Wirtschaft

Regierung prüft Auffanggesellschaft Angst um Schlecker-Frauen

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Das Problem der Schlecker-Filialen: Zu klein, flasche Lage, unattraktiv. Die Mitarbeiter baden das Missmanagement jetzt aus.

(Foto: REUTERS)

Schlecker ist pleite, fast die Hälfte der überwiegend weiblichen Belegschaft fürchtet um ihre Jobs. Nach dem Schreck ein kleiner Hoffnungsschimmer: Berlin erwägt eine Transfergesellschaft. Das würde den Mitarbeitern Zeit verschaffen, neue Jobs zu finden. Arbeitsmarktexperte Eichhorst sieht gute Chancen. Viele dürften nahtlos wechseln können.

Die Mitarbeiter und die Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriemarktkette dürfen erst einmal durchschnaufen. Das allerschlimmste Szenario, die unmittelbare Entlassung von 12.000 Mitarbeitern in die Arbeitslosigkeit, dürfte abgewendet sein. Die Bundesregierung erhört offenbar den Ruf der Gewerkschaften nach Staatshilfen. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es, man prüfe eine Auffanggesellschaft für die Beschäftigten. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, die Gewerkschaft Verdi, die Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Insolvenzverwalter seien darüber im Gespräch. Bis Ende nächster Woche soll nach Angaben der CDU-Politikerin klar sein, ob dies möglich ist.

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Die Angestellten der insolventen Drogeriekette gründeten den Verein "Wir wollen Schlecker retten" um ihren Beitrag zur Rettung der Firma zu leisten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Gewerkschaft Verdi hatte im Kampf um die Arbeitsplätze die Frauenkarte gezückt und die Politik aufgefordert, sich genauso um das Unternehmen und seine Beschäftigten zu kümmern, als wäre es Opel mit seinen überwiegend männlichen Beschäftigten. Beim Autobauer sei es sofort um Bürgschaften gegangen, hieß es. "Zur Rettung der Banken seien viele Milliarden benötigt und bereitgestellt worden. Und auch als es um die Steinkohle, die Zechen und die Zukunft der Kumpel ging, seien viele Milliarden geflossen", monierte die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hofmann.

Auch die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Renate Künast, hatte eine Auffanggesellschaft verlangt. Es ginge um tausende Frauen in schwierigen Arbeitsverhältnissen, die vor dem Aus stehen. Wo es an einer Lobby für die Beschäftigten mangele, sei es die Pflicht der Arbeitsministerin, sich hinter die Frauen zu stellen, sagte Künast. Christiane Scheller vom Verdi-Bundesvorstand ergänzte gegenüber n-tv.de, es handele sich hauptsächlich um sozialversicherte Jobs, die tariflich gebunden seien. "Da werden die Frauen keine Arbeit finden."

Arbeitsplatzangebot stabil

Arbeitsmarktexperten teilen diese Auffassung allerdings nicht so. "Wir haben eine relativ günstige Situation auf dem Arbeitsmarkt", sagte Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA n-tv.de. Der Arbeitsmarkt sei dynamisch und der Einzelhandel sei, was das Arbeitsplatzangebot angehe, "zumindest stabil". Der Ruf nach Staatshilfen wundert Eichhorst nicht. Schon aber, dass nun die "Frauenkarte" gezückt wird.

"Man sollte jetzt nicht in Populismus verfallen", warnte Eichhorst. Den Weg, die Entlassungen über eine Auffanggesellschaft abzufedern, hält er für eine überlegenswerte Maßnahme. Wichtig sei die Vermittlung. "Dieser Arbeitsmarkt ist kein sehr spezieller und auch kein hochqualifizierter. Ich gehe davon aus, dass viele von den Beschäftigten kurzfristig auch in vergleichbare Positionen einfach direkt wechseln können", sagte Eichhorst.

