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Spanien, das Paradies für Doper Kabarettnummer um Contador

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Unschuldig verfolgt: Alberto Contador, Radprofi und Spaniens Stolz.

(Foto: dpa)

Wie im Dopingfall Alejandro Valverde will der spanische Radsport-Verband auch den positiv getesteten Alberto Contador nicht sperren. Der Freispruch des Tour-Siegers wird als Erfolg gefeiert, doch er ist ein Pyrrhussieg. Die Glaubwürdigkeit des spanischen Sportsystems ist nicht zu retten.

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Daumen hoch für Alberto: Mit einer landesweiten Medien- und Politik-Kampagne wurde der Freispruch vom Dopingverdacht vorbereitet.

(Foto: dpa)

"Die Gerechtigkeit hat gesiegt", findet Andy Ramos. Am Dienstagabend hat der Anwalt in Madrid den Freispruch seines prominenten Klienten Alberto Contador vom Clenbuterol-Doping verkündet. Für Ramos, Contador und die meisten seiner Landsleute ist die Absolution des Radprofis Grund zur Freude. Sie ist die patriotische Lösung einer Affäre, die einen der größten Sporthelden des Landes zu stürzen drohte. Und tatsächlich bleibt Contador der Makel des Betrügers nun vorerst erspart.

Einen anderen Makel wird Spanien aber nicht mehr loswerden. Mit dem Freispruch des dreimaligen Tour-Siegers trotz eindeutiger positiver A- und B-Probe auf das Kälbermastmittel Clenbuterol während der Frankreich-Rundfahrt 2010 hat sich der spanische Radsport-Verband RFEC stellvertretend für das gesamte Sportsystem seines Landes endgültig jener Glaubwürdigkeit entledigt, die ohnehin nur noch theoretisch bestand. Seit langem gilt das in den vergangenen Jahren im Weltsport unerreicht erfolgreiche Land als Paradies für Doper. Nur in Spanien ignorieren sie diese Erkenntnis. Der Applaus für den Contador-Freispruch beweist, wie verblendet die Nation durch den Glanz der sportartübergreifenden Medaillenflut ist.

Paradies für Doper

Per "Königlichem Dekret" sind Dopingkontrollen zwischen 23 und 8 Uhr verboten, was den Athleten eine optimale Vorbereitung auf Wettkämpfe gestattet. Wer trotzdem positiv getestet wird, darf sich spanischer Schützenhilfe von Politik, Medien und Sportfunktionären gewiss sein. Dazu zählen öffentliche, Fakten verdrehende Sympathiebekundungen, das Verschwinden belastender Unterlagen. Und dazu zählen auch Urteile, die Anti-Doping-Regeln nicht anwenden, sondern frei interpretieren. Natürlich stets im Sinne der Angeklagten.

Der spanische Anti-Doping-Kampf ist so lasch, dass selbst der ebenfalls lasche Radsport-Weltverband UCI ihn schon gerügt hat. Der spanische Anti-Doping-Kampf ist aber nicht nur Sache des Sports. Nachdem sich Spaniens Ministerpräsident Jose Luis Zapatero am Freitag via Twitter für einen Freispruch Contadors ausgesprochen hatte, zeigte sich der Radsportverband deshalb besorgt. Er fürchtete, ein Freispruch für den schon in der Affäre um Blutpanscher Eufemiano Fuentes zweifelhaft davongekommenen Rad-Heroen könnte als Folge politischer Einflussnahme interpretiert werden. Die Sorge ist begründet. Aber sie ist beileibe nicht die einzige Ungereimtheit, die der Verband nun erklären muss.

Dopingsperren als Verhandlungssache

Bevor überhaupt mit den Ermittlungen begonnen wurde, erklärte RFEC-Präsident Carlos Castano: "Ich würde mir wünschen, dass der Fall gut ausgeht." Da traf es sich gut, dass er selbst das mit der Klärung beauftragte neutrale Wettkampfkomitee zusammengestellt hatte. Da war es selbstverständlich, dass dieses Komitee vor zweieinhalb Wochen keine Einjahressperre als Urteil verkündet hat, obwohl man damit bereits hinter der Regelsperre von zwei Jahren für positive Dopingtests zurückblieb. Es hat sie, als eine Art Testballon, lediglich vorgeschlagen.

Weil dieser Vorschlag der Öffentlichkeit und Contador dennoch nicht so wohl schmeckte wie dem Radstar das angeblich verseuchte Kalbsteak aus Irun, wurde dem Tour-Sieger 2010 nun selbst diese Minimalsperre erlassen. Contador kann damit ab sofort wieder starten, den dritten Tour-Sieg darf er vorerst behalten und im Sommer vielleicht schon den vierten in Angriff nehmen. In Spanien sind Dopingsperren mittlerweile Verhandlungssache. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat angesichts dieser Innovation im Dopingkampf gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" schon eine Prüfung dahingehend angekündigt, "ob so etwas in Einklang steht mit den Anti-Doping-Regeln".

