Redelings Nachspielzeit

Redelings über Ente Lippens Der größte Transfer-Coup aller Zeiten

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Spielte seinen Gegnern auch in den USA Knoten in die Beine: Willi "Ente" Lippens.

Heute drehen die Berater das lukrative Rad im Transferzirkus - früher waren die Spieler selbst noch direkt beteiligt. Und das führte zu äußerst kuriosen Szenen. Einer der lustigsten Entertainer der Bundesliga, Willi Lippens, erzählt herrliche Storys aus diesen wilden Zeiten.

Es sind Geschichten aus einer anderen, sehr verrückten Zeit! Zum Ausklang seiner Karriere wollte der große Unterhaltungskünstler der Bundesliga, Willi "Ente" Lippens, noch einmal etwas erleben. Damals meinte er gewohnt spitzfindig über seine Pläne: "Ich geh jetzt nach Amerika, denn da gibt es noch einige Verteidiger, denen ich noch keine Knoten in die Beine gespielt habe." Zu seiner eigenen Überraschung ließ ihn der junge Dortmunder Präsident Reinhard Rauball mitten in der Saison 1978/79 vorzeitig in die USA ziehen. Ein unerhört riskantes Unterfangen für den BVB, das fast schief gegangen wäre, wie sich Rauball einmal erinnerte: "Das war eine sentimentale Handlung, die man sich in diesem knallharten Geschäft Bundesliga nicht erlauben dürfte. Wehe, wenn wir abgestiegen wären. Ich hätte den Rest meines Lebens um jede Ente einen weiten Bogen gemacht."

Als Lippens dann über den großen Teich geflogen war, erkannte er sofort, dass sein Showtalent in den USA ganz besonders gefragt war: "Wenn ich mich mal auf den Ball setze und dem Gegner zuwinke, ist hier Karneval!" Er präsentierte bei den Dallas Tornados die ganze Palette seines Repertoires. Gerne zeigte er dem Publikum und dem Gegner mit dem Finger an, dass er rechts vorbei gehen würde und zog dann links vorbei. Oder er stoppte den Ball mit dem Hintern. Schon nach kurzer Zeit war Lippens von seiner neuen Heimat restlos begeistert: "Jetzt weiß ich auch, warum Dick und Doof aus Amerika kamen."

"Hömma, dein Vertrag läuft doch auch aus"

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Gert Tinklein weckte Lippens mit dem Telefon: "Hömma, dein Vertrag läuft doch auch aus."

(Foto: imago sportfotodienst)

Aus den Tagen, als er von einem ehemaligen Bundesliga-Kollegen in die USA zu den Dallas Torpedos gelockt wurde, stammt auch diese total verrückte Geschichte, die Lippens einmal launig auf der Bühne zum Besten gab: "Mitten in der Nacht klingelte bei mir zu Hause das Telefon. ›Hier ist Gert Trinklein. Hömma, dein Vertrag läuft doch auch aus und hier in Dallas gibt es ’ne schöne Marie zu verdienen, ganz wunderbar. Aber lass dir das schriftlich geben, dass du ablösefrei bist!‹ Anfang der 80er waren wir ja alle drüben. In Deutschland war ja kaum noch einer, der gespielt hat. Cruijff, Neeskens, Beckenbauer. Müller, Hölzenbein … alle. Die waren 1979 alle drüben. Dann habe ich mir das geben lassen von der Borussia und bin rüber nach Dallas. Gert hatte schon alles vorbereitet und dann kostete ich auf einmal soooo einen Klotz Ablösesumme. Das Geld lag auf der Bank und der Gert hat dann gesagt, wir regeln das mit der Freigabe. Die haben uns ja alles geglaubt. Und dann haben wir geteilt. Eins für dich und eins für mich. Gut, weg.