Die Befürchtung, dass die entlassenen Schlecker-Frauen keine Tarif-Jobs mehr finden werden, teilt er nicht. Im Einzelhandel arbeiteten etwa 50 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen, so dass auch wesentliche Wettbewerber dazugehören müssen. Auch wenn für manche Frauen die Stellensuche schwierig werde, sei das noch kein Grund, das Unternehmen bzw. die jeweiligen Filialen künstlich am Leben zu erhalten. Das Argument, das auf dem Lande die Versorgung gesichert sein müsste, überzeugt ihn nicht. Der Staat sei dafür nicht zuständig. Hier müsste sowieso auch mehr über neue Geschäftsmodelle, wie mobile Versorgung, nachgedacht werden.

Schlecker-Mitarbeiter "überdurchnittlich alt"

Hoffnung gibt es, dass die Konkurrenz einen Teil von Schlecker übernimmt. So hat bereits Rossmann angedeutet, an 80 Filialen Interesse zu haben. Branchenexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn Rhein-Sieg, der als Unternehmensberater für Schlecker tätig war, schätzt die Vermittlungschancen allerdings eher skeptisch ein. Er hält das Durchschnittsalter von Schlecker-Mitarbeitern für "überdurchschnittlich hoch" für den Einzelhandel. Der Wechsel dürfte deshalb nicht so leicht fallen, sagte er n-tv.de. Auch die Tatsache, dass Arbeitsplätze auf dem flachen Land wegfallen werden, wo es keine Alternativen gibt, sieht Roeb kritisch.

Die Ankündigung, dass Schlecker insolvent ist, hatte Mitte der Woche eine Schockstarre bei den Mitarbeitern ausgelöst. Dass Jahre des Missmanagements und rückläufiger Umsätze zu Schließungen und Entlassungen nach sich ziehen würden, kam zwar nicht völlig überraschend. Aber niemand ahnte, dass es so schlimm kommen würde. Von 5410 Filialen bleiben jetzt voraussichtlich noch 3000 übrig. Nahezu die Hälfte der 25.250 Beschäftigten, die meisten ungelernt und in Teilzeit beschäftigt, sollen entlassen werden. Wer betroffen ist, ist noch nicht klar. Die Zitterpartie wird noch andauern, bis alle Details geklärt sind.

Eichhorst rät den Betroffenen, sich jetzt schon um neue Jobs zu bemühen. "Wenn Sie gut beraten sind, dann kümmern sie sich jetzt schon darum und warten auch nicht mehr lange ab." Die Konkurrenz sei sowieso attraktiver. Tatsächlich hatten die Konkurrenten dm und Rossmann Schlecker, was Kundschaft angeht, schon lange den Rang abgelaufen. Zwei Millionen Kunden wanderten in den vergangenen Jahren dorthin ab.

Nischendasein reicht nicht

Die Fehler des Unternehmens aus dem baden-württembergischen Ehingen waren seit langem bekannt: ein zu großes Filialsystem, zu geringe Investitionen. Zudem wurde kaum etwas gegen die Schmuddel-Optik getan und zu spät auf Probleme reagiert. Außerdem waren die Preise zu hoch. Selbst die Verkäuferinnen an den Kassen hatten Verständnis dafür, dass Kunden in Scharen zur Konkurrenz abwanderten. Seit 2004 verlor die größte deutsche Drogeriekette kontinuierlich an Umsatz. Auch für Unternehmensberater Roeb war der einzige Erfolgsgarant von Schlecker, dass die Kette da präsent  war, wo sich die Filiale für dm und Rossmann nicht lohnte, was offenbar zu wenig war.

Mit einer Transfergesellschaft würde die Regierung zu einem klassischen Instrument greifen, das zum Einsatz kommt, wenn große Betriebe pleitegehen oder Massenentlassungen anstehen. Sie sollen die von der Arbeitslosigkeit Bedrohten durch Qualifizierungen und andere Hilfen unterstützen, binnen eines Jahres einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Finanziert werden sie aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. Die Mitarbeiter bekämen ein Jahr lang Transfer-Kurzarbeitergeld, das genauso hoch ist wie das Arbeitslosengeld und für Arbeitnehmer mit Kindern 67 Prozent und für andere 60 Prozent des letzten Nettogehalts beträgt. Entlassene Beschäftigte gewinnen damit Zeit, sich um neue Jobs zu bemühen.

Quelle: ntv.de