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Contador am Dienstag beim Check-in auf dem Madrider Flughafen Barajas: Am Mittwoch will er in Portugal bereits die Algarve-Tour bestreiten.

(Foto: dpa)

Begründet wurde die Kehrtwende in Spanien freilich damit, dass Contador noch einmal glaubwürdig unabsichtliches und unverschuldetes Doping mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol beteuert habe und die gefundene Menge von 50 Pikogramm ohnehin nicht leistungsfördernd gewesen sei. Woher, so die Argumentation, sollte Contador wissen, dass aus dem Baskenland importierten Kalbssteaks nicht zu trauen ist? Die Rolle der verfolgten Unschuld ist Contador nicht neu, er hat sie schon 2006 im Fuentes-Skandal erfolgreich gespielt.

Ob Contador in seinem Einspruch auch neue Beweise vorgelegt hat oder nur neue, sorgfältig ausgewählte Beispiele, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass sich Spaniens Radsport-Verband bei seinem Freispruch auf den Fall Dimitri Ovtcharov und Artikel 296 der Anti-Doping-Regeln des Radsport-Weltverbandes UCI beruft. Artikel 296 sieht dann die Aussetzung oder Reduzierung einer Sperre trotz positiver Tests vor, wenn der Fahrer zwei Bedingungen erfüllt: Er muss den Nachweis einer unverschuldeten Kontamination erbringen und aufzeigen, wie er die verbotene Substanz aufgenommen hat.

Keine Beweise, nur eine Geschichte

Die Krux im Fall Contador ist: Er hat diese Nachweise nicht erbracht, obwohl er fünf Monate Zeit hatte. Er hat nur eine - von Experten außerhalb Spaniens frühzeitig angezweifelte - Geschichte präsentiert, wie es gewesen sein könnte. Und versucht aufzuzeigen, dass ein verseuchtes Kalbsteak eine wahrscheinlichere Erklärung ist als die drei anderen Möglichkeiten für den positiven Befund. Sie lauten: 1. Clenbuterol-Doping mit Mikrodosen; 2. Transfusion von Blut, das mit Clenbuterol versetzt war, worauf in Contadors Blut gefundene Weichmacher hindeuten; 3. Einnahme eines anderen Präparats, das Clenbuterol enthielt.

Auch der Vergleich mit dem Freispruch von Tischtennisprofi Ovtcharov hinkt. Bis auf die positive Clenbuterol-Probe haben beide Fälle nichts gemeinsam. Contador war nicht in einem Land aktiv, in dem Clenbuterol nachweislich noch zur Kälbermast eingesetzt wird. Von Contador gibt es keine entlastende Haarprobe. Contador hat keine Proben des verseuchten Fleisches beschaffen können und keine Teamkollegen, die ebenfalls versehentlich kontaminiert wurden. Dafür ist Clenbuterol im Radsport anders als im Tischtennis sehr wohl leistungsfördernd und im experimentierfreudigen Peloton nicht unbeliebt. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem die Radprofis Tom Zirbel (USA) und Li Fuyu (China) nach positiven Clenbuterol-Tests für zwei Jahre gesperrt - obwohl sie stets ihre Unschuld beteuert und eine versehentliche Kontamination als Ursache angeführt hatten.

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"Sehr interessant": So nannte Wada-Generalsekretär David Howman gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" Urteil und Vorgehen des spanischen Radsport-Verbandes im Fall Contador.

(Foto: REUTERS)

Dass der berühmte Contador im Gegensatz zu den gewöhnlichen Kollegen freigesprochen wurde, hat der streitbare Anti-Doping-Experte Werner Franke gewohnt bissig kommentiert. "Das ist eine Kabarett-Nummer." Und er fordert zu Recht: "Die Wada muss vor den Cas ziehen." Für die Welt-Anti-Doping-Agentur ist der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas tatsächlich ein alternativloser Schritt. Selbst RFEC-Präsident Castano erwartet - quasi als Pointe der spanischen Kabarettnummer - einen Einspruch gegen das von ihm herbeigesehnte Urteil. Alles andere als eine Prüfung des Freispruchs würde aus der Bankrotterklärung für den spanischen Sport eine Bankrotterklärung für den weltweiten Kampf gegen Doping machen. Denn wenn die spanische Gerechtigkeit im Fall Contador tatsächlich gesiegt haben sollte, dann haben die Anti-Doping-Kämpfer endgültig verloren.

Quelle: n-tv.de

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