Technik

Jedes Handy kann geortet werden Firmen verkaufen Spähtechnik weltweit

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Mit einfachster Technik kann jeder Besitzer eines Mobiltelefons überall lokalisiert werden. Genau diese Technik verkaufen Firmen an zweifelhafte Kunden.

(Foto: REUTERS)

Die Verbindungsdaten von Milliarden Handynutzern gehen durch ein jahrzehntealtes Verteilungsnetz. Firmen nutzen eine Sicherheitslücke, um einfache Spähsoftware für jedermann anzubieten. Unter den Käufern: Regierungen, Terroristen, Kriminelle.

Jede Regierung der Welt kann mit einfachster Technik Mobiltelefone orten - und zwar buchstäblich überall und teilweise auf den Häuserblock genau. Das berichtet die "Washington Post" und beruft sich unter anderem auf Marketingunterlagen von Firmen, die Spähtechnik verkaufen. Derlei Informationen würden sonst unter Verschluss gehalten, schreibt das Blatt. Einfache, aber effektive Überwachungstechnik wird in viele Staaten und an andere Kunden vertrieben und kann ohne größeren Aufwand und kostengünstig genutzt werden.

Demnach wäre Technik zur Überwachung auf Schritt und Tritt nicht mehr nur Staaten mit hochgerüsteten Geheimdiensten vorbehalten. Auch Terroristen und Kriminelle könnten leicht an entsprechende Software herankommen. Welche Regierungen die Spionagetechniken schon gekauft haben, ist nicht bekannt. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass es "Dutzende" seien. Dies konterkariere die milliardenteuren Überwachungsprogramme der Spähindustrie.

Das Verfahren ist simpel und Fachleuten meist auch bekannt: Jedes Handy der Welt kann über das Verteilungsnetz SS7 geortet werden - und zwar ganz simpel über die Telefonnummer. Je nach Standort tritt ein Mobiltelefon über den nächstgelegenen Funkmast mit dem Netzwerk in Kontakt, um Anrufe, Nachrichten oder Internetdaten zu senden oder zu empfangen. Das Problem: SS7 ist Jahrzehnte alt und nicht sicher. Als es geschaffen wurde, hatte nur eine Handvoll Firmen weltweit Zugriff auf das Netz. Heute nutzen Tausende Unternehmen SS7, um Mobilfunkdienste anbieten zu können. "Jede dieser Firmen könnte ihren Zugang mit anderen teilen, auch mit Herstellern von Überwachungssystemen", heißt es in dem Bericht.

Tests im Auftrag der "Washington Post" haben gezeigt, wie genau die Ortung mit der SS7-Technik funktioniert. Der deutsche Chaos-Computer-Club-Aktivist Tobias Engel sei in der Lage gewesen, mit der einfachen Technik eine Mitarbeiterin der Zeitung zu lokalisieren. Sie benutzte ein Handy mit einer Sim-Karte der US-Firma AT&T. Der Mobilfunkanbieter wollte sich zu dem Experiment nicht äußern.

Rechtliche Grauzone

Zwar gibt es Sicherungsmaßnahmen der Telekommunikationsfirmen, um die Rückverfolgung der Verbindungsdaten zu verhindern. Doch die meisten taugen laut "Washington Post" nicht viel. Das liege auch an der puren Masse der Mobilverbindungen. Werbebroschüren von Unternehmen, die die Spähtechnik anbieten, sprächen von 70 Prozent Erfolgsquote. Durch wiederholtes Abrufen der Daten könne ein Bewegungsprofil erstellt werden, während jemand beispielsweise eine Straße entlangfahre. Die Ortung funktioniere in Städten bis auf eine Häuserzeile genau, in ländlichen Gebieten zumindest bis auf mehrere Kilometer. In Kombination mit anderen Techniken könnten auch Telefonate abgehört und mitgeschnitten werden.

Wer die Sicherheitslücke nutzt, muss nicht einmal mit Sanktionen rechnen. Denn die Nutzung von Nachverfolgungssoftware ist rechtlich nicht genau geregelt, solange es jemanden in einem anderen Land betrifft. Die Schwachstellen des SS7-Netzes sind Fachleuten bekannt. Das Ausmaß des Missbrauchs wird dem Bericht der "Washington Post" zufolge jedoch kleingeredet. Im Laufe der kommenden zehn Jahre soll das System ersetzt werden, da es nicht nur Sicherheitsmängel birgt, sondern wegen des hohen Datenaufkommens auch immer pannenanfälliger wird.

Quelle: n-tv.de, nsc

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