Wirtschaft

Interview mit Shi Ming "Angstbild des Westens"

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"So sonderbar ist China nicht."

(Foto: REUTERS)

Was will China in Afrika? Das chinesische Interesse gilt nicht nur den Rohstoffen, sondern auch den Stimmen der afrikanischen Staaten, stellt der Journalist Shi Ming gegenüber n-tv.de fest. Dass China bei seinem Afrika-Engagement aber einer langfristigen Strategie folgt, hält er für ein Angstbild des Westens.

n-tv.de: Welches Interesse hat China an Afrika?

Shi Ming: China nutzt Afrika doppelt. Politisch bietet Afrika mit seinen vielen Staaten bei internationalen Organisationen wie etwa den Vereinten Nationen ein Fangbecken für Stimmen. Mit Diskursen wie "Dritt-Welt-Theorie" oder "Süd-Süd-Zusammenarbeit" hat Peking in diesem Becken erfolgreich zu seinem eigenen Gunsten gefischt, manchmal gegen Geld, manchmal gegen Waffen, manchmal gegen politische Deals wie Protektion im Weltsicherheitsrat. Das war schon in den 1970er Jahren der Fall, als Chinas Rückkehr in die Vereinten Nationen auf diesem Weg gelang.

Wirtschaftlich bietet Afrika China die Möglichkeit, Energiequellen und Erzvorkommen zu erschließen, aber auch zunehmend einen großen Absatzmarkt. Hier bündeln sich nicht mehr nur die staatlich formulierten Interessen, sondern es tummeln sich unterschiedliche Akteure, von denen vor allem chinesische Händler bzw. kleinere Mittelstandsunternehmen manchmal auch ohne staatliche Unterstützung Märkte für sich erschließen. Das Vorgehen der staatlichen Giganten, allen voran die Energieriesen wie China Oil, koppelt wiederum an das bereits umrissene politische Vorhaben an: Energie gegen Entwicklungshilfe ist hier das Motto.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen den westlichen Interessen Europas und der USA an Afrika und dem chinesischen Ansatz?

Es gibt mehrere Unterschiede. Europas Interessen an Afrika waren und bleiben historisch verwurzelt, Chinas Interessen nicht. Die Anbindung auch der jungen afrikanischen Elite an Europa resultiert aus der kolonialen Tradition einerseits und aus ideeller Gemeinschaft wie etwa dem Katholizismus andererseits. Beides fehlt China ganz und gar.

Zudem prägen auch Schuldgefühle die Beziehungen zwischen Europa und Afrika in komplexer Weise: Die ehemaligen Kolonialherren durchliefen und durchlaufen selbst als Nationalstaaten weitere Schritte der Moderne und Postmoderne. Ihre Reflexion, z.B. in punkto Wertigkeit der Natur und Naturressourcen oder Menschenrechte, ist nicht ganz geheuchelt. Im Vergleich sind chinesische Interessenfindungsprozesse viel oberflächlicher und bleiben es auch.

Auch hantiert Europa bei seiner Interessenfindung vielschichtiger: Klassischer Merkantilismus schwindet, "freie", das heißt multiple Muster der Interessenarrangements dominieren. Auch wenn Europas ökonomische Interessen vergleichbaren Anschein erwecken wie die chinesischen, so denken Chinas Lenker nicht im Traum daran, sich eine eigene "Blöße" zu geben. Während Europa kaum die Kraft findet, so etwas wie "Interessen" zu definieren, bleibt es ein konsequenter Versuch der chinesischen Elite, genau diesen Eindruck zu erwecken.

In den USA und Europa werden die Aktivitäten Chinas in Afrika sehr kritisch gesehen – mit Hinweis auf die chinesische "Goodwill"-Strategie, die etwa Diskussionen über Menschenrechte  mit den afrikanischen Ländern ausklammert. Nun haben deutsche Forscher die These aufgestellt, dass diese Kritik vor allem auf das negative China-Bild hierzulande zurückzuführen ist und dass das wahre Wesen des chinesischen Engagements, beispielsweise die Entwicklungshilfe und die Investitionen in die afrikanische Infrastruktur, verkannt wird. Teilen Sie diese These?

Nein, ich teile diese These nicht. Das so genannte "negative" China-Bild, das China-Versteher hierzulande konstatieren, bezieht sich zumeist auf zwei Komponenten. Zum einen, wie Chinas Regierung abgebildet wird – Entwicklungshilfe gibt kein Chinese, auch keine chinesische karitative Organisation, nur der Staat in Gestalt der Regierung. Dass aber genau die chinesische Führung sich nur wenig um Menschenrechte schert, ist eine bewiesene Tatsache, die insbesondere in China selbst von niemandem, außer von der Regierung selbst, angezweifelt wird. Insofern ist das Bild, was die Menschenrechte angeht, kein Zerrbild.

Die zweite Komponente für das Negative bezieht sich auf die Wege der Industrialisierung, die China einschlägt. Diese unterscheiden sich allerdings in ihrer Struktur kaum von den Industrialisierungswegen westlicher Staaten. Es gibt kaum Zweifel daran, dass der Kapitalismus in China nach haargenau denselben Mechanismen funktioniert und versagt wie im Westen auch. Dass Chinas Führung gegen Investitionen in die Infrastruktur eigene Vorteile aus Afrika holt, ist nur in der Darstellung der Interessen ein anderes Phänomen, nicht aber im Wesen des kapitalistisch ökonomischen Tauschgeschäftes. Dass beiden Ansätzen, westlichem und chinesischem, nicht ein einziger Funke Altruismus anhaftet, macht deutlich, dass, wenn hier etwas Negatives dargestellt wird, dies für beide Ansätze gleichermaßen gilt.

Im übrigen: Gerade in Libyen zeigt sich, dass Chinas Politik durchaus nicht bereit ist, ohne Auflage weiter zu investieren. China blockiert die Freigabe der im Ausland eingefrorenen Gelder aus dem Hause Gaddafi, bis die neue Machthaber in Tripolis Peking hoch und heilig versprechen, die chinesischen Interessen zu wahren – das war ein Zitat aus Xinhua, fast wortwörtlich. Ist hier wirklich ein bisschen von dem sonst viel zitierten Gedöns, wonach Chinas Engagements doch ohne jegliche Diktum kolonialer Natur seien, noch anzumerken?

Die Kooperationen zwischen Afrika und China werden ja auch in den afrikanischen Ländern und in China selbst äußerst kritisch gesehen. Wie sieht die Diskussion in China aktuell aus?

Das Beispiel Nordafrika, Tunesien, Ägypten und jetzt Libyen, reichert die chinesische Diskussion um eine systempolitische Dimension an, die diese Debatte vorher nicht gekannt hat. Sowohl liberale wie auch die marxistische Linke sehen in diesen Beispielen aus Nordafrika signifikante Signale für