Technik

Kritik an Datensammelwut Facebook verhält sich wie Malware

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Was passiert bei Facebook unter der Oberfläche mit den Nutzerdaten?

(Foto: AP)

Dass Facebook gierig Nutzerdaten sammelt, ist nicht neu. Eine Forscherin macht noch einmal deutlich: Das Netzwerk speichert und nutzt offenbar alles, was Nutzer eintippen - auch wenn sie es gar nicht veröffentlichen.

Wer ein Konto bei Facebook hat und das Netzwerk aktiv nutzt, sollte wissen, dass die Dienste von Mark Zuckerbergs gigantischem Unternehmen nicht umsonst zu haben sind: Die Nutzer zahlen mit Daten, die das Netzwerk sammelt und auswertet, miteinander verknüpft und unter anderem dazu nutzt, Anzeigenkunden Werbeplätze zu verkaufen, die hochpräzise auf eine Zielgruppe ausgerichtet sind.

Die Datenwissenschaftlerin Vicki Boykis hat jetzt Details zum Umfang von Facebooks Datensammelwut zusammengestellt. Ein Kernbefund ihrer umfangreichen Meta-Studie, in der sie sich auf Berichte in der Fachpresse, wissenschaftliche Veröffentlichungen und ihre eigenen Recherchen stützt: Die Plattform speichert nicht nur gelöschte Inhalte weiter auf ihren Servern. Facebook greift auch Dinge ab, die Nutzer eintippen, aber nie verwenden - zum Beispiel Entwürfe für Postings, angefangene Status-Updates, die doch nicht veröffentlicht werden. Aus welchen Gründen auch immer.

Facebook als Keylogger?

Das Portal "Silicon" weist auf Boykis' Studie hin und vergleicht Facebook aufgrund dieser Erkenntnis mit einem Keylogger: Das ist eine bösartige Software, die Hacker nutzen, um zum Beispiel Log-In-Daten und Passwörter auszuspähen. Keylogger lesen dabei alle Tastatureingaben mit. Das Gleiche tut Facebook offenbar auch. Boykis schreibt: "Das Datensammeln bei Facebook beginnt möglicherweise schon, bevor man auf 'Posten' klickt."

Fast jeder tippt mal Dinge bei Facebook ein, die er dann doch nicht veröffentlicht. Boykis' verweist auf eine Studie, in der 3,9 Millionen Nutzer über einen Zeitraum von 17 Tagen beobachtet wurden. Rund drei Viertel der Nutzer schickten mindestens einen angefangenen Post am Ende doch nicht ab. Diese unbedachten Eingaben bewahrt Facebook offenbar ebenso auf wie Inhalte, die Nutzer löschen.

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Bitte taggen: Vicki Boykis lädt ein Selfie bei Facebook hoch.

(Foto: Vicki Boykis)

Was passiert mit diesen Daten? Wahrscheinlich fließen sie in die umfangreiche Auswertung der Persönlichkeit jedes Nutzers ein - 2014 gaben Facebook-Techniker an, dass täglich rund 600 Terabyte neue Daten einlaufen würden. Dass das Netzwerk jederzeit ein sehr detailliertes Bild seiner Nutzer zeichnen kann, ist nicht neu. So weiß Facebook sehr genau Bescheid über das Online-Verhalten seiner User, über Interessen, Vorlieben, Hobbys, sexuelle Orientierung, politische Werte, Familienzusammenhänge, Freundschaften, Geschlecht. Facebook nutzt alle verfügbaren Daten und Metadaten, um daraus ein möglichst genaues Bild eines Users zu erstellen.

29.000 Indikatoren

Aus allen Informationen und Metadaten, die Facebook über seine Nutzer bekommt (insgesamt 29.000 Indikatoren), lässt sich ein detailliertes Bild erstellen, das an Werbekunden für zielgerichtete Werbung verkauft werden kann. Das meiste davon teilen die Nutzer freiwillig mit dem Netzwerk, auch wenn es ihnen vielleicht nicht immer bewusst ist. Eine Zusammenstellung dieser Daten können Facebook-Nutzer sogar einsehen und herunterladen.

Boykis nennt einige Beispiele, wie die Daten der Nutzer verwertet werden. Facebook arbeite daran, Nutzer möglichst lange auf der Seite zu halten und möglichst viel zu interagieren. Dazu gehören Experimente zum Nutzerverhalten und die gezielte Manipulation der Nutzer-Emotionen - Stichwort "Filter-Blase". Es sei aber auch jederzeit möglich, dass Informationen an Regierungsorganisationen weitergegeben würden - unter Zwang oder freiwillig - und dass Geheimdienste Zugriff auf den riesigen Datenpool bekämen. 

Detaillierte Biometriedaten

Weit fortgeschritten ist auch Facebooks ausgefeilte Gesichtserkennung "DeepFace". Das Netzwerk verfüge mit seinen Milliarden Nutzern über die größte Datenbank mit biometrischen Gesichtsmarkern der Welt. Und die User helfen fleißig mit: Jedes Foto, das sie mit einem Freund taggen, hilft dem Netzwerk, seine Mechanismen zu verfeinern. Was macht das Netzwerk mit diesen Daten? Potenziell kann mithilfe von DeepFace jeder Nutzer weltweit durch jede Kamera erkannt werden.

Das Fazit von Boykis' ausführlicher und lesenswerter Arbeit? Es muss nicht unbedingt auf Facebook-Verzicht hinauslaufen. Aber wer das Netzwerk nutzt, sollte genau überlegen, was er tut und sich bewusst sein, dass jede Handlung nachvollzogen, ausgewertet und verkauft oder anders weitergegeben werden kann - auch alles, was im vermeintlich privaten Rahmen geschieht.

Zu einem aufgeklärten Nutzer-Verhalten könnten nach Boykis zum Beispiel folgende Dinge zählen: Nicht zu viele persönliche Informationen posten; keine Fotos der eigenen Kinder veröffentlichen; nach jeder Facebook-Sitzung ausloggen und einen anderen Browser verwenden; Facebook und den Messenger nicht für die Organisation von politischen Aktionen verwenden; nicht die Facebook-App auf dem Smartphone installieren, weil sie viele Berechtigungen einfordert; möglichst nicht den Messenger nutzen und auf dem Smartphone die Desktop-Site im Browser aufrufen.

Quelle: n-tv.de, jwa

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