Fußball-WM 2018

Die Welt zu Gast - bei wem? Willkommen bei der Problem-WM

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Nichts geht ohne Aufpasser.

(Foto: dpa)

Wenn der Ball erst rollt, wird alles gut. Gilt das auch für die Fußball-WM in Russland? Die Fifa fühlt sich dort wohl, sie wird ihre perfekten WM-Bilder bekommen. Die zeigen aber nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.

Wenn die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland heute (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) mit dem Spiel der Gastgeber gegen Saudi-Arabien beginnt, wird alles wunderbar sein: Im schnieken Moskauer Luschniki-Stadion, wo am 15. Juli auch das Endspiel stattfindet, wird mutmaßlich keiner der mehr als 80.000 Zuschauer Pyrotechnik zünden. Oder ein Plakat aufhängen, um dagegen zu protestieren, wie unfassbar teuer dieses Turnier in einem Land ist, in dem zehn Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Falls wundersamerweise doch, das soll ja vorkommen, wird zügig ein Ordnerheer einschreiten. Die berüchtigten Hooligans sitzen auf ihren Datschen, sonst schreiten die Polizei, das Militär und der Geheimdienst ein und nehmen sie fest. Der Weltverband Fifa und Wladimir Putin, Russlands allmächtiger Staatspräsident, werden heute also genau die Fernsehbilder bekommen, die sie sich erhoffen. Nur der Videobeweis könnte die schöne WM-Auftaktsause stören, er bleibt neben dem Leistungsvermögen der russischen Nationalelf die große Unbekannte bei der sport- und machtpolitisch perfekt durchchoreografierten Weltmeisterschaft. Weltweit werden geschätzt eine Milliarde Menschen zuschauen und von Flitzern und dergleichen verschont bleiben. Alles schön, alles gut. Hauptsache, der Ball rollt. Aber das ist - wie bei den TV-Bildern der Fifa - wenn überhaupt nur die halbe Wahrheit.

1. Krim-Annexion und Bomben auf Syrien

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Hajo Seppelt bleibt der WM lieber fern.

(Foto: picture alliance / Jens Wolf/dpa)

Die Lage der Menschenrechte hat sich in Russland seit 2012 "dramatisch verschlechtert", berichtet die Organisation Human Rights Watch in ihrem Leitfaden, den sie zur WM herausgegeben hat. Schwule und Lesben werden von staatlicher Seite diskriminiert, Demonstrationen sind so gut wie nicht erlaubt, und um die Freiheit der Presse steht es nicht gut - kritische Journalisten müssen um ihr Leben fürchten. Deswegen bleibt der deutsche Dopingexperte Hajo Seppelt lieber zu Hause, wie er einen Tag vor dem Eröffnungsspiel ankündigte. Der ARD-Journalist war entscheidend daran beteiligt, das systematische russische Staatsdoping bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi aufzudecken. Bei seiner Entscheidung, ob er zur WM fahre oder nicht, sei es um die Frage gegangen, ob es für ihn ein Risiko sei, wenn er nach Moskau fliege. Die Frage habe er unter anderem mit dem Bundeskriminalamt und Außenminister Heiko Maas erörtert. "Die Antwort war eindeutig und lautete: Ja." Im ARD-Magazin Kontraste fragte Seppelt: "Was sagt das über den Sportjournalismus aus, wenn es inzwischen schon so weit gekommen ist und was sagt es vor allem darüber aus, was Menschen passiert, die als Journalisten in Russland leben?"

