Wirtschaft

Absage an neue GasreserveDIW-Expertin warnt vor Milliarden-Grab für Steuerzahler

20.02.2026, 15:24 Uhr
00:00 / 10:14
Technische-Anlagen-zur-Ein-und-Ausspeicherung-von-Erdgas-stehen-auf-dem-Gelaende-des-Erdgasspeichers-Rehden-der-SEFE-Storage-GmbH-Bei-der-Speicheranlage-handelt-es-sich-um-den-groessten-Erdgasspeicher-in-Westeuropa
Gasspeicher sind ein Puffer für Engpässe bei der Gasversorgung. Eine große Bedeutung haben aber inzwischen auch Terminals an Nord- und Ostsee, an denen Flüssigerdgas (LNG) ankommt. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Füllstände sinken, der Ruf nach einer staatlichen Gasreserve wird laut. Doch Energie-Expertin Franziska Holz warnt im Interview: Das Projekt könnte zur teuren Belastung für Steuerzahler werden. Außerdem biete allein der Umstieg auf erneuerbare Heizsysteme dauerhaften Schutz vor fossilen Preisschocks.

ntv.de: In Deutschland herrscht ein strenger Winter. Die Füllstände der Speicher liegen inzwischen deutlich niedriger als in den Jahren zuvor. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche betont, die Versorgung sei trotzdem gesichert. Teilen Sie diesen Optimismus?

Franziska Holz: Ich teile diese Einschätzung. Mit dem Mix aus verbleibenden Gasreserven in den Speichern, den laufenden Importen aus Norwegen und von Flüssigerdgas ist die Versorgung auch in den kommenden Wochen gesichert.

Wenn Sie eine Prognose für das Ende der Heizperiode wagen müssten: Wo wird der durchschnittliche Speicherstand Ende März voraussichtlich stehen?

Die Füllstände deutscher Gasspeicher variieren stark. Manche liegen bereits bei 5 Prozent, andere noch bei fast 50 Prozent. Im Mittel werden viele Speicherbetreiber und Lieferanten jedoch versuchen, die Bestände nicht zu stark absinken zu lassen. Denn je niedriger der Füllstand ist, desto schwieriger wird es, die Speicher wieder zu befüllen – nicht nur rechnerisch, sondern auch physikalisch. Ich gehe daher davon aus, dass wir im Durchschnitt nicht unter 10 Prozent fallen werden. Ein Absinken in Richtung Null halte ich für unwahrscheinlich. Das bleibt allerdings eine Prognose mit Unsicherheiten.

FHolz_X_Photothek
Franziska Holz ist am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) stellvertretende Abteilungsleiterin für Energie, Verkehr, Umwelt. (Foto: DIW Berlin / Phototek)

Bisher verlassen wir uns in Deutschland auf privatwirtschaftliche Speicherbetreiber und gesetzliche Füllstandsvorgaben. Aus Sicht einiger Experten reicht das nicht mehr: Sie fordern eine strategische Gasreserve. Was hat es damit auf sich?

Die strategische Gasreserve dient dazu, im physischen Notfall die Versorgung sicherzustellen, wenn am Markt tatsächlich kein Gas mehr verfügbar ist. Sie ist also kein Instrument für einen normalen kalten Winter, sondern für außergewöhnliche Krisensituationen.

Was halten Sie davon?

Die entscheidende Frage ist, ob wir dem Markt dafür Speicherkapazitäten entziehen sollten – etwa für den sehr unwahrscheinlichen Fall einer Sabotage an einer norwegischen Pipeline. Angesichts unseres diversifizierten Importportfolios ist selbst in einem solchen Szenario davon auszugehen, dass alternative Bezugsquellen zur Verfügung stünden. Ich würde eher gegen den Aufbau einer solchen strategischen Reserve plädieren.

Wieso?

