Redelings Nachspielzeit

Redelings über die Legende Löring "Morgens nüchtere ich meinen Kater aus"

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"Hau ab in die Eifel": Jean Lörung wirft am 15. Dezember 1999 seinen Trainer Toni Schumacher raus.

(Foto: imago/Horstmüller)

Den Trainer Toni Schumacher warf er zur Halbzeit raus, Schiedsrichter hielt er allgemein für Witzfiguren und Briefträger waren ihm ein Graus. Jean Löring war sein eigener Verein. Er war Fortuna Köln. Ein echter Typ, der heute fehlt.

Jean Löring war Fortuna Köln. Der Präsident und Handwerker, der 2005 im Alter von 70 Jahren starb, hat zwar nur ein Jahr mit seinem Verein in der ersten Fußball-Bundesliga erlebt, dafür aber zeitlebens für viele bunte Geschichten gesorgt. Als er zum Schluss nicht mehr konnte, wollte er sich mit einer spektakulären Aktion verabschieden. Er bot dem damaligen Geschäftsführer des Sponsors der Fortuna eine Million Mark - falls er den Verein übernähme. Doch dieser lehnte dankend ab.

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Stets emotional: Jean Löring im Jahr 1985.

(Foto: imago/Horstmüller)

Der häufig aufbrausende, stets emotional statt rational agierende Präsident spuckte nie in eine geöffnete Flasche alkoholischen Getränks ("Morgens denke ich nicht, da nüchtere ich höchstens meinen Kater aus"). Die Fortuna war sein Klub, wie er bei der Entlassung des Trainers Toni Schumacher in der Halbzeitpause einer Partie so schön sagte: "Ich als Verein musste reagieren!" Dieser 15. Dezember 1999 war ohnehin ein besonderer Augenblick in der Geschichte der Stadt.

Zur Halbzeit des Zweitligaspiels gegen den SV Waldhof Mannheim stand es 0:2. Löring war außer sich. Beim Gang in die Katakomben fragte er die Ordner, was er denn jetzt tun solle? Einstimmige Antwort: Du musst den Toni entlassen. Und das tat Löring dann auch. Sein Wortlaut vor der versammelten Mannschaft in der Kabine: "Hau ab in die Eifel. Du machst meinen Verein kaputt. Du hast hier nichts mehr zu sagen, du Wichser!" Die Partie endete übrigens 1:5.

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Natürlich hatten die Ordner gemeint, dass man den "Kölner Jung’" Schumacher wie gewöhnlich nach dem Spiel entlässt und nicht mittendrin. Auch für einen anderen Trainer setzte sich der Präsident lieber selbst auf die Bank. Zuvor hatte er Volker Kottmann entlassen. Dessen Verhalten erschien ihm suspekt: "Ich kann keinen Trainer gebrauchen, der am Freitag die Sterne fragt, wen er am Samstag aufstellen soll. Nach dem Motto: Wenn der Jupiter schlecht steht, dann spielt der nicht, bei der Venus darf der mal ran!" Für seine geliebte Fortuna tat Löring einfach alles. Als bei einem Spiel der Rot-Weißen wenige Minuten vor Schluss der Begegnung das Flutlicht ausfiel, soll der gelernte Elektriker angesichts einer deutlichen Führung seines Klubs die Behebung des Kurzschlusses im wahren Sinne des Wortes selbst in die Hand genommen haben: Mit bloßen Arbeiterprangen hielt er zwei Starkstromkabel bis zum Schlusspfiff zusammen.

"Die Briefträger sind nicht gekommen"

Doch selbst der charismatische Präsident und seine spektakulären Aktionen änderten nichts am mangelnden Zuschauerinteresse in der Südstadt. Der Verein war häufig dem Gespött der Fußball-Öffentlichkeit ausgesetzt. Werner Hansch meinte einmal süffisant: "Und wieder nur 500 Zuschauer im Kölner Südstadion, rufen Sie an und ich gebe Ihnen die Namen durch."

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Und dann verscherzte es sich Jean Löring Anfang der neunziger Jahre auch noch mit einer Zuschauergruppe - den Beamten. Als seine Spieler mal wieder nicht so agierten, wie er sich das vorstellte, warf er ihnen mangelnde Berufsauffassung und "Beamtenmentalität" vor. Er verglich ihr Verhalten mit dem seines Briefträgers: "Kommst du heute nicht, kommst du morgen." Die Beamtenverbände liefen Sturm. Aber im Grunde war der Protest auch ganz praktisch. Die notorisch unter Zuschauermangel leidenden Südstädter hatten endlich eine plausible Erklärung für die wenigen Anhänger. Und als kurz nach Lörings Aussage gegen Bayreuth nur noch 450 Menschen den Weg ins Fortuna-Stadion fanden, erklärte Kölns Vorstandsmitglied Rudolf Fähnrich das mangelnde Interesse ganz einleuchtend: "Ist doch kein Wunder. Die Briefträger sind allesamt nicht gekommen."

Auch mit einer anderen Berufsgruppe hatte es Löring nicht so. Die Männer in Schwarz waren für ihn ein rotes Tuch: "Nachdem die größte Witzfigur, die ich seit 35 Jahren kennengelernt habe, das Fußballspiel Fortuna Köln gegen Hertha BSC abgepfiffen hat, eröffne ich die Pressekonferenz." Einmal war er sogar so wütend auf die Leistung des Schiedsrichters, dass er hinterher in die Kabine lief und auf den offiziellen Berichtsbogen "Alles gelogen!" schrieb. Der DFB bestrafte Löring mit einem Stadionverbot. Doch da es kurz vor Weihnachten war, schnappte er sich ein rotes Kostüm, einen Rauschebart und dicke schwarze Winterstiefel und stellte sich unerkannt in die Kurve seiner Fortuna.

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Quelle: n-tv.de

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