Viele Menschen im Land leiden unter der Wirtschaftskrise. Außenpolitisch stehen zu Buche: die Annexion der Krim, der Krieg in der Ost-Ukraine, der Abschuss des Fluges MH17, der Nervengift-Anschlag auf einen ehemaligen Doppelagenten in Großbritannien, Hacker-Attacken in aller Welt und die Bomben auf syrische Krankenhäuser. Das alles schmälert den Erfolg des Turniers offensichtlich nicht. An den elf Spielorten erwarten die Gastgeber in den kommenden vier Wochen mehr als eine halbe Million Besucher aus dem Ausland. Und auch wir Journalisten sind ja da. Putin, der sich just mit einem Rekordergebnis seine vierte Amtszeit im Kreml hat absegnen lassen, sagt: "Das wichtigste Ziel ist es, dass wir als Organisatoren und Gastgeber dieser Veranstaltung eine würdige WM durchführen, damit sie zu einem Fest wird für Millionen Fußballfreunde auf der ganzen Welt." Und der Punkt ist, dass die Fifa sich in diesem Land durchaus wohlfühlt.

2. Die Rolle der Fifa

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Man schätzt sich: Gianni Infantino und Wladimir Putin.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

Am Tag vor dem WM-Start hat der Fußball-Weltverband in Moskau noch rasch die erste Mammut-Weltmeisterschaft mit 48 Teams vergeben. Glückwunsch an die USA, Kanada und Mexiko, ein Trostkärtchen für den chancenlosen Mitbewerber Marokko. Die Vergabe nach Nordafrika wäre angesichts der aufgeblähten WM und praktisch inexistenter Stadien ein Wahnsinn gewesen - und genau deshalb eine typische Fifa-Entscheidung. Auch ohne Sonnenkönig Joseph Blatter an der Spitze, unter dessen Regentschaft Russland und Katar einst die WM auf, nun ja, dubiose Weise akquirieren konnten, gilt: Gigantismus ist in der Fifa gerade groß genug - und mit Despoten, Diktatoren, Autokraten und Donald Trumps gibt es im Gegensatz zu Transparenz exakt null Berührungsängste. Beim Kongress im mondänen Hotel Ukraina im Moskauer Stadtzentrum schaute auch Putin vorbei und ließ sich mit Fifa-Boss Gianni Infantino und dem WM-Pokal ablichten.

Es wurde nicht ganz klar, wer sich dabei in wessen Licht sonnte. Ach ja: Putin wurde, hieß es, mit Standing Ovations empfangen. Reine "Höflichkeit" sei das gewesen, versicherte DFB-Präsident Reinhard Grindel hinterher und lobte - mit schönem Gruß an die skandalösen WM-Vergaben 2010 - ausgiebig die "demokratische Wahl (…) mit einem offenen Votum" - das US-Präsident Donald Trump freilich auf skandalöse Weise beeinflusst hatte. Dieses Gebaren immerhin kanzelte Grindel mit deutlichen Worten ab. Infantino hatte sich dazu nicht bemüßigt gesehen, weder vor noch nach der Wahl. Er hat momentan andere Sorgen. Nicht mit den Trumps, Putins und Kadyrows dieser Welt, mit seinem Fifa-Rat. Der verweigerte sich tatsächlich der von ihm angestrebten Aufblähung der Katar-WM 2022. Und der senkte auch den Daumen für die Einführung eines neuen Turniers, das Infantino für Milliarden an eine Investorengruppe verscherbeln wollte. Widerborstigkeiten gegen den Chef, die in Russland undenkbar scheinen. Infantino wird die Zeit genießen.

3. Sündhaft teure WM - nur für wen?

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Das WM-Stadion in Samara. Eine der Spielstätten, die bald ungenutzt leersteht?

