Schiri-"Farce" und Tor-ÄrgerFinnland zerbricht 35 Sekunden vor Schluss unter Kanadas Mega-Druck

Das Superstar-Team aus Kanada steht im olympischen Eishockey-Endspiel. In einem spektakulären Halbfinale wendet der Topfavorit das Duell mit Finnland erst in der Schlussminute. Später machen die USA das Traumfinale perfekt.
Kanada war der Verzweiflung nah. Sie schossen und schossen, doch dieser verdammte Puck wollte kein drittes Mal ins Tor. Mit 0:2 hatte der Topfavorit im olympischen Eishockey-Halbfinale gegen Finnland klar hinten gelegen. NHL-Superstar Mikko Rantanen (17.) nutzte ein Powerplay zur Führung für den skandinavischen Außenseiter. Erik Haula (24.) erhöhte spektakulär in Unterzahl. Sollte hier in der gigantischen Arena in Mailand der Traum der Kanadier vom nächsten Olympiasieg platzen?
Nein, der Eishockey-Gott hatte noch eine wilde Wende parat. Zweieinhalb Minuten vor dem Ende kassierte Niko Mikkola eine Zwei-Minuten-Strafe wegen hohen Stocks. Dieses Vergehen kam zur absoluten Unzeit.
Die Nordamerikaner hatten das finnische Tor seit Beginn des zweiten Drittels mit Schüssen zugepflastert, aber immer wieder gerieten ihre Abschlüsse zu ungenau oder wurden vom sensationell spielenden Goalie Juuse Saros entschärft. Lediglich Sam Reinhart (35. Minute) von Stanley-Cup-Sieger Florida Panthers traf in Überzahl, den Ausgleich besorgte Verteidiger Shea Theodor (51.) von den Vegas Golden Knights.
Finnland verteidigte leidenschaftlich, aufmerksam. Sie waren unangenehm zu spielen, fanden aber offensiv fast gar nicht mehr statt. Acht Schüsse gaben sie im überlegenen ersten Drittel ab, in den folgenden 40 Minuten waren es ebenfalls nur noch acht. Die Kanadier wurden immer wütender, immer druckvoller. Trainer Jon Cooper versuchte alles, um die stabilen finnischen Reihen löchrig zu spielen. Er reagierte und brachte im dritten Drittel Super-Stürmer Connor McDavid, Nathan MacKinnon und Macklin Celebrini in einer Reihe. Sie bekamen in der Schlussphase fast die gesamte Eiszeit in der Offensive.
Besonders für McDavid wäre der Olympiasieg eine große Erlösung. Der Teamkollege von Leon Draisaitl bei den Edmonton Oilers gilt als bester Spieler der Welt, gewann wie der deutsche Olympia-Kapitän mit einer Mannschaft aber noch nie eine wichtige Trophäe.
Die Halle tobt, als MacKinnon trifft
Das Giganten-Trio war bei gerade ablaufender Strafzeit für Mikkola 35 Sekunden vor dem Ende nicht mehr zu verteidigen gewesen. Auf Vorlage von McDavid und Celebrini haute MacKinnon den Puck per Direktabnahme ins Netz. Er rutschte an Saros knapp vorbei. Die Halle, klar in kanadischer Hand, tobte. Die spielentscheidenden Topstars gehören zu den Top-Fünf-Scorern in der NHL. Mehr Power, mehr Qualität in einer internationalen Reihe geht kaum. Die Superstars jubelten, die Finnen zerbrachen und kassierten direkt die nächste Strafe, eine Antwort auf den Last-Minute-Schock fanden sie nicht mehr.
"Wir haben eine unglaubliche Truppe – Jungs, die schon alles erlebt haben", schwärmte Brad Marchand und er dabei besonders die Matchwinner McDavid und MacKinnon im Sinn: "Wenn die beiden zusammen auf dem Eis stehen, sind sie so dominant, besonders im Powerplay. Sie wollen in diesen Momenten den Puck am Schläger haben. Und sie liefern jedes Mal ab."
