Redelings Nachspielzeit

Fußball-Liebe ohne Krawall Schalke ist wie eine schöne Krankheit

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Fußballfans können auch kreativ und friedlich sein.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die abstoßenden Bilder aus Gelsenkirchen haben unter der Woche mal wieder die falschen "Fans" in den Fokus gerückt. Jede Schlagzeile über sie ist eigentlich eine zu viel. Denn die Mehrheit der Fußball-Anhänger ist anders. Kreativ, verrückt und häufig so herrlich bekloppt.

Nach einer fußballerisch turbulenten Woche mit irritierenden, abstoßenden Bildern aus Gelsenkirchen will ich eine Lanze brechen für all die anderen, wunderbaren, kreativen und friedlichen Fans da draußen, die so herrlich verrückt sind wie der Bochumer Thomas Dragunski, der aufgrund seines Äußeren von allen nur "VfL-Jesus" genannt wird: "Meine Frau fragte mich mal, wen ich mehr liebe. Sie oder den VfL? Wat fragt die mich dat auch. Ich bin doch ehrlich!"

Die Antwort des VfL-Jesus sollte wohl klar sein - und auch was danach passierte. Aber auch der Schalker Hubert Tecker hat einmal Fan-Sätze für die Ewigkeit gesagt, als er meinte: "Schalke ist wie eine schöne Krankheit. Wenn du sie einmal hast, wirst du sie Gott sei Dank nicht mehr los." Ob das im Moment alle Schalker so sehen? Man weiß es nicht. Aber im Grunde ist der Fußballfan an sich ja äußerst leidensfähig - und zudem ziemlich kreativ im Ausleben seiner Leidenschaft.

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Das musste auch Clare Smith aus Blacktown erfahren. Die stolze Mutter erzählte eines Tages kopfschüttelnd eine nahezu unglaubliche Geschichte: "Wir haben unsere Tochter Lanesra genannt, weil es so ein schöner und einzigartiger Name ist. Erst als sie zwei Jahre alt wurde, hat mein Mann mir gesagt, dass der Name von seinem Lieblingsfußballklub stammt. Arsenal - rückwärts geschrieben." Da hat Tsang Ho Yin Titus aus Hongkong lieber gleich mit offenen Karten gespielt. Als eingefleischter Löwen-Fan konnte der Name seiner Tochter nur etwas mit seinem Lieblingsverein zu tun haben. Und da die Kleine vermutlich nach einem Spiel seines TSV 1860 München gezeugt wurde, bei dem er und seine Frau anwesend waren, hat er seine Tochter "Giesing" - nach dem Stadtteil, in dem der TSV zu Hause ist - genannt. Ganz wie die großen Popstars des Fußballs, siehe Victoria und David Beckham und ihr Sohn Brooklyn.

Und wo wir gerade auf der Insel sind: Während der WM 1986, so berichtete ein englischer Arzt im "Journal der Royal Society of Medicine", habe einer seiner Patienten einen speziellen Hautausschlag auf Armen, Beinen und Rücken entwickelt, als er die Niederlage seiner Engländer gegen Portugal im Fernsehen sah. Vier Tage später kam der Ausschlag zurück - diesmal nach einer schlechten Leistung Englands gegen Marokko. Die Diagnose des Arztes: Der Ausschlag resultiert ganz offensichtlich aus der Frustration, England dabei zuzusehen, wie es jämmerlich verliert. Das Leben des Patienten, so viel wissen wir 35 Jahre später, muss danach wohl noch so manche Strapaze erfahren haben. Man möchte gar nicht wissen, wie der Ausschlag nach dem Ausscheiden bei der WM 1990 im legendären Elfmeterschießen gegen Deutschland wohl ausgesehen haben mag.

Gedanken, so abstrus und real zugleich

Apropos Weltmeisterschaften. Für viele Fußballfans das ersehnte Paradies, das sie einmal im Leben live miterleben möchten. So war es auch damals beim 19-jährigen Robert Stery aus Perth. Dort wollte 1978 unbedingt zur WM nach Argentinien - aber er hatte ein gravierendes Problem: das liebe Geld. Denn eigentlich sollte von dem Gesparten die Hochzeit mit seiner Verlobten finanziert werden. Doch man muss Prioritäten setzen und so fuhr Robert schließlich nach Südamerika und meinte: "Ich kann mir beides nicht leisten, deshalb habe ich Schluss gemacht. Ich werde sie wieder sehen, wenn ich zurückkomme, doch aller Voraussicht nach nur aus der Ferne. Sie war nicht gerade erfreut von meiner Entscheidung!" Komplett durchgeknallt, der junge Mann, würde der Normalbürger wohl sagen, doch Fußballfans werden auch so viele Jahre später noch großes Verständnis für Robert Stery aus Perth zeigen.

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Doch wer jetzt denkt, dass das Leben eines Fußballanhängers einfach nur wunderschön sein muss, weil er in seiner eigenen Welt abhängt und der harten Realität des Alltags entfliehen kann, der sieht sich getäuscht. Denn die beiden Welten prallen immer wieder aufeinander. Selten hat das jemand besser auf den Punkt gebracht als der Gründer des "11Freunde"-Magazins und ntv-Experte Philipp Köster im Film "Warum halb vier? Oder die Liebe zum Fußball": "Und dann waren 10.000 Leute im Stadion und wir verloren 2:1. Man sah erwachsene Männer schluchzen, junge Spieler fielen auf den Rasen und wurden getröstet. Und dann komme ich nach Hause, und da sitzt eine Dame aus dem Literaturkreis meiner Mutter und fragt: 'Wie haben sie denn gespielt?' Da meinte ich: 'WIR haben verloren!' Da sagt die blöde Kuh: 'Wieso DU? Hast du mitgespielt?' Und dann lachten sie hässlich. Meine Mutter und die Literaturtante. Da bin ich doch relativ deprimiert in mein Zimmer marschiert und hatte Massenmordfantasien."

Gedanken, so abstrus und real zugleich, die wohl nur ein Fußballfan in sich tragen kann. Und deshalb sucht sich diese Verrücktheit immer wieder ein Ventil - und nicht selten eben auch bei der Namenswahl für den Nachwuchs, wie abschließend noch einmal zwei weitere Beispiele zeigen sollen. So berichtete der "kicker" einmal von zwei äußerst fanatischen Fans auf der Insel. Der eine war Anhänger des Drittdivisionärs Sheffield United und wollte seinem neugeborenen Sohn alle Vornamen der elf Stammspieler seines Lieblingsklubs geben. Das jedoch wusste seine Frau zu verhindern und reduzierte die lange Liste auf zwei Spieler-Vornamen. Dafür durfte der Mann dann aber den Kapitän des Teams als Taufpaten engagieren.

Und ein anderer Anhänger schob so viel Frust, dass er sich wohl gedacht haben mag: geteiltes Leid ist halbes Leid. Und aus dieser Laune heraus wollte er seinen Sohn "Relegation" nennen. Das bedeutet auf Englisch: Abstieg. Und da sein Verein gerade mal wieder mitten im Abstiegskampf steckte, erschien ihm der Name äußerst sinnvoll. Aber das Amt gestattete ihm diesen nicht. Doch das war für den verrückten, jungen Vater natürlich kein Problem. Er entwarf sogleich eine andere Variante. Und so heißt der Junge nun mit Vornamen: Relly Gation. Fußball-Liebe kann so herrlich bekloppt sein - wenn man ansonsten noch alle Tassen im Schrank hat.

Quelle: ntv.de

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