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Drohnen und App leiten Feuer Darum ist die ukrainische Artillerie so gut

Ukrainische Artillerie 2016.jpg

Eine ukrainische schnelle Eingreiftruppe mit Haubitzen (Archivbild von 2016).

(Foto: AP)

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Dass sich die ukrainische Armee so erfolgreich gegen die russischen Angreifer wehrt, liegt zu einem großen Teil an ihrer sehr effektiven und effizienten Artillerie. Ihr Feuer wird nicht auf herkömmliche Art und Weise ins Ziel geführt, sondern von einer cleveren Kombination aus Software, Drohnen und "unverwundbarem" Internet.

Die Zerschlagung von ein bis zwei russischen Bataillonen beim Versuch, den Fluss Siwerskyj Donez zu überqueren, gilt als einer der größten Erfolge der ukrainischen Armee im Abwehrkampf gegen die russischen Angreifer. Entscheidend war ein enorm effektives und effizientes Artilleriefeuer, dem die Angreifer aktuell nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben.

Artillerie kriegsentscheidend

Es war nicht das erste Mal, schon seit Beginn der Invasion fügt die ukrainische Artillerie den Russen empfindliche Verluste zu. Mit gezieltem Beschuss schalten sie unter anderem Panzer und andere Fahrzeuge aus, halten Konvois auf und haben vermutlich bereits Dutzende hohe Militärs des Gegners getötet. Zumindest für den bisherigen Verlauf war die Schlagkraft der ukrainischen Artillerie vermutlich mit kriegsentscheidend.

Ausschlaggebend dafür ist ein Feuerleitsystem, das sich von dem der russischen Armee deutlich unterscheidet, und das die Ukrainer seit Kriegsbeginn im Donbass 2014 in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Sie waren also vorbereitet.

Traditionelle Systeme langsam und anfällig

Beim traditionellen System gäbe es sehr vereinfacht gesagt einen Aufklärer, der mit optischem Gerät oder - wie inzwischen üblich - einer Flugdrohne die Position eines Ziels bestimmt und die Daten an eine Befehls- und Führungsstelle übermittelt, erklärt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer. Diese gäbe die Informationen dann an eine Artillerie-Batterie oder ein anderes "Wirksystem" weiter, das dann das Feuer eröffnet.

Dabei gibt es mehrere Probleme. Zum einen kann bei der Übermittlung der Zielinformationen zu viel Zeit vergehen oder der Gegner kann die Übermittlung stören. Er ist aber auch in der Lage, zu bestimmen, von wo aus er beschossen wird und kann eine Artilleriestellung mit Gegenfeuer ausschalten, wenn diese nicht schnell genug die Position wechseln kann.

"Uber für Artillerie"

Die ukrainische Armee hat das Feuerleitsystem aber an zwei entscheidenden Stellen verändert. Zentral ist dabei das Geoinformationssystem (GIS) "Arta". Es ist laut "The Times" eine Koproduktion von ukrainischen Entwicklern mit britischen Unternehmen für digitale Kartierung. Dem Sicherheitsexperten Trent Telenko zufolge heißt der leitende Entwickler Jaroslaw Scherstjuk.

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Die Software bietet eine unkomplizierte Benutzeroberfläche.

(Foto: GIS ARTA)

Die Firma bezeichnet sich selbst gerne als "Uber für Artillerie". Das ist recht passend, denn ähnlich wie bei der Taxi-Konkurrenz, die den am nächsten befindlichen freien Fahrer ermittelt, sucht es aufgrund der Koordinaten alle in Reichweite befindlichen verfügbaren Geschütze. Nur übernimmt dann nicht eine einzelne Haubitze, Rakete, ein Mörser oder eine Kampfdrohne den Job, sondern alle feuern unabhängig voneinander auf das Ziel.

"Arta" verarbeitet dabei neben Echtzeit-Informationen von Drohnen auch Daten von Entfernungsmessern, Smartphones, GPS oder kommerziellen Satellitenbildern. Auch Radar-Informationen der NATO fließen laut "The Times" in das automatische Befehls- und Kommandosystem ein.

30 Sekunden statt 20 Minuten

Kommandanten, die Zugriff auf das verschlüsselte "Arta"-Material haben, wählen die Einheiten aus, die dann sofort das Feuer eröffnen können. Habe es früher durchschnittlich 20 Minuten von der Identifizierung eines Ziels bis zur Zerstörung gedauert, seien es jetzt nicht mehr als 30 Sekunden, schreibt Telenko.

Ein weiterer großer Vorteil von "Arta" ist der dezentrale Beschuss, der es dem Gegner unmöglich macht, wie früher eine komplette Batterie mit einem Gegenschlag außer Gefecht zu setzen. Im Prinzip kann er nur versuchen, einzelne Einheiten anzugreifen.

Nachdem seit Anfang März Elon Musk Endgeräte für sein Satelliten-Internet Starlink in die Ukraine schickt, ist "Arta" noch besser geworden. Während die zuvor für das System zur Übermittlung der Daten genutzten Funkverbindungen gestört werden konnten, beißen sich die Russen an Starlink die Zähne aus.

Starlink nahezu unverwundbar

Laut "Novaja Gaseta" sind noch nicht alle ukrainischen Einheiten, die "Arta" nutzen, mit Starlink ausgestattet. Doch trotzdem sei es in den vergangenen Monaten nur einmal gestört worden, da der Einsatz entsprechender Systeme sehr aufwändig sei, so ein Gesprächspartner der Zeitung.

Telenko zufolge waren Ende 2016 Behauptungen der US-Sicherheitsfirma Crowdstrike, "Arta" sei von der berüchtigten russischen Hackergruppe "Fancy Bear" erfolgreich gehackt worden, falsch. Entwickler Scherstjuk nannte die Behauptung auf Facebook damals eine "Wahnvorstellung". Das Portal "VOA" ging der Sache nach und konnte keine Belege dafür finden, dass "Arta" gehackt wurde.

Möglicherweise haben die Russen auch versucht, den Starlink-Einsatz zu unterbinden. Der Ausfall des Satelliten-Netzwerks KA-SAT zu Beginn der russischen Offensive, wodurch die Steuerung tausender europäischer Windkraftanlagen gestört wurde, könnte die "Nebenwirkung" eines Hackerangriffs gewesen sein.

Günstig und sparsam

Schließlich ist der Einsatz von "Arta" im Vergleich zu herkömmlichen Artilleriesystemen extrem günstig. Die Software läuft auf herkömmlichen Smartphones, Tablets oder Notebooks. Wichtig für die ukrainische Artillerie ist auch, dass sie mit dem Einsatz des Systems viel Munition spart. Nach den alten Maßstäben benötige man 60 bis 90 Schüsse, um eine feindliche Stellung mithilfe von 120-Millimeter-Haubitzen zu zerstören. Mit korrigiertem Schießen seien es neun, sagte Selenskyj-Berater Aleksej Arestovich der "Novaja Gaseta".

Auch die eingesetzten Multicopter-Drohnen sind vergleichsweise günstig. Die ukrainische Aufklärungseinheit Aeroroswidka verwendet zwar auch teurere Geräte wie beispielsweise die Autel EVO II mit Infrarotkamera, die mehr als 8000 Euro kostet. Oft kommen aber einfachere Drohnen zum Einsatz, die auch Hobbypiloten steuern.

DJI-Drohnen haben ein Problem

Viele dieser Geräte stammen vom chinesischen Marktführer DJI, was nicht unproblematisch ist. Denn er bietet auch Empfänger an, die dazu dienen, über das Drohnen-Signal Standort, Höhe, Richtung, Geschwindigkeit, Modell, Seriennummer oder Standort zu bestimmen.

Das AeroScope genannte System dient eigentlich dazu, den Luftraum über Flughäfen oder anderer kritischer Infrastruktur zu schützen. Theoretisch könnten Drohnen-Piloten so zum Ziel werden. Wahrscheinlich sei dies aber nicht, sagte Jaroslaw Honchar, Mitbegründer der ukrainischen Luftaufklärungseinheit, der "Ukrajinska Prawda".

Software verschleiert Position

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Beide Seiten nutzten DJI-Drohnen und AeroScope, so Honchar. Die mobile Version habe aber nur eine Reichweite von drei bis vier Kilometern. Wenn viele Dutzend Drohnen in der Luft seien, könne nur die stationäre Version von AeroScope die Bediener identifizieren. Notfalls stelle seine Einheit aber auch eine Software zur Verfügung, mit der die Position des Drohnen-Piloten verschleiert werde.

DJI selbst will offiziell weder Russen noch Ukrainern helfen. Man bedaure den kriegerischen Einsatz seiner Drohnen sehr, schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme. Alle Geräte seien ausschließlich für den zivilen Einsatz gemacht. Mit Vertriebshändlern, Wiederverkäufern und anderen Partnern, die trotzdem Drohnen an Militär verkauften, würden die Geschäftsbeziehungen beendet.

Quelle: ntv.de

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