"Lächerliche" Strafzeit
Die kurioserweise eingesetzten kanadischen Schiedsrichter wiesen einen finnischen Protest wegen angeblichen Abseits dabei aber wohl korrekterweise zurück. Während der Überprüfung schrien mehrere tausend kanadische Fans: "Goal, Goal, Goal" und zeigten mit ihren Armen auf den Mittelkreis. Die Ansetzung der Schiedsrichter war auch Thema in der Mixed Zone und der anschließenden Pressekonferenz, aber die Finnen wollten das nicht als Ausrede nehmen. Dennoch blieb Cheftrainer Antti Pennanen, der die Coach-Challenge gezogen hatte, dabei, dass seiner Ansicht nach Abseits war.
Abseits des Spielfelds schlug die Ansetzung der kanadischen Hauptschiedsrichter deutlich höhere Wellen. Die finnische Eishockey-Legende Teemu Selänne schimpfte via X: "Die beste Eishockeynation der Welt und kanadische Schiedsrichter am selben Abend zu besiegen, ist unmöglich. Ein absolut peinlicher Patzer in den letzten Minuten eines olympischen Halbfinals. Das ist doch ein Witz, schrieb Selänne." Was ihn besonders erzürnte war der Pfiff zur Strafzeit gegen Mikkola. Auch NHL-Journalist Greg Wyshynski die Strafe lächerlich. Der Stock war zwar zu hoch, aber MacKinnon machte auch ne Menge aus der Szene. Erst als er sich ins Gesicht griff, erfolgte der Pfiff der Kanadier.
Lieber Luxushotel als olympisches Dorf
Eine schlechte Nachricht hatte die Mannschaft vor dem Spiel zu verkraften: NHL-Legende Sidney Crosby war nach seiner nicht näher definierten Verletzung im Viertelfinale gegen Tschechien (4:3 n.V.) nicht fit geworden. Ein Einsatz im Finale ist unklar. Gegner der Kanadier sind dann die USA, damit ist das olympische Traumfinale der Erzrivalen perfekt. Womöglich unter Beobachung von US-Präsident Donald Trump, der laut Medienberichten zum Finale kommen wollte, wenn seine Amerikaner um Gold spielen.
Die USA ließen von Beginn an keine Zweifel aufkommen. Dylan Larkin (5.) und Tage Thompson (20.) legten früh den Grundstein für den Finaleinzug, Jack Hughes (33./39.), Jack Eichel (33.) und Brady Tkachuk (51.) schossen den Kantersieg heraus. Juraj Slafkovsky (45.) und Pavol Regenda (54.) trafen für die Slowakei. Die USA warten seit 1980, als sie beim "Miracle on Ice" sensationell die Sowjetunion besiegt hatten, auf ihren dritten Olympiasieg. Letztmals im Finale standen sie 2010 in Vancouver. Damals auch gegen Kanada. Die Slowakei spielt am Samstag (20.40 Uhr im Liveticker bei ntv.de) gegen Finnland erneut um Bronze.
Team Canada kämpft derweil um die 15. Goldmedaille im Männer-Eishockey und die erste seit Sotschi 2014. Für ihren großen Traum hatten die Kanadier alles getan, sogar das olympische Dorf hatten sie verlassen und waren nach wenigen Nächten in ein Luxushotel umgezogen. "Ich glaube nicht, dass das als Beleidigung oder ähnliches verstanden werden sollte", sagte Torwart Logan Thompson dazu dem Portal Sportsnet: "Wir wollen Gold gewinnen und uns die besten Chancen dafür sichern." Zum ersten Mal seit 2014 sind bei Olympia wieder die besten Spieler der Welt aus der nordamerikanischen Profiliga NHL dabei. "Das Niveau ist atemberaubend. Das haben wir doch vermisst", sagte McDavid.