFB sinnvollerweise auf Nummer sicher und schickt gerade bei mutmaßlich besonders schwierigen und emotionalen Spielen die anerkanntermaßen besten Referees an den Ort des Konflikts.

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Also wurde am neunten Spieltag die unumstrittene Nummer eins der deutschen Schiedsrichter, Felix Brych, mit der Leitung der Partie von Tuchels Schwarz-Gelben gegen die Blau-Weißen aus Gelsenkirchen betraut. Der Auftrag des Juristen aus München lautete, in dieser Partie zwischen den ballbesitzorientierten, spielstarken und offensiv ausgerichteten Borussen und den eher auf defensive Kompaktheit, gezieltes Stören und schnelles Umschalten setzenden Schalkern die Balance bei der gewiss nicht einfachen Zweikampfbeurteilung zu finden.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Brychs Aufgabe war es also, in einem Spiel zweier recht verschiedener Mannschaften eine passende Linie bei der Unterscheidung zwischen fußballtypischen Härten und verbotenem Spiel zu entwickeln und dabei weder unangemessen großzügig noch nervtötend kleinlich aufzutreten. Gerade in solch brisanten Partien kommt dem Einstieg in die Personalstrafen eine erhebliche Bedeutung zu, weil er oft richtungsweisend ist. Denn an der ersten Gelben Karte erkennen die Spieler, wie weit sie gehen können und wo der Schiedsrichter eine deutliche Grenze setzt. Dieser Einstieg missriet Brych allerdings: Die rustikale Grätsche des Schalkers Sead Kolasinac an der Seitenlinie gegen Christian Pulisic nach nur vier Minuten drängte sich für eine erste Verwarnung eigentlich auf, der Unparteiische erkannte darin jedoch nicht einmal ein Foul. Drei Minuten später sah der Dortmunder Shinji Kagawa für ein deutlich weniger intensives Foul im Luftkampf mit Johannes Geis die erste Gelbe Karte des Spiels. Die Verhältnismäßigkeit passte hier nicht. Wenn es schlecht für einen Referee läuft, führt so etwas zu Unzufriedenheit und Unruhe.

Höwedes zufrieden mit dem Schiedsrichter

Doch bei Brych war das anders: Sein unglücklicher Beginn wirkte sich letztlich nicht negativ auf das Spiel aus, was für seine große Akzeptanz bei den Spielern spricht. Brych nahm durch seine Ruhe und sein umsichtiges Auftreten immer wieder die Emotionen aus der Begegnung und wusste den Spielfluss durch eine zum Spielcharakter passende Regelauslegung zu gewährleisten. Gleichzeitig unterband er übertriebenen Körpereinsatz konsequent und ahndete taktische Fouls – etwa von Julian Weigl und Ousmane Dembelé – zu Recht mit Gelben Karten. Dass Nabil Bentaleb für sein rüdes Einsteigen gegen Dembelé in der 36. Minute mit einer Verwarnung davonkam, war angemessen, weil das Foul zwar rücksichtlos, aber nicht gesundheitsgefährdend war. Ein Platzverweis in dieser Szene hätte zudem weder Brychs Linie noch der Partie entsprochen.

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"Der Schiedsrichter wollte ein Zeichen setzen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist": Benedikt Höwedes.

(Foto: imago/Team 2)

Am Ende standen acht Verwarnungen zu Buche - eine stattliche Zahl, doch keineswegs übertrieben, wie auch der Schalker Kapitän Benedikt Höwedes fand: "Der Schiedsrichter wollte ein Zeichen setzen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist, was so aus meiner Sicht völlig in Ordnung war, weil er dabei eine klare Linie gefahren hat", sagte er dem "Kicker". "Trotzdem kann ich bestätigen, dass das Spiel relativ fair und ohne üble Nickeligkeiten abgelaufen ist. Natürlich waren beide Mannschaften sehr aktiv und präsent in den Zweikämpfen, aber es war nie so, dass man das Gefühl hatte, es würde eskalieren." Höwedes selbst hatte kurz nach der Pause Glück, dass sein Handspiel an der Strafraumgrenze nicht geahndet wurde. Eine Entscheidung, die sich aber vertreten ließ, weil der Weltmeister aus kurzer Distanz angeschossen wurde und seinen Arm nicht aktiv in die Flugbahn des Balles gebracht hatte.

