Olympia

Kein Betrug im Fall Sachenbacher-Stehle? Dopingexperten attackieren DOSB-Spitze

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Klarheit besteht nur darüber, dass Evi Sachenbacher-Stehle für einen Dopingfall gesorgt hat. Ob bewusst oder versehentlich, darüber gehen die Meinungen auseinander.

(Foto: imago/Bild13)

Doping ja, Betrug nein? Der Fall Evi Sachenbacher-Stehle erhitzt die Gemüter, im Kern des Streits steht die Frage: Hat die 33-Jährige bewusst gedopt? Sport- und Verbandsfunktionäre glauben an ein Versehen, Dopingkämpfer empört das - aber nicht alle.

Die führenden deutschen Dopingexperten sind sich im Fall Evi Sachenbacher-Stehle uneins: Während Werner Franke und Fritz Sörgel vorsätzliches Doping bei der positiv getesteten Biathletin ausdrücklich nicht ausschließen wollen, liegt Wilhelm Schänzer voll auf Linie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Der geht nicht von Betrugsabsichten aus, sondern davon, Sachenbacher-Stehle habe die verbotene Substanz aus Versehen zu sich genommen.

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Fritz Sörgel ist Pharmakologe aus Nürnberg.

(Foto: dpa)

Franke und Sörgel kritisierten den DOSB dafür heftig. "Es kann Dummheit von ihr gewesen sein. Aber der, der einen Vorsatz ausschließt, ist mindestens genauso dumm. Und die DOSB-Spitze tut das gerade", sagte Franke: "Das betreffende Mittel hat ganz klar eine leistungssteigernde Wirkung, gerade für Biathleten, da es vor allem beim Schießen Vorteile bringt." Auch Sörgel schreibt der Substanz "ganz klar eine stimulierende Wirkung" zu, sie sei "in ihrer Chemie ganz klar als Dopingmittel zu sehen".

Methylhexanamin vielerorts verboten

Der Nürnberger Pharmakologe fügte hinzu: "Mich wundert, dass so etwas im Training erlaubt ist, und nur im Wettkampf nicht." Er verwies darauf, dass der Verkauf von Substanzen, die das bei Sachenbacher-Stehle gefundene Methylhexanamin erhalten, in zahlreichen Ländern der Welt bereits verboten ist.

Wilhelm Schänzer, der Leiter des Kölner Doping-Labors, vertritt eine andere Meinung als seine Kollegen: "Ich sehe kein Problem für den DOSB, die Athletin ist ja regelmäßig kontrolliert worden. Ich denke, da ist die Athletin sehr leichtsinnig gewesen und sehr unvorsichtig. Dem DOSB kann ich keinen Vorwurf machen."

Sörgel kritisierte die DOSB-Führung hingegen scharf: "Ich kann einfach nicht verstehen, wie man solche Aussagen treffen kann." Generaldirektor Michael Vesper hatte in Sotschi hervorgehoben, dass er Sachenbacher-Stehle keinen Vorsatz unterstellt: "Ich glaube ihr, dass sie nicht dopen wollte."

Geringere Strafe möglich

Der deutsche Chef de Mission wies zudem darauf hin, dass er die Frage nach einem möglichen vorsätzlichen Handeln Sachenbacher-Stehles für wenig relevant hält. "Es kommt nicht darauf an, ob es Vorsatz war oder nicht. Im Sportrecht gilt nicht das Prinzip der Unschuldsvermutung, sondern die Strict Liability." Nach diesem Rechtsprinzip muss jeder des Dopings überführte Sportler selbst seine Unschuld nachweisen.

Da es sich im Falle von Sachenbacher-Stehle um eine spezifische Substanz handele, die "nur im Wettkampf, aber nicht im Training verboten ist", hält es Vesper aber für möglich, dass die Athletin nicht die übliche Zweijahressperre erhält. In diesem Fall wäre auch eine geringere Strafe möglich. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sagte: "So oder so bleibt es aber der klare Fall eines Dopingverstoßes".

Verständnis und Unverständnis

Franz Steinle, Hörmanns Nachfolger als Präsident des Deutschen Skiverbandes (DSV), erklärte hingegen: "Vorsätzlicher Betrug ist anders einzuschätzen als ein Vergehen aus Dummheit." Der DSV vertrete aber grundsätzlich eine Null-Toleranz-Politik: "Dopingvergehen bleibt Dopingvergehen."

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), reagierte mit großem Unverständnis auf den Fall der gedopten Biathletin. "Zum Fall als solchen kann ich mich nicht äußern. Aber es ist schwer nachvollziehbar, wenn ein Athlet ernsthaft behaupten will, er wüsste nicht um die Gefahren von Nahrungsergänzungsmittel", sagte Prokop: "Wir haben die klare Empfehlung, von Nahrungsergänzungsmitteln generell die Finger zu lassen. Die Risiken sind völlig unkalkulierbar."

Quelle: ntv.de, cwo/sid

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