Collinas Erben

"Collinas Erben" kühlen ab Nur die Ruhe mit dem Videobeweis!

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Verzweifelter Kölner: Manager Jörg Schmadtke beim Spiel gegen Frankfurt.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Die Video-Assistenten sorgen auch am fünften Spieltag der Fußball-Bundesliga für Aufregung - vor allem in Schalke und Köln. Das ist verständlich, aber auch ein Ausdruck zu hoher Erwartungen. Dabei ist wenig passiert, womit nicht zu rechnen war.

In diesen Tagen liest und hört man, wenn es um das allgegenwärtige Thema Videobeweis geht, häufig das Wort "gefühlt". Gefühlt greife der Video-Assistent zu häufig ein, gefühlt sei das Spiel deshalb zu lange unterbrochen, gefühlt gebe es keine klare Linie bei den Interventionen, gefühlt machten die Assistenten an den Bildschirmen viel zu viele Fehler, gefühlt sei der Fußball gar nicht gerechter geworden. Es sind viele Emotionen in der Diskussion über diese Neuerung, die Debatte ist überhitzt, es vergeht kein Spieltag, an dem das Thema nicht im Mittelpunkt steht.

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Offensichtlich gibt es eine große Diskrepanz zwischen den Erwartungen an die Video-Assistenten und der Praxis in der Bundesliga. Diese Praxis wird vielfach heftig kritisiert. So ist es an der Zeit, die Erwartungen zu hinterfragen und sich an Fakten zu orientieren. Was sich problemlos feststellen lässt, ist die Zahl der Entscheidungen, die aufgrund von Eingriffen der Video-Assistenten geändert wurden. Bislang wurden fünf Strafstöße gegeben, die ohne Intervention aus der Zentrale in Köln nicht verhängt worden wären.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Umgekehrt wurden zwei Elfmeterentscheidungen zurückgenommen. Zwei Tore wurden annulliert, ein aberkannter Treffer wurde für gültig erklärt. Zudem gab es einen Platzverweis, bei dem es ohne den Video-Assistenten nur die Gelbe Karte gegeben hätte. Das macht elf Korrekturen in 45 Spielen. Hochgerechnet auf die gesamte Saison wären das 75 Änderungen. Folgt man Hellmut Krug, Projektleiter Videobeweis beim DFB, hätten die Assistenten in der vergangenen Spielzeit 77 klare Fehler der Schiedsrichter verhindert.

Gemessen daran liegt die Zahl der Eingriffe bislang also im Rahmen dessen, was die Schiedsrichter-Kommission des DFB erwartet und gegenüber der Öffentlichkeit kommuniziert hat. Gewiss, die Zahlen sagen nichts darüber aus, ob diese Interventionen tatsächlich berechtigt waren, und sie schließen logischerweise auch nicht die Fälle ein, in denen ein Berichtigungsvorschlag des Video-Assistenten geboten gewesen wäre. Aber sie bilden zumindest die Praxis ab, und in der mussten sich die Unparteiischen zumindest bislang nicht häufiger korrigieren lassen, als anzunehmen war. Wenn viele dennoch den Eindruck haben, dass sich die Video-Assistenten zu oft einmischen, hat das einen simplen Grund: Sie prüfen jede Szene, in der auch nur der leise Verdacht besteht, dass etwas geschehen sein könnte, das ihr Einschreiten erforderlich macht.

Der Ernstfall ist etwas anderes als die Theorie

Das geschieht meist, während der Ball noch im Spiel ist, weshalb es niemand mitbekommt. Ist die Partie aber unterbrochen und ein Check läuft noch, muss der Referee die Spielfortsetzung verzögern, um abzuwarten, ob aus Köln ein Korrekturvorschlag unterbreitet wird. Denn sobald der Ball wieder rollt, darf er seine Entscheidung bekanntlich nicht mehr ändern. Diese Verzögerungen - zu denen es vor allem nach Toren und Strafraumsituationen kommt - werden von vielen ebenfalls als Eingriffe empfunden. Dabei bestätigt der Video-Assistent in den weitaus meisten Fällen lediglich das, was der Schiedsrichter auf dem Feld entschieden hat.

Zudem dauerten diese Unterbrechungen bislang nur in Ausnahmefällen länger als die 40 Sekunden, die Krug als realistische Obergrenze versprochen hatte. Auch hier bewegt sich die Realität im Rahmen des Erwarteten. Ein Ausufern der Einmischungen durch die Helfer vor den Monitoren ist, nüchtern betrachtet, nicht festzustellen, weder hinsichtlich der Häufigkeit noch in Bezug auf die Dauer der Prüfungen.

