Sport
"Völlig tiefenentspannt": Joachim Löw.
"Völlig tiefenentspannt": Joachim Löw.(Foto: imago/Fotoarena International)
Freitag, 04. Juli 2014

WM-Aufstellungspoker gegen Frankreich: Löw wandelt tiefenentspannt auf einem Grat

Von Stefan Giannakoulis, Rio de Janeiro

Wie immer lächelt Löw, sagt aber nicht, wer im Viertelfinale der WM gegen Frankreich in der Startelf steht. Doch im Fall Lahm deutet die Sphinx aus dem Schwarzwald an, dass sich was ändern könnte. Ansonsten gilt: "Keiner hat Fieber."

Video

Vielleicht ist es das Beste, was er tun kann. Er mache sich, sagte Bundestrainer Joachim Löw, "frei von der Kritik". Das ist eine beneidenswerte Einstellung. Schließlich steht viel auf dem Spiel. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht im Viertelfinale der Weltmeisterschaft und spielt (ab 18 Uhr im Liveticker bei n-tv. de) in Rio de Janeiro um den Einzug ins Halbfinale. Da ist ein Trainer, der sein Fähnchen nicht nach dem Wind richtet, sondern durchsetzt, was er für richtig hält, nicht das Schlechteste, was einer Mannschaft passieren kann - wenn ihm bewusst ist, dass es nur ein Grat ist zwischen Konsequenz und Starrsinn. Es gibt Anzeichen, dass er das erkannt hat.

Erst einmal meinte Löw es ernst, als er da am Tag vor der Partie nach dem Training in seiner roten Trainingsjacke im Bauch des Maracanã auf dem Podium vor den Journalisten saß und über den Druck sprach, der auf seiner Mannschaft und ihm lastet: "Es ist nicht ungewöhnlich, wenn über meine Zukunft spekuliert wird. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin da völlig tiefenentspannt." Schließlich seien "andere Teams schon im Urlaub. Wir sind hier und kommen unter die letzten Vier". Und als hätte nicht jeder verstanden, was er gemeint hat, legte er nach: "Wir sind gut vorbereitet und siegessicher."

"Keine Ahnung vom internationalen Fußball"

Video

Das klingt gut, hat aber nun einmal gar nichts damit zu tun, wie das Spiel im mit 73.531 Zuschauern ausverkauften Stadion an diesem Freitag wirklich ausgeht. Pfeift da jemand im Wald oder ist er wirklich so überzeugt, wie er tut? Aber natürlich ist positives Denken gerade im Leistungssport sehr wichtig. "Wir machen uns darüber Gedanken, wie wir gewinnen. Und nicht darüber, was passiert, wenn wir verlieren."

Doch dann ließ er durchblicken, dass ihn die Sache mit den schlechten Kritiken nach dem Achtelfinalsieg gegen Algerien doch nicht ganz so kalt lässt, wie er es eben noch dargestellt hatte. "Wenn jemand denkt, unter den letzten 16 gäbe es Mannschaften, die man im Vorbeigehen schlägt, der hat keine Ahnung vom internationalen Fußball." Und dann fand er in der Tat ein schönes Bild, um zu beschreiben, dass nicht alles planbar ist: "Ein Spiel bei einer WM ist kein Computerspiel. Du kannst es nicht so programmieren wie du willst."

Und spricht wieder die Sphinx aus dem Schwarzwald

Aber wie hätte er es denn gerne? Mit Philipp Lahm als rechten Verteidiger wie gegen Algerien, nachdem er Shkodran Mustafi hatte verletzt auswechseln müssen? Oder doch wieder im defensiven Mittelfeld, eine Position, auf der der Bundestrainer seinen Kapitän bei diesem Turnier und in dieser Mannschaft am liebsten sieht? Da lächelte die Sphinx aus dem Schwarzwald. "Sie werden sehen, wo er spielt. Das werden sie relativ schnell erkennen." Löw sagte aber auch: "Wir machen uns vor jedem Spiel Gedanken, was am besten für die Mannschaft ist. Es gibt nie Entscheidungen, die für ewig zementiert sind."

Auch auf die Gefahr hin, dass dies der Exegese zu viel ist: Diese Worte wider den Starrsinn könnten bedeuten, dass der Bundestrainer heute über seinen Schatten springt und Lahm tatsächlich in die Abwehr beordert. Nicht, weil es die Kritiker so wollen. Sondern weil diese Umstellung der Mannschaft helfen würde, weil ihr Kapitän am rechten Ende der Viererkette zurzeit wertvoller ist, gerade, was das Spiel nach vorne betrifft. Kommt es so, würde Jérôme Boateng die Seiten wechseln, Benedikt Höwedes müsste auf der Bank Platz nehmen.

Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira jedenfalls seien nach den 120 anstrengenden Minuten gegen Algerien "gut erholt. Ich denke, dass sie voll belastbar sind". Spielt Lahm in der Abwehr, müssten beide von Beginn an das zentrale Dreieck mit Toni Kroos bilden. Auch der positionierte sich in dieser Frage absehbar diplomatisch: "Wir haben ein sehr gutes Mittelfeld. Mit Philipp kann ich sehr gut zusammenspielen."

Eine gute Nachricht hatte der Bundestrainer noch: "Mats Hummels kann auf jeden Fall spielen." Ansonsten darf bis um 18 Uhr spekuliert werden, welche elf Spieler zum Anpfiff auf dem Rasen stehen. Personaldebatten mag der Bundestrainer ebenso wenig wie Kritik. Krankheitsbedingte Ausfälle jedenfalls soll es nicht geben, nachdem gestern ein Zitat des Bundestrainers die Runde gemacht hatte, sieben Spieler seien "irgendwie leicht grippekrank". In Rio hörte sich das weniger dramatisch an, Löw sprach von Halsschmerzen: "Keiner hat Fieber, alle konnten trainieren. Hoffentlich bleiben alle stabil." So gefestigt und konsequent wie er? Dann könnte es gegen Frankreich klappen im Maracanã, einem "Stadion mit Mythos und Geschichte", wie Löw sagte. Es ist der Ort, an den er liebend gerne in neun Tagen zurückkehren würde. Am 13. Juli findet hier das Endspiel der Weltmeisterschaft statt.

 

Frankreich - Deutschland, 18 Uhr in Rio

Frankreich: Lloris - Debuchy, Varane, Sakho, Evra - Cabaye - Pogba, Matuidi - Valbuena, Giroud, Benzema. - Trainer: Deschamps
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Hummels, Boateng - Khedira - Schweinsteiger, Kroos - Schürrle, Müller, Özil. - Trainer: Löw
Schiedsrichter: Nestor Pitana (Argentinien)

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen