Olympia

Straßenfeger Curling "Kein Altherrenspiel"

Fans tanzen oben ohne auf der Tribüne und verleihen ihrer Stimmung mit Rasseln und Tröten Ausdruck. In Vancouver herrscht Party-Atmosphäre beim Curlen.

Vancouver_Olympics_Curling_OLYCU149.jpg6464169379959035159.jpg

Nicht nur die kanadischen Curling-Fans sind verrückt.

(Foto: AP)

In Deutschland kleines Kino, bei Olympia ein Straßenfeger: Beim Curling geraten die Kanadier völlig aus dem Häuschen. Fans tanzen mit nacktem Oberkörper auf der Tribüne, La Ola rollt durch die Halle, es herrscht Stimmung wie im Fußballstadion. Vor den Fernsehschirmen fiebern beim "Eisschach" Millionen mit.

"Die Kulisse im Vancouver Centre ist überragend. Die ganze Halle schreit, man versteht die Wischkommandos überhaupt nicht. Das ist sensationell und absolut außergewöhnlich", sagt Ralph Schneider, Sportdirektor des Deutschen Curling-Verbandes (DCV): "Curling ist eben doch kein Altherrenspiel." Wer kein Eishockey spielt, spielt in Kanada Curling.

Wie eine Herde Elefanten

Jeder Takeout, jeder Freeze, jeder Guard, den die Gastgeber setzen, wird frenetisch bejubelt. Zaunfahnen werden aufgehängt, die Anhänger bringen Kuhglocken, Rasseln und Tröten mit. Selbst eine der ohrenbetäubend lauten Vuvuzelas wurde gesichtet. Unter dem Dach des Centres klingt das, als würde eine Herde Elefanten heranstürmen.

Stella Heiss, Küken des deutschen Teams, nahm es wie Oliver Kahn. "Ich liebe es, wenn die alle gegen mich brüllen", sagte die 17-Jährige, die mit den deutschen Frauen in der Vorrunde scheiterte. Andrea Schöpp hätte sich allerdings mehr Fairness gewünscht, deshalb wischte der Skip den verrückten Fans eins aus.

"Wenn ich einen überragenden Stein gespielt habe, war Totenstille. Bei der Kanadierin dagegen war ein Riesentheater", sagte die siebenmalige Europameisterin. In der Tat: Wenn der letzte Stein geschoben ist, springen die Kanadier schon mal auf und singen voller Inbrunst die Nationalhymne. "Kein Vergleich mit Deutschland", sagte Stella Heiß: "Da sitzen ein paar Freunde und Verwandte. Ende."

Kanadier stellen auf Handzeichen um

Schöpp sieht positive Aspekte des Zuschauerbooms, bemängelt aber vor allem die mangelnde Fachkenntnis im Publikum. "30, 40, 50 Prozent der Leute hier sind, ich möchte nicht sagen ahnungslos, aber bestimmt keine Curling-Experten. Wären sie fair, würde es noch viel mehr Spaß machen."

Andy Kapp, Skip des Männerteams, bezeichnete die Stimmung schlicht als "fantastisch und einzigartig". Aber auch für die kanadischen Athleten, die eine Party-Atmosphäre beim Curlen gewohnt sind, ist Vancouver eine neue Dimension. "Das ist mit meilenweitem Abstand das Beste, was ich bisher erlebt habe. Man muss die Mitspieler anschreien, obwohl sie nur zwei Meter entfernt sind", sagt Skip Cheryl Bernard.

Wischkommandos wie "hurry, hurry" und "hard, hard" sind auf Distanz nicht zu verstehen. Es ist hoffnungslos. Die Kanadierinnen haben deshalb auf Handzeichen umgestellt.

Quelle: n-tv.de, Thomas Nowag, sid