Aber was ist mit der besonders heftig diskutierten Frage, wann die Video-Assistenten nun die Änderung einer Entscheidung vorschlagen und wann nicht? Sie sollen es nur bei klaren Fehlern tun, die den Unparteiischen im Zusammenhang mit der Beurteilung von Elfmetersituationen, Platzverweisen, Torerzielungen und Spielerverwechslungen unterlaufen. Und da zeigt sich - was keineswegs überraschend kommt -, dass längst nicht immer unstrittig ist, wann ein solcher klarer Fehler vorliegt. Die Schiedsrichter-Kommission des DFB hatte in der vergangenen Saison in Zusammenarbeit mit den Referees versucht, anhand zahlreicher Beispielszenen möglichst eindeutige Abgrenzungen vorzunehmen. Doch theoretische Übungen und die sogenannten Pre-Live-Tests mit eigens arrangierten Spielen ohne Zuschauer sind etwas anderes als der Ernstfall.

Dreimal Aufregung in Köln

Und dies umso mehr, als nun Spieler, Trainer, Fans und die Öffentlichkeit auf die Auslegungs- und Anwendungspraxis reagieren und ihre Meinungen dazu kundtun. Von dieser Resonanz bleiben die Schiedsrichter und Video-Assistenten sowie ihre sportliche Leitung nicht unberührt, schließlich geht es auch um die Akzeptanz der Umsetzung des Videobeweises. Das heißt, dass die Definition, wann eine klare, mithin korrekturbedürftige Fehlentscheidung des Unparteiischen vorliegt, derzeit während des laufenden Spielbetriebs der Bundesliga nachjustiert wird - nicht zuletzt anhand von strittigen Fällen und von Fehlern, die den Video-Assistenten passieren.

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Neulich in Köln: Timo Horn und Mijat Gacinovic.

(Foto: imago/Eibner)

So gab es beim 0:1 des 1. FC Köln gegen Eintracht Frankfurt am Mittwochabend in der ersten Hälfte gleich drei Situationen, in denen ein Eingriff des Video-Assistenten Wolfgang Stark in Betracht kam, aber nicht erfolgte - was für lautstarke Kritik sorgte. Zunächst in der 21. Minute, als der Kölner Torwart Timo Horn im Strafraum gegen Mijat Gacinovic grätschte und dabei den Ball spielte, bevor er den Frankfurter am Fuß traf.

Schiedsrichter Martin Petersen entschied bei seinem Bundesliga-Debüt auf Strafstoß, Stark kam bei seiner Prüfung zu dem Schluss, dass das jedenfalls keine eindeutige Fehlentscheidung war. Unmöglich fanden das die einen, schließlich habe Horn zuerst deutlich den Ball getroffen. Für nachvollziehbar hielten das andere, die darauf verwiesen, dass Horn mit viel Einsatz in den Zweikampf gegangen war und dabei eben auch einen Gegner zu Fall gebracht hatte. Kurz nach dem verwandelten Elfmeter riss der Kölner Verteidiger Dominique Heintz nach einer Flanke den Frankfurter Sebastian Haller im Strafraum an der Schulter zu Boden. Petersen ließ weiterspielen, Stark schritt auch diesmal nicht ein. Dabei ähnelte die Szene stark dem Foulspiel von Charles Aranguiz an Robert Lewandowski im Eröffnungsspiel dieser Saison zwischen dem FC Bayern und Bayer 04 Leverkusen. Auch damals hatte der Schiedsrichter nicht gepfiffen, bevor er auf Anraten des Video-Assistenten doch noch einen Strafstoß verhängte - zu Recht.

Nach 33 Minuten sprang schließlich der Frankfurter Abwehrspieler Simon Falette im Strafraum dem Kölner Leonardo Bittencourt von hinten ins Kreuz. Ein übertriebener Körpereinsatz, bei dem Falette kaum bis gar kein Interesse am heranfliegenden Ball zeigte, den er mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht hätte spielen können. Erneut winkte der Schiedsrichter ab und erhielt von seinem Video-Assistenten auch keine gegenteilige Empfehlung. Dreimal also hielt sich Wolfgang Stark zurück, dabei gab es zumindest in den Fällen zwei und drei eigentlich kaum Argumente, die für die Entscheidung des Referees auf dem Feld sprachen. Beim Strafstoß für die Eintracht dagegen greift der Grundsatz, dass die Frage des Video-Assistenten nicht lautet, ob eine Entscheidung richtig ist, sondern ob sie so klar falsch ist, dass sie zwingend geändert werden muss. Das hat Wolfgang Stark verneint, weil Horn mit einiger Verve außer dem Ball auch Gacinovics Fuß traf. Dass er keine Korrektur vorschlug, lag daher im Rahmen der Vorgaben.

