Redelings Nachspielzeit

Redelings über Trainingslager Als sich fünf Schalker im Wald verliefen

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Klaus Täuber - Raucher, Fußballer und nie um einen Spruch verlegen.

(Foto: imago/Kicker/Eissner)

Jetzt geht es für die Bundesligisten wieder ab ins Trainingslager. Nicht wenige Spieler hassen diese Phase der Saisonvorbereitung. Doch nur selten droht die Lage so sehr in die Katastrohe abzugleiten wie in der Saison 1983/84 beim FC Schalke 04.

Klaus Täuber ist ein echter Typ - der Trainingslager nie besonders schätzte. Der Mann, der nach dem Europapokalsieg mit Bayer Leverkusen 1988 den mittlerweile legendären Satz prägte - "Heute knall' ich mir die Birne voll, bis mir das Bier zu den Ohren rausläuft" - blies sich auch gerne das eine oder andere Päckchen der verführerischen Lungenbrötchen am Tag in die Kiemen. Doch das sollte sich zu Beginn der Spielzeit 1983/84 rächen. Damals traf der "Boxer", wie er genannt wurde, beim in den Niederungen der 2. Liga herum dümpelnden königsblauen Schalke 04 auf den neuen Übungsleiter Diethelm Ferner. Und weil es dort sportlich einfach nicht so lief, wie sich das alle vorstellten, wollte der Trainer den faulen Säcken von Spielern mal ordentlich den Marsch blasen und setzte deshalb im Trainingslager drei knüppelharte Einheiten pro Tag an. Eine Maßnahme, die verständlicherweise bei den Kickern für enthusiastische Begeisterungsstürme sorgte. Vor allem der morgendliche Waldlauf um Punkt 7 kam - wie man sich denken kann - bei allen riesig an.

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Diethelm Ferner schaffte mit Schalke 04 den sofortigen Wiederaufstieg in der Saison 1983/84.

(Foto: imago sportfotodienst)

Um jedoch Routine zu vermeiden, entschloss man sich wenigstens jeden Tag aufs Neue eine andere Route für die schweißtreibenden Einheiten zu wählen. Und so trabte man gemächlich und geschlossen los. Und trabte und trabte und trabte, der eine etwas schneller, der andere etwas langsamer und schon bald hatten sich drei, vier Grüppchen gebildet, die sich langsam aus den Augen verloren.

"Du kennst doch den Weg?"

Der etwas lauffaule und nikotingeschwängerte Stürmer Täuber hielt sich, um Kräfte zu sparen, an seinen in die Jahre gekommenen, ebenfalls nicht sonderlich fitten Trainer. Und so trabten die beiden locker zu zweit einsam durch den Wald. Mittlerweile war man schon über fünfzig Minuten unterwegs, hatte manche Steigung und nicht wenige Weggabelungen passiert, als Didi Ferner regungslos ohne das kleinste Anzeichen von Ironie fragte: "Klaus, du kennst doch den Weg, oder?!" Hätte Täuber ein Gebiss in seinem Mund gehabt, es wäre ihm in diesem Moment ganz sicher heraus gefallen. Völlig entsetzt blickte er seinem Trainer ins Gesicht und stammelte mit hochrotem Kopf nur ein einziges Wort: "NEIN!" Ferner lief weiter, als wäre nichts gewesen. Ein paar Hundert Meter später stoppte er plötzlich, stemmte die Arme in die Hüften, schaute auf den Boden und sagte atemlos: "Ich nämlich leider auch nicht, Klaus!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Als beide nach einer dreißig Kilometer langen Schleife über die Landstraße 743 gegen 12.30 Uhr mit allerletzter Kraft am Hotel ankamen, wurden sie von der übrigen Mannschaft bereits voller Sorge empfangen. Denn noch war die Katze nicht im Sack. Eine dreiköpfige Ausreißergruppe um Volker Abramczik hatte sich tief in den Wäldern des Sauerlandes verirrt. Erst die Aussendung des Mannschaftsbusses und einiger Privatfahrzeuge ermöglichte schließlich die glückliche Rettung der drei Kameraden. Völlig ausgepumpt und ausgedörrt wie Kamele in der Wüstensteppe hingen die blassen Schalker über einer Leitplanke. Trainer Didi Ferner ließ man nach dieser Schlappe noch nicht einmal mehr alleine mit dem eigenen Auto den Weg vom Vereinsgelände nach Hause fahren. Für die restliche Zeit auf Schalke stellte man ihm einen Mann namens Charly Neumann als Betreuer zur Seite, der ab diesem Moment ein völlig neues Betätigungsfeld bei den Königsblauen ausübte.

"Langsam angefangen, etwas weniger zu rauchen"

Viele Jahre später ergänzte Täuber - mittlerweile übrigens selbst als Coach unterwegs - die herrlich-kuriose Trainingslager-Geschichte noch um einen kleinen Schlenker: Ein Tag nach dem Lauf, so berichtete der "Boxer" lächelnd, habe er nämlich plötzlich so ein unergründliches Zwicken in den berühmten Adduktoren gehabt. Er verglich es mit einer Sehnenscheidenentzündung, die hier und da schon einmal bei normalen Arbeitnehmern auftauche. Denn nach dem ganzen Stress mit der Lauferei habe er die Schnauze voll gehabt: "Naja, und dann habe ich mir erst einmal Adduktoren genommen." Die restliche Woche des Trainingslagers pausierte Täuber so. Das fanden natürlich nicht alle gut. Morgens, wenn er sich schön im Bett noch einmal rumgedreht habe, während die anderen Spieler aus den Federn mussten, berichtete Täuber, hätten ihn seine Mannschaftskameraden für das Vorspielen falscher Tatsachen gehasst.

Doch geschadet hat es dem Teamgeist damals nicht. Nach der harten Vorbereitung schaffte der FC Schalke 04 mit einem zweiten Platz am Ende der Saison den direkten Wiederaufstieg. Vielleicht lag es auch ein stückweit daran, dass sich Täuber nach diesem Ereignis selbst etwas disziplinierte - wie er mit einem Augenzwinkern erzählte: "Meine direkte Vorbereitung auf das Spiel am Wochenende startete bei mir immer am Mittwoch - denn dann habe ich langsam angefangen, etwas weniger zu rauchen."

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Quelle: ntv.de

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