Redelings Nachspielzeit

Redelings über Fußball-Romantiker Willkommen im Klub, Peter Neururer!

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Fußball-Romantiker? Zumindest macht der argentinische Dribbelkönig Angel di Maria auf dem Fußballplatz gern romantische Gesten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was ist da bloß los? Die "Fußball-Romantiker" sind plötzlich überall. Statt wie bisher zum üblen Schimpfwort taugt der Begriff plötzlich zur Hipster-Vokabel. Wundern ist erlaubt - und die Frage: Wer ist dieser neue Typus Fußballmensch überhaupt?

Selbst das größte Boulevardblatt Deutschlands schwimmt auf der Romantik-Welle mit, die plötzlich Fußball-Deutschland überspült. Zur Rückkehr eines 36-jährigen, vertragslosen Stürmers zu Werder Bremen dichtete das Blatt: "Pizarro. Das Comeback der Fußball-Romantik". Romantik und Fußball? Diese Kombination war bis vor Kurzem noch ein übles Schimpfwort für all die Ewiggestrigen, die nicht akzeptieren wollten, dass der Fußball zu einem "Megabusiness" (Christoph Metzelder) mit teils "perversen" (Peter Neururer) Zügen verfallen ist. Doch woher kommt dieser plötzliche Stimmungswandel und was für ein Typus Mensch ist eigentlich dieser neue "Fußball-Romantiker"?

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Es scheint auf den ersten Blick grotesk, dass sich ein aktives Mitglied des deutschen Fußball-Business live in einer Fußballsendung ("Sport 1 Fantalk") über die fragwürdigen Geschäftspraktiken der eigenen Branche auslässt und am nächsten Tag via Facebook noch einmal nachlegt und seine Kritik untermauert. Peter Neururer, der sich selbst in der letzten Zeit mehrmals öffentlich einen Fußball-Romantiker genannt hat, hat genau dies getan: "Kann meine Meinung auch hier nur wiederholen. Der Abschluss der Transferperiode gestern war zeitweise pervers. Ein Sender berichtet im Minutentakt über 20/30/50 Millionen Transfers. In der Werbepause werden wir aufgefordert für 5 EURO/Monat Kinderleben zu retten. #savethechildren. Vorsicht Fußballgeschäft!!!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Viele sagen, dass die letzten Tage rund um den medial zelebrierten "Deadline Day" den Fußball verändert haben. Das stimmt wohl. Die irrational rausgeschleuderte Inselkohle, die ohne Sinn und Verstand durch die Weltgeschichte geballert wurde, hat offensichtlich selbst die gröber veranlagten Kreaturen zu einem Umdenken veranlasst. Nun haben sich zu den romantischen "Sensibelchen" echte, knallharte Alphatiere gesellt, die endlich einmal ihre gefühlvolle Seite öffentlich ausleben können.

Fetisch "Fußball-Romantik"

Der schon immer als Frontkämpfer für Faninteressen bekannte "Die Mannschaft"-Manager Oliver Bierhoff hat im Zuge der steigenden Ablösesummen einen kolossal interessanten Satz gesagt: "Wir dürfen uns nicht weiter von den Fans entfernen." Wie bitte? Den Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Meint Bierhoff tatsächlich, dass vor dem 31. August 2015 irgendjemand diese Summen, die insgesamt im Fußball herumschwirren und die wir Anhänger erwirtschaften und bezahlen, nachvollziehen konnte? Nein, das tut er nicht. Und deshalb spricht Bierhoff ein großes Wort gelassen aus und sagt: "... nicht weiter entfernen". Er hat recht.

Denn dieser Sommer hat im Grunde einzig und allein eins bewirkt: Diejenigen, die nicht an den Fleischtöpfen direkt partizipieren, entdecken plötzlich an sich die Begeisterung für den neuen Fetisch "Fußball-Romantik". Entweder, weil sie als Teil des Geschäfts außen vor bleiben, wenn die richtig fette Kohle verteilt wird, oder weil sie Anhänger eines Klubs sind, der seit dem Transfergebaren im August überdeutlich vor Augen geführt bekommen hat, dass er nicht auf der Sonnenseite des Systems ist. Dass er das auch vorher schon nicht war oder wie im Fall von Werder Bremen nicht mehr ist, spielt dabei offensichtlich keine Rolle. Man kann davon ausgehen, dass die Werder-Klub-Verantwortlichen, die sich jetzt für die Pizarro-Rückholaktion (zu Recht!) feiern lassen, lieber di Santo behalten hätten – wenn da nicht ein anderer Verein mit mehr Kohle (oder im Falle Schalke eher mit mehr Potenz) gewesen wäre, der den Spieler einfach weggelockt hat. Als Anhänger des VfL Bochum, der auch schon in den - von uns Oldschool-Fußball-Romantikern – ach so verherrlichten Zeiten seine besten Akteure stets abgeben musste, weiß ich leider nur zu genau, wovon ich spreche.

Am ganzen Schlamassel selbst schuld

Doch vielleicht hat der aktuelle Fußball-Romantik-Hype auch etwas Gutes. Christoph Metzelder hat letzte Woche in einem feinen Facebook-Post das ganze Dilemma für uns alte wie neue Kritiker des Fußball-Business zusammengefasst: "Ich habe in den letzten Tagen viele Kommentare gelesen, voller Unverständnis und Sorge ob der horrenden Millionensummen. Dazu sollten wir uns aber im Klaren sein, dass WIR ALLE dieses System mit unserer Nachfrage speisen. Mit jedem Ticket, jedem Abo, jedem Trikot, jeder Zeitungslektüre, selbst mit jedem Kommentar, like und Suchwort pumpen wir mehr Geld in den Markt!" Genau so ist es. Und das bedeutet im Umkehrschluss leider: Wir sind an dem ganzen Schlamassel selbst schuld! Oder anders formuliert: Nur wir selbst könnten durch unser Verhalten die Situation verändern!

Doch Christoph Metzelder ist da wenig optimistisch: "Und das machen wir, weil uns der Fußball mit all seinem Spektakel auf und außerhalb des Platzes fasziniert! Wir hassen es, das Geld in die modernen Arenen zu tragen und können doch nicht anders." Auch das stimmt, leider. Am Ende sind wir Fußball-Romantiker eben doch nur kleine, willenlose Sensibelchen, deren Sehnsucht und Liebe für den Ballsport ein Spielball des knallharten Megabusiness Fußball ist.

Doch lassen wir den Text nicht zu negativ enden. Es ist trotzdem ein schönes wie beruhigendes Gefühl, dass dieser Klub der Romantiker in den letzten Wochen ein paar neue Mitglieder dazugewonnen hat. Denn richtig viele sind wir leider immer noch nicht. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Die Sehnsucht stirbt zuletzt!

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Quelle: n-tv.de

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