Schalke versteht die Welt nicht mehr

Am Abend zuvor hatten sich auch die Schalker nach dem Spiel 0:3 gegen den FC Bayern vehement über den Video-Assistenten beklagt, weil dieser dem Unparteiischen Marco Fritz mitgeteilt hatte, dass das Handspiel von Naldo im eigenen Strafraum als strafbar zu bewerten sei. Fritz hatte ursprünglich auf Eckstoß entschieden, gab dann aber schließlich doch einen Elfmeter. Schalke machte geltend, Naldo sei der Ball von einem anderem Körperteil, nämlich seinem Fuß, an den Arm gesprungen. Und das sei, so hätten sie es jedenfalls in einer Schulung durch den DFB gelernt, ein klares Indiz dafür, dass keine Absicht vorliegt.

*Datenschutz

Die Schalker verwiesen dabei auf eine ihrer Ansicht nach nahezu identische Situation in ihrem Spiel bei Hannover 96 am zweiten Spieltag. Damals war dem Hannoveraner Salif Sané der Ball ebenfalls vom Fuß an den erhobenen Arm gelangt, es gab jedoch keinen Elfmeter und keine Intervention des Video-Assistenten. Hellmut Krug bemühte sich in einem Interview der "Sportschau", den Unterschied zwischen beiden Fällen zu erläutern, der vor allem in der Armhaltung beider Spieler liege. Sané habe seinen Arm, mit dem er das Handspiel beging, "doch noch relativ nah am Köper" gehabt, Naldo dagegen bei seiner Grätsche "beide Arme deutlich über Kopfhöhe" gehalten, "fast in Torwartmanier". Das sei "ohne jede Frage" eine "unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche" und damit auch dann strafbar, wenn der Ball von einem anderen Körperteil an den Arm springt.

Deshalb sei das Einschreiten des Video-Assistenten in diesem Fall richtig gewesen und dessen Zurückhaltung beim Handspiel von Sané zumindest akzeptabel. Eine Erklärung, die nachvollziehbar ist, aber auch einen Maßstab setzt, an der künftige vergleichbare Situationen gemessen werden müssen. Gerade beim Thema Handspiel ist es seit geraumer Zeit jedoch schwer, zu einer einigermaßen einheitlichen Linie bei der Beurteilung der Strafbarkeit zu finden. Nun muss auch noch der Video-Assistent unter Zeitdruck entscheiden, wann sein Eingriff notwendig ist und wann nicht.

Work in progress

In Augsburg blieb derweil sowohl dem Mann am Monitor als auch dem Schiedsrichterteam eine obszöne Geste von Daniel Baier im Spiel des FCA gegen RB Leipzig (1:0) verborgen. Baier hatte gegenüber dem Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl pantomimisch eine selbstbezogene sexuelle Handlung dargestellt. Dafür wurde er vom DFB-Kontrollausschuss zu einer Sperre von einem Spiel und einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt. Hätte Referee Daniel Siebert die Unsportlichkeit bemerkt, wäre eine Rote Karte fällig gewesen.

Dass sie jedoch weder ihm oder seinen Assistenten respektive dem Vierten Offiziellen auffiel, noch dem Video-Assistenten in Köln, kann man schwerlich als krasses Versäumnis bezeichnen. Dafür kam die Geste zu überraschend, und sie war auch zu flüchtig, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Niemand von ihnen, den Video-Assistenten eingeschlossen, dürfte auch nur annähernd den Verdacht geschöpft haben, dass hier ein feldverweiswürdiges Vergehen begangen wurde. So blieb es auf dem Platz ungeahndet.

Insgesamt gibt es beim Videobeweis zweifellos noch eine Menge zu tun, nachzubessern und zu klären. In gewisser Weise ist er "work in progress" - und eben auch ein Test, über dessen Ergebnis erst Mitte 2018 entschieden werden wird. Als solcher wurde er zwar angekündigt, doch die Ungeduld ist so überbordend, wie es die Erwartungen sind. Gerade die Verständigung darauf, was als klarer Fehler anzusehen ist, kann aber nicht nur in der Theorie und nicht nur in bedeutungslosen Testspielen geschehen, sie erfolgt zwangsläufig vor allem in der Praxis. Der Ligaalltag läuft seit gerade mal fünf Spieltagen. Alle Beteiligten wären gut beraten, einen Gang zurückzuschalten, statt die Debatten weiter anzuheizen.

Quelle: n-tv.de

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