Felix Brych zeigte also in einem schwierigen Lokalkampf nach anfänglichen Schwierigkeiten eine starke Leistung. Auffällig war, wie gut er Passrichtungen, Spielverlagerungen und Zweikämpfe antizipierte, seine eigenen Laufwege danach ausrichtete und so meist optimal zum Spielgeschehen positioniert war. Das ist kein Zufall und auch nicht bloß Intuition, sondern vor allem das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit der Spielweise beider Mannschaften. Längst bekommen die Referees Taktikschulungen und werden gezielt darauf vorbereitet, was bestimmte Strategien der Teams für sie bedeuten können, welche Pärchenbildungen zu erwarten sind und mit welchen Konflikten gerechnet werden muss.

Viel Glück für Höger

Dass es trotzdem weiterhin zu Fehlern und strittigen Entscheidungen kommen wird, liegt dabei in der Natur der Sache. Manche Einschätzungen der Unparteiischen sind gleichwohl längst nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint. So wie am Sonntagabend in Köln, als der Hamburger Gideon Jung schon nach zwei Minuten den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand spielte. In der Zeitlupe des Fernsehens sah es zunächst nach klarer Absicht aus, doch weitere Wiederholungen zeigten noch etwas anderes: Der Verteidiger der Gäste war von seinem Mitspieler Johan Djourou sowie vom Kölner Stürmer Anthony Modeste gewissermaßen in die Zange genommen worden und dadurch ins Stolpern geraten. Das Handspiel geschah deshalb letztlich beim Versuch, irgendwie das Gleichgewicht zu halten, und damit eher unabsichtlich. Dass Schiedsrichter Benjamin Brand hier weiterspielen ließ, war jedenfalls nachzuvollziehen.

Zu hart muss man hingegen die Gelbe Karte nennen, die der Unparteiische 20 Minuten später Modeste zeigte. Auch der Franzose hatte den Ball kurz mit der Hand gespielt, auf dem Weg zum gegnerischen Tor nämlich. Benjamin Brand hatte offenkundig den Eindruck, dass das in unsportlicher Absicht geschah und er hinters Licht geführt werden sollte. Die TV-Wiederholung bestätigte diesen Verdacht nicht – aber auf dem Platz stellt sich manches nun mal anders dar. Das Foul von Ashton Götz an Yuya Osako dagegen, das in der 40. Minute zum Strafstoß für die Hausherren führte, war gänzlich unstrittig. Modeste traf jedoch nur den Pfosten.

In der 58. Minute wiederum folgten ein Fehler des Unparteiischen und eine glänzende Entscheidung unmittelbar aufeinander: Zunächst ließ der Referee zu Unrecht viel Nachsicht walten, als der schon verwarnte Kölner Marco Höger im Mittelfeld ein taktisches Foul gegen den Hamburger Bobby Wood beging. Ohne diese Regelwidrigkeit hätte Wood reichlich Raum vor sich gehabt und einen erfolgversprechenden Angriff vortragen können, deshalb hätte es die Gelb-Rote Karte für Höger geben müssen. Vor der anschließenden Freistoßausführung rammte Wood dann dem Kölner Dominique Heintz den Ellenbogen in den Magen, was der Referee nicht sah, dafür aber sein Assistent. Nach einer kurzen Rücksprache folgte deshalb auch die einzig richtige Konsequenz in Form eines Platzverweises für den Hamburger. So sieht eine ausgezeichnete Zusammenarbeit im Team aus - und das ganz ohne Zeitlupe.

Quelle: ntv.de

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