Redelings Nachspielzeit

Redelings über Freud und Leid Klubliebe schluckt "extreme Scheiß-Leistungen"

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"Für Stadt und Verein" - und auch für immer?

(Foto: imago/Picture Point LE)

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Zwischen Hochgefühl und totaler Depression liegen manchmal nur Momente oder ein Fußballspiel. Und wenn sie einmal schwören, damit sei nun Schluss, dann wissen sie im Grunde ihres Herzens, dass das eine Lüge ist.

Was für Deppen! Wie kann man nur so einen Haufen von Idioten und Nichtskönnern auf die Welt loslassen? Die musst du alle rausschmeißen. Oder noch besser: Alle in einen Sack packen und dann kräftig draufeinhauen - da erwischst du immer den Richtigen. Aber vorher sollen die mal schön den Weg aus dem Stadion nach Hause laufen - die kompletten 531 Kilometer. Das kann doch einfach nicht wahr sein: Warum fischen eigentlich immer nur wir die trüben Tassen aus dem Transferbecken? Das hat doch System. Da sollte man auch mal über den Manager nachdenken. Und der Aufsichtsrat kann sich auch gleich mit verpissen. Was machen die überhaupt die ganze Zeit? Ich habe so was von dermaßen die Schnauze voll. Die sollen einfach alle abhauen. Das ist doch nur noch lächerlich. Dieser ganze Klub ist ein einziges Missverständnis. Aber jetzt ist endgültig Schluss - von diesem Verein lasse ich mir kein Wochenende mehr kaputtmachen. Jetzt trinke ich erst mal schön eine Tasse Kaffee mit einem Stück Schwarzwälder Kirsch dabei. DIE sehen mich auf jeden Fall NIE wieder!

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Das war nach dem vergangenen Wochenende - und nach einer Niederlage in Sandhausen. Vor etwas über einem Monat sah die Welt noch genau spiegelverkehrt aus. Da standen unten auf dem Rasen elf kleine Götter, die auf ewig ihren Platz im Herzen und Fan-Olymp sicher hatten. Das war nach einem Auswärtssieg in Köln. Dazwischen liegt eine lange Winterpause, ein erzitterter Sieg und ganz viel Hoffnung. Wer Anhänger eines Fußballklubs ist, der nicht zufälligerweise sechsmal hintereinander locker aus der Hüfte heraus Meister werden kann, der wird diese extremen Schwankungen im Gefühlshaushalt kennen. Das eine Mal denkst du, die Eroberung der Weltherrschaft war nie so nahe und das andere Mal fährst du in deinem Cabrio der Sonne entgegen und stehst plötzlich im Windschatten eines Gülle-Treckers, der sein Füllhorn genau über dir entleert. Fußball kann so schön und so grausam sein. Und weil du eben nicht selbst auf dem Rasen stehst, sondern elf Männer und ein Trainerteam für dich ackern lässt, bist du zwar stets hautnah mit dabei, aber Gott sei Dank nie schuld - wenn es einmal nicht so läuft. Immer nach dem Motto: Im Jubel vereint, in der Niederlage getrennt!

Zwischen "Witz-Verein" und "geilstem Klub der Welt"

Fußballfans kann man dieses Verhalten im Grunde nicht übel nehmen. Genauer noch: Man darf dieses Getöse erst gar nicht zu ernst nehmen. Das sind eben Gefühle, die wo emotional nur schwer zu kontrollieren sind - um es mal mit einer abgewandelten Spruch-Mischung aus Klinsmann und Möller zu sagen. Denn eins ist ja auch klar: 99,9 Prozent aller Anhänger kommen schon recht bald wieder zu ihrem "Witz-Verein" (O-Ton nach Niederlagen) zurück, weil sie ohne ihren "geilsten Klub der Welt" (O-Ton nach Siegen) nicht leben können.

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Nicht hingehen, ist auch keine Option. Das dürften sie in Gelsenkirchen ähnlich sehen.

(Foto: imago/Revierfoto)

Kann schon sein, dass sie es schaffen, ein Mal ihrem Verein zu zeigen, wo der Hammer hängt und nicht hingehen. Aber lange werden sie es nicht aushalten. Und schon beim übernächsten Spiel wird es wieder in den Fingern jucken, denn schließlich weiß der Fußballfan im Allgemeinen ja nie, wann die Weltherrschaft das nächste Mal zum Greifen nahe sein wird. Und dann möchte man natürlich mit dabei sein. Denn in ein paar Jahren, wenn man wieder einmal auf all die Erlebnisse mit seinem Klub zurückschaut, wird man sich selbstverständlich noch an Sandhausen erinnern, aber man wird noch viel mehr mit einem Leuchten in den Augen an diesen sensationellen Abend und die durchfeierte Nacht von Köln zurückdenken. Kurzum: Nicht hingehen, ist auch keine Option. Oder wie es nach einer langen Diskussion im Internet User: Tom auf die Frage eines anderen Fans - "Wie oft denn noch, Tom? Wie viele extreme Scheiß-Leistungen soll man noch schlucken und immer so tun, als würde einen dieser Mist auch nur halbwegs unterhalten???" - so präzise und fast schon poetisch antwortete: "... bis zum Ende!" Genau so sieht es aus. Was für ein schaurig-schöner Gedanke! Also: Wir sehen uns im Stadion.

Quelle: n-tv.de

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