Um eine nennenswerte Menge in einer strategischen Reserve zu speichern, bräuchten wir deutlich größere Speicherkapazitäten, als derzeit verfügbar sind. Neue Kapazitäten – etwa wie beim Aufbau strategischer Ölreserven in den 1970er Jahren – ließen sich nur über mehrere Jahre schaffen. Diese Zeit haben wir jedoch kaum, da wir den Erdgasverbrauch im Zuge der Wärmewende und der Dekarbonisierung der Industrie schrittweise senken und perspektivisch aus fossilem Erdgas aussteigen wollen. Eine strategische Reserve wäre daher allenfalls ein Übergangsinstrument zur zusätzlichen Absicherung einzelner Winter. Zudem sind die geologischen Speicherkapazitäten – etwa in ehemaligen Öl- und Gasfeldern oder in Salzkavernen – nur begrenzt und nicht kurzfristig ausbaubar. Entsprechend ließen sich nur geringe Mengen für eine staatliche Reserve abzweigen.

Was wäre stattdessen sinnvoller?

Sinnvoller erscheint es mir, direkt bei den Marktakteuren anzusetzen. Gaslieferanten bevorraten sich ohnehin, um ihre Lieferverpflichtungen im Winter zu erfüllen. Denkbar wäre eine verbindliche Vorgabe, zu Beginn der Heizperiode einen bestimmten Anteil der erwarteten Verkaufsmenge im Speicher vorzuhalten. Das würde zusätzliche Sicherheit schaffen, ohne dem Markt durch eine staatliche strategische Reserve knappe Kapazitäten zu entziehen.

Sicherheit bedeutet für den Bürger allerdings auch Preisstabilität. Könnte eine Reserve verhindern, dass der Gaspreis bei der nächsten Krise wieder auf Rekordhöhen schießt?

Aus meiner Sicht kann eher eine marktliche Bewirtschaftung der Speicher Preisspitzen abfedern. Eine strategische Reserve ist dafür nicht gedacht – so war auch die Ölreserve nie konzipiert. Zwar hat die US-Regierung unter Joe Biden vor einigen Jahren Reserven genutzt, um Preisentwicklungen zu beeinflussen, doch das war ein Paradigmenwechsel. Zuvor wurden staatliche Reserven über Jahrzehnte hinweg nicht zu diesem Zweck eingesetzt. Für eine Gasreserve würde ich ein solches Vorgehen daher ebenfalls nicht erwarten.

Wie müsste denn eine strategische Reserve dimensioniert sein, um einen echten Sicherheitsgewinn zu bieten?

Das ist die entscheidende Frage. Im Ölsektor halten wir Vorräte im Umfang von rund drei Monatsimporten beziehungsweise -verbräuchen vor. Auf den Gassektor lässt sich das jedoch nicht übertragen. Unsere gesamten Untergrundspeicherkapazitäten entsprechen derzeit etwa zweieinhalb Wintermonaten Verbrauch – mehr ist strukturell kaum möglich. Allerdings gehen Überlegungen auch nicht von einem zweieinhalbmonatigen Komplettausfall aus.

Sondern?

Realistischer sind deutlich kürzere, aber extreme Szenarien. Wenn man beispielsweise zwei Wochen hohen Winterverbrauch absichern wollte, entspräche das grob 5 bis 6 Milliarden Kubikmetern Gas – also rund 50 bis 60 Terawattstunden. Das wären etwa 20 Prozent der heutigen Speicherkapazität. Solche Szenarien modellieren die Erdgasnetzbetreiber regelmäßig: Was passiert, wenn im Winter für zwei Wochen ein zentraler Lieferant ausfällt und gleichzeitig sehr niedrige Temperaturen herrschen? Zwei Wochen gelten dabei als typisches Stressszenario, anhand dessen geprüft wird, ob das System auch unter extremen Bedingungen stabil bleibt.

Wer trägt am Ende eigentlich die Kosten für eine strategische Reserve?