Und dann fiel mir ein, Mensch, da ist doch noch der Wolfgang Rausch, der spielt ja jetzt bei den Bayern. Der war von Rot-Weiss (Essen) nach München gegangen, aber spielte da nicht so richtig. Da habe ich gedacht, ruf den mal an. Ja, wunderbar, dann saß der auch im Flieger. Und dann kostete er auch wieder richtig Geld. Da haben wir dann zu dritt gesessen. Eins für dich, eins für dich und eins für mich. Sehr schön.

Da sagte der Wolfgang, och, den Ede Wolf, den habe ich noch letzte Woche gesehen, der will auch aufhören bei der Borussia. Ja, gut, haben wir gesagt, dann rufen wir jetzt den an. Einmalig. Der kam, kostete ’nen Klotz Ablöse. Einer für dich, einer für dich, einer für dich, einer für mich. Wunderbar. Und dann kam der Flemming Lund, der bei Rot-Weiss und der Fortuna gespielt hatte, der dann auch zu uns kam, da waren wir zu fünft. Für dich, für dich, für dich, für dich, für mich.

Geldpakete aus West-Berlin

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Spaßvogel: Ente Lippens im Jahr 1978.

(Foto: imago/Horstmüller)

Als Letztes kam schließlich die Bombe. Klaus Toppmöller. Der kam zu uns nach Dallas und kostete einen R-i-e-s-e-nklotz. Das war praktisch das Ende für den Verein. Da waren wir zu sechst. Da musstest du schon einen schönen breiten Tisch haben, um das alles nebeneinander zu kriegen. Ja. Nur der Klaus Toppmöller war verletzt und hat nie wieder gespielt. Aber, wie gesagt, wir hatten es drin und das war gut."

Noch bevor er in die USA ging, hatte Lippens auch in Deutschland immer wieder sehr lukrative Offerten anderer Vereine ermeinhalten. Fast schon abenteuerlich war, wie sich diese Transfers anbahnten. Lippens erinnert sich: "Ich habe Angebote gehabt aus ganz Mitteleuropa, sag ich einmal. Das dickste Ding habe ich erlebt, als es gegen halb Acht an meiner 2 1/2–Raum-Wohnung, wir waren damals frisch verheiratet, schellt und da ein Kerl von einem Baum vor der Tür steht und sagt: ‚ Kennst du mich?’ Ja, sicher, sag ich, du bist der Holz von der Hertha. ‚Wir möchten unbedingt, dass du in Berlin spielst.’ Ich sag, komm doch erst einmal rein, brauchen doch nicht draußen stehen bleiben. Ja, sagt er, ich hab wenig Zeit, ich bin gerade in Düsseldorf gelandet, muss aber den letzten Flug nach Berlin wieder erwischen - weil es damals ja den Korridor gab -, deshalb will ich nicht lange drum herum reden. Er macht den Koffer auf und sagt: ‚Alles für dich, was da drin ist. Unterschreib mal zwei Jahre!’ Ja, und dann war da sehr viel Geld. Alles in Päckchen drin. Und meine Frau sagt: ‚Unterschreib doch’. Aber ich konnte mich nicht entscheiden und da hat er gesagt: ‚Ich muss jetzt weg, ich fahr zum Anwalt König, gegenüber vom Hauptbahnhof in Essen, deponiere da das Geld im Safe und dann hast du drei Tage Zeit, kannst den Vertrag unterschreiben, kannst das Geld mitnehmen und wir sehen uns nach der Sommerpause.’ Ja, dann bin ich drei Tage um den Bau rum – gehst du hoch, gehst du nicht hoch oder was machst du – und zum Schluss bin ich doch wieder geblieben, weil ich ja sehr bodenständig war. Und das war auch so: In Essen war ich wer. Wenn ich über die Kettwiger Straße gegangen bin, sind 200 Leute hinter mir hergelaufen. Ich habe mich wohlgefühlt, im Ruhrgebiet sowieso, auf viel Kohle verzichtet, aber es nie bereut." Bis es dann schließlich doch noch in die USA ging – zum dicken Geld, das in Bündeln auf großen Tischen fair untereinander aufgeteilt wurde.

 

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Quelle: n-tv.de

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