(Foto: dpa)

Was kostet die Welt, was kostet die Weltmeisterschaft? Putins Russland eine ganze Menge - und vor allem wieder deutlich mehr, als veranschlagt war. "Es wird mit Abstand die teuerste WM aller Zeiten", sagt der Ökonom Matthias Fett im n-tv.de Interview, trotz offizieller Kostenangaben von "nur" zehn Milliarden Euro. Realistisch sind 20 Milliarden Euro, vielleicht reißt die Kostenlawine sogar bis zu 40 Milliarden mit. Kommentar des Fußball-Weltverbandes: nicht unsere Schuld, nicht unser Problem. Fett forscht in Hamburg zu den Wirtschaftseffekten, die sportliche Großereignisse wie eine Fußball-WM auslösen können. Seine doch ernüchternde Prognose für Russland: den von der Fifa prophezeiten Konjunkturschub wird es nicht geben. Im Gegenteil: Die Milliardeninvestitionen in die WM könnten gesamtwirtschaftlich sogar zum Bumerang werden, profitieren wird nur die Fifa und die russische Elite um Putin. "Der Arbeiter in Wladiwostok wird in seinem Portemonnaie nicht merken, ob die WM in Russland stattfindet oder in Kanada", sagt Fett. Dafür konnten russische Fußballfans vor der WM im Magazin "Sport.ru" (und deutsche im "Russball"-Newsletter unserer Countdown-Kolumnistin Katrin Scheib) lesen, wie es abseits des Hochglanzprodukts Fifa-WM um den Fußball in Russland steht: nämlich schlecht. Das Magazin zeigt in einer Fotomontage die Logos dreier Fußballklubs über einem Feuerwerk und dem Hinweis: Heute beginnt die WM. Warum das erwähnenswert ist? Weil es die Klubs in der neuen Saison nicht mehr geben wird, auch der amtierende Pokalsieger FK Tosno muss den Spielbetrieb einstellen. Überschrift des Artikels lautet: "Der russische Fußballsommer in einem Bild."

4. "Gewalttätig, trainiert, sehr weit rechts"

Noch einmal zu den anfangs kurz erwähnten russischen Hooligans. Wozu die fähig sind, haben sie bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich gezeigt. Mit den Krawallen in Marseille sorgten sie für genau die Bilder, die sie haben wollten. Die Prognose, dass es diese Szenen nun nicht geben wird, ist nicht allzu gewagt. Auch Robert Claus, Autor des Buches "Hooligans", sagte im Gespräch mit n-tv.de, dass er nicht mit ähnlichen Exzessen rechne. "Wahrscheinlicher ist, dass es zu kleineren Übergriffen kommt, von denen es keine großen Bilder gibt." Dennoch bleibe ein Restrisiko: "Solche Turniere haben immer dazu gedient, dass sich die Szenen auch treffen." Das aber dürften Russlands Präsident und sein Geheimdienst mit aller Macht verhindern. "Putin und sein Apparat können kein Interesse daran haben, sich die WM medial von Hooligans kaputtmachen zu lassen." Und so hat der Machthaber ganz autokratisch vorgesorgt. Jeder Zuschauer braucht eine Fan-ID, die es nur nach einem Sicherheitscheck gibt - und die viel über ihren Besitzer verrät. Zudem hat die Duma den Artikel 20.31 des Verwaltungsgesetzbuches verschärft. Krawallmachern drohen unter anderem 15-tägige Haftstrafen und Geldstrafen von 20.000 Rubel. Das sind 275 Euro. Der Bruttomonatslohn beträgt in Russland im Durchschnitt umgerechnet 500 Euro. Zudem hat die Polizei Wohnungen durchsucht, Hooligans festgenommen oder ihnen nahegelegt, sich während der WM nicht blicken zu lassen. Das Innenministerium aktualisiert regelmäßig eine offen zugängliche, 22 Seiten lange Liste mit Personen, die Stadionverbot haben. Kurzum: Während des Turniers wird mutmaßlich nicht viel passieren.

Und nun? Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" war kurz vor der WM ein Satz zu lesen, der die komplizierte Gemengelage auf den Punkt bringt: "Mit dem Widerspruch, sich in diesen Tagen auf Fußball zu freuen, im Wissen, dass die WM von einer korrupten Institution in einem autokratischen System ausgerichtet wird, muss jeder für sich selbst fertig werden."

Quelle: ntv.de