Bei einer staatlichen Reserve würde die Finanzierung eher den Steuerzahler als den Gaskunden treffen. 2022 zeigte sich, welche Dimensionen das annehmen kann: Nach dem niedrigen Speicherstand Ende des Winters 2021/22 wurde der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe vom Staat beauftragt, zusätzliche Mengen einzukaufen. Damals ging es um knapp neun Milliarden Euro. Zunächst wurde dies über die Gasspeicherumlage von den Endkunden finanziert, verbleibende Kosten trug der Klima- und Transformationsfonds - also der Steuerzahler. Solche außergewöhnlichen Maßnahmen sollten nicht zum Standard werden. Steuerzahler oder Endkunden dürfen nicht dauerhaft mit diesen Kosten belastet werden.

Wenn der Staat massiv Gas kauft und lagert, entzieht er dem Markt Angebot. Riskieren wir damit, die Preise künstlich hochzuhalten für eine Sicherheit, die wir am Ende vielleicht nie brauchen?

Jein. In dem Moment, in dem der Staat Gas am Markt kaufen würde, erhöhte er zunächst die Nachfrage – und damit tendenziell auch den Preis. Dieser Effekt wäre kurzfristig spürbar. Die Idee einer strategischen Reserve ist jedoch, das Gas anschließend dauerhaft im Speicher zu halten, sodass es dem Markt entzogen ist und erst im echten Notfall freigegeben wird. Dann ginge es nicht um marktliche Preissignale, sondern um physische Versorgungssicherheit. Wenn man sich für eine solche Reserve entscheidet, müsste der Aufbau idealerweise in einer Phase relativ niedriger Preise erfolgen.

Wer sollte im Ernstfall den Finger am Abzug haben? Müsste die Bundesnetzagentur entscheiden, wann die Reserve angezapft wird, oder braucht es eine politische Entscheidung im Kabinett?

Das ist eine komplexe Frage. Beim Öl entscheidet eine staatliche Agentur, die die Reserven verwaltet und im Krisenfall die Freigabe organisiert – letztlich auf Basis einer Verordnung des Bundeswirtschaftsministeriums. Die endgültige Entscheidung liegt also politisch bei der Bundesregierung beziehungsweise beim Wirtschaftsminister. Beim Gas würde ich ein ähnliches Vorgehen erwarten.

Deutschland will weg von fossilen Energien. Lohnt sich der Aufbau einer so komplexen Reserve überhaupt noch?

Aus meiner Sicht lohnt sich das nicht. Wir befinden uns im Übergang vom Erdgas und sollten nicht durch neue Sicherungsmaßnahmen am fossilen Gas festhalten. Wichtiger ist, diejenigen zu unterstützen, die ihre Heizsysteme im Sinne der Wärmewende von Erdgas auf erneuerbare Lösungen umstellen wollen. Gleichzeitig sollten Fernwärmenetze so ertüchtigt werden, dass sie zuverlässig erneuerbare Wärme liefern können – etwa durch Großwärmepumpen oder andere erneuerbare Technologien. Unsere Priorität sollte auf diesen Zukunftsinvestitionen liegen, die nicht nur die Versorgung sichern, sondern auch den Ausstieg aus Erdgas langfristig ermöglichen.

Würde der Ausbau einer strategischen Gasreserve die Energiewende blockieren?

So weit würde ich nicht gehen. Das Entscheidende für die Energiewende sind die bestehenden Anreizmechanismen. Durch den CO₂-Preis erhalten sowohl kleine als auch große Gasverbraucher einen klaren Anreiz, vom Gas wegzugehen, da es dadurch kontinuierlich teurer wird. Eine strategische Reserve würde daran nichts ändern. Sie wäre vor allem ein Instrument, das voraussichtlich Kosten für den Steuerzahler verursacht und unter Umständen Investitionsmittel von der Energiewende abzieht. Eine direkte Blockade der Energiewende erwarte ich jedoch nicht.

Mit Franziska Holz sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

GasDIWKatherina ReicheGasspeicher