Technik
Mittwoch, 20. Juli 2011

Hacker, Helden und Verbrecher: Teenager bedrohen die Welt

von Klaus Wedekind

Das FBI und europäische Ermittler nehmen bei Razzien 16 Anonymous-Hacker fest, denen unter anderem Verschwörung vorgeworfen wird. Das liest sich so, als hätte man einen erfolgreichen Schlag gegen Terroristen geführt. Tatsächlich aber sind die meisten Festgenommenen halbe Kinder, die glauben, das Richtige zu tun. Muss man vor ihnen Angst haben?

Viele Hacker zeigen auch große Kreativität.
Viele Hacker zeigen auch große Kreativität.

Auf der sozialen Plattform Reddit berichtet eine US-amerikanische Mutter, wie um 11 Uhr morgens fünf Fahrzeuge vor ihrem Haus hielten, aus denen mehrere FBI-Agenten ausstiegen und ihr Haus mit gezogener Waffen stürmten. Sie und ihr 13-jähriger Sohn hätten auf dem Sofa Platz nehmen müssen, während die Fahnder Computer und andere Geräte aus ihrem Haus trugen, schreibt sie. Ihr Sohn sei einer der Verantwortlichen für die DDoS-Attacke auf Paypal, hieß es.

Der 13-jährige "Hacker" mag vielleicht ein krasses Beispiel sein, aber viele Anonymous-Mitglieder und andere Hacktivisten sind kaum älter als der Junge. Und auch die meisten anderen festgenommenen mutmaßlichen Anonymous-Mitglieder sind Studenten oder Schüler. Oft sind sogar die Anführer von Cracker-Truppen Teenager. Das in London festgenommene Führungsmitglied der berüchtigten Lulzsec-Piraten "Tflow" ist beispielsweise gerade mal 16 Jahre alt. Ein Krimineller? Ein Schwerverbrecher?

Keine gewöhnlichen Verbrecher

Nun, die Methoden der Hacktivisten sind zweifellos illegal. Doch man kann sie kaum in einen Topf mit gewöhnlichen Kriminellen werfen. Anonymous ist keine homogene Gruppe. Die Hacktivisten sind weder organisiert noch haben sie tatsächliche Anführer. Tflow oder der auf Twitter verehrte anonymouSabu sind vielmehr Galionsfiguren oder Sprachrohre einer Bewegung, die die meisten Politiker, Medien- und Wirtschaftsleute nicht verstehen. Es ist eine Mischung aus jugendlichem Aufbegehren, ehrlicher Empörung, politischem Engagement, Spaß am Verbotenen und der Begeisterung für das Internet und digitale Techniken. Die Hacktivisten sehen sich als Freiheitskämpfer, die gegen Zensur und Unterdrückung antreten. Und sie haben viele Sympathisanten.

Wer glaubt, Anonymous ließe sich durch Festnahmen, Razzien und andere Polizeimaßnahmen zerschlagen, irrt sich höchstwahrscheinlich. "Für einen Verhafteten kommen zehn Neue" - so oder so ähnlich lauten viele Kommentare auf Twitter, dem beliebtesten Medium der Hacktivisten. Vermutlich haben sie recht. Tflow und andere "Gefallene" werden wie Helden verehrt und die Followerzahlen der bekanntesten Hacktivisten steigen. LulSec folgen inzwischen schon mehr als 335.000 Nutzer.

Wissen ist Macht

Teenager, die gegen Ungerechtigkeiten aufbegehren, hat es zu jeder Zeit gegeben. Nur haben sie heutzutage gegenüber den Erwachsenen einen Wissensvorsprung, der ihnen Macht verleiht. Für sie ist die digitale Welt ein Teil ihrer Realität. Sie fühlen sich in ihr zu Hause und sie beherrschen ihre Instrumente.

Die hackenden Schüler und Studenten sind für Weltkonzerne und Regierungen ein ernstzunehmendes Problem. Ob sie es auch für die Gesellschaft sind, muss aber bezweifelt werden. Denn auch wenn Lulzsec, Anonymous, No-Name Crew und andere Gruppen E-Mail-Adressen, Passwörter und andere Nutzerdaten veröffentlichen, hält sich der Schaden für Normalbürger bisher in Grenzen. Nicht wenige sind sogar der Meinung, Sony-Nutzer lebten heute weit sicherer als vor dem großen Hackerangriff. Auch Sicherheitsexperten geben zähneknirschend zu, dass die Hacker durch ihre Aktionen auf gefährliche Schwachstellen und Schlampereien aufmerksam machen.

Schmaler Grat

Trotzdem ist es ein schmaler Grat, auf dem sich die Hacktivisten bewegen. Denn nur wenige Klicks vom Idealismus lockt das große Geld, das sie mit dem Verkauf von Nutzerdaten oder Auftrags-Hacks verdienen könnten. Noch größer ist aber vermutlich die Gefahr, dass aus Internet-Idealisten Cyber-Terroristen werden. Besonders dann, wenn Behörden überreagieren und die Hacktivisten wie Schwerverbrecher verfolgen und einsperren.

Regierungen und Behörden von demokratischen Staaten sollten keinen Cyberkrieg gegen die eigene Internet-Bevölkerung führen. Sie sollten vielmehr versuchen, ihre jungen Bürger zu verstehen und den Dialog zu suchen. Und auch wenn ihnen die Einstellung der Cyber-Teenies nicht passt, sollten sie auch anerkennen, dass die jungen Leute bei Weitem nicht so unpolitisch sind, wie ergraute Volksvertreter gerne behaupten. Eigentlich kann man froh darüber sein, dass sich die Jugend (wieder) für Freiheit und Demokratie engagiert und den Mächtigen dieser Welt auf die Finger schaut.

Video

Quelle: n-tv.de

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