Technik

Der NSA ein Schnippchen schlagen Tor befreit das Internet

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Allen Überwachungsskandalen zum Trotz surft ein Großteil der Bevölkerung immer noch so sorglos durchs Netz wie eh und je. Viele schreckt vor allem die Technik. Dabei ist anonym surfen mittlerweile ein Kinderspiel.

Jahresberichte sind in der Regel keine Veranstaltungen von sonderlich großer Strahlkraft. Allerdings geht es auch in den wenigsten Jahresberichten um den Kampf gegen das institutionalisierte Böse und für Freiheit, Gerechtigkeit und Bürgerrechte. Noch seltener dürften Sätze wie dieser fallen: "Ich würde niemals CIA-Geld nehmen, ich bin vielmehr davon überzeugt, dass die CIA noch nicht einmal existieren sollte." Das alles sorgt dafür, dass sich an diesem verlorenen Tag zwischen den Jahren 4500 Zuhörer in den großen Saal einer Hamburger Kongresshalle zwängen und sich von Jacob Appelbaum erzählen lassen, wie es Ende 2014 um das Tor-Projekt bestellt ist.

Wie funktioniert anonymes Surfen?

- Anonymes Surfen auf einem Desktop-Rechner ist ein Kinderspiel, das Projekt bietet für Linux, Windows und Mac OS X Tor-Browser an, die im Handumdrehen installiert sind.

- Unter mobilen Geräten sind solche mit Android gut versorgt. Der Schlüssel dafür ist die offizielle App des Tor-Projekts Orbot, die mit mehreren Anwendungen zusammenarbeitet: Dazu gehören neben dem hauseigenen Browser Orweb, der sicheren Whatsapp-Alternative ChatSecure und der Suchmaschine DuckDuckGo auch Firefox und Twitter.

- Für iOS gibt es bislang keine offizielle App. Dem Ziel einer offiziellen Empfehlung durch das Projekt scheint der Onion Browser (89 Cent) nahe zu sein. Interessant ist auch der jüngere, aber umfangreichere und wesentlich modernere "Red Onion" (89 Cent).

- Egal welches System mit welchem Browser genutzt wird, lohnt sich ein Test der Konfiguration bei "ip-check.info". Dort werden Schwachstellen offengelegt und Änderungsvorschläge gemacht.

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(kwe)

Das Tor-Netzwerk gilt als sicheres Kommunikationsmedium für Dinge im Internet, die unter allen Umständen privat bleiben sollen. Trotzdem ist es ständigen Angriffen ausgesetzt, wie Appelbaum und sein Mitstreiter Roger Dingledine bei der "State of the Onion" verraten haben. Auf dem Chaos Communication Congress 31C3 treten die beiden auf die Bühne und geben eine Art Jahresbericht ab. "Wir werden bedroht, und wir stehen unter ständigem Druck. Nicht nur Gesetzeshüter sind gegen uns, sondern auch viele, denen die Gesetze einfach egal sind", beschwört Appelbaum und bittet dabei um die Hilfe der Tor-Community.

"Massenüberwachung ist echt"

Die Fakten sind: Im Jahr 2014 ist das Netzwerk, dass seine Nutzer vor Überwachung schützen soll, stark gewachsen. Nutzt jemand Tor, wird die Anfrage über so viele Stationen umgeleitet, dass es schwer bis unmöglich wird, die Kommunikation nachzuverfolgen. Tor ist dabei abhängig von den eigenen Servern - die meisten von ihnen sind privat und werden ehrenamtlich betrieben. Ihre Zahl ist seit Januar von unter 5000 auf nun rund 6400 gestiegen. Die verfügbare Bandbreite summiert sich inzwischen auf 12 Gigabyte pro Sekunde - und ist damit doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr. Die Bandbreite ist ein entscheidender Faktor: Ist sie zu gering, verringern sich Surfgeschwindigkeit und Downloadraten der Nutzer.

Appelbaum wäre nicht eines der bekanntesten Gesichter der Szene, wenn er neben den Zahlen nicht noch plakative Sätze parat hätte: "Wir brauchen Tor als Beobachtungswerkzeug für Menschenrechte", sagt der Aktivist an einer Stelle. Oder: "Massenüberwachung ist echt, sie geschieht in Echtzeit und ist ein echtes Problem."

Die Antwort des Projekts ist Wachstum. Und das heißt: mehr Server, mehr Bandbreite. Tor ist zudem eine Partnerschaft mit Mozilla eingegangen, der Organisation hinter dem Browser Firefox. Ziel ist, "Privatsphäre zu jeder Person auf diesem Planeten zu bringen", sagt Appelbaum: Anonymität solle sich als Kultur etablieren. Im Wachstumsplan integriert ist deshalb auch die Kommunikation nach außen - die Spezialisten wollen ihre Anliegen der breiten Öffentlichkeit besser nahebringen. Dazu gibt es nun wöchentliche Mitteilungen über Entwicklungen in der Community, zudem soll die Pressearbeit besser koordiniert werden.

Am wichtigsten ist für die Tor-Entwickler dann aber doch ein analoges Tool: die Mundpropaganda. "Wenn jeder, der heute hier sitzt oder sich dieses Video später im Internet ansieht, nach Hause geht und seiner Familie und seinen Freunden erklärt, warum ein anonymes Netz für jeden wichtig ist, dann haben wir viel gewonnen", sagt Appelbaum. Das bis dato stärkste Argument gegen eine Installation des Tor-Browsers, die sperrige Handhabe, ist mittlerweile obsolet: "Wir haben verstanden, dass es nicht unbedingt darum geht, den Menschen die Technologie zu erklären, sondern darum, sie so einfach wie möglich zu gestalten", sagt Appelbaum.

Nachdem Tor mittlerweile also nicht mehr nur für technikaffine Nutzer eine Alternative ist, geht es darum, mehr Menschen für die neue digitale Freiheit zu begeistern. Denn die Sicherheit des Einzelnen steigt mit jedem neuen Mitglied. Oder um es mit Appelbaum zu sagen: "Jeder, der Tor nutzt, hilft Menschen, die in einem gefährlichen Land leben; also den Leuten in Kuba, dem Iran - oder den USA."

Quelle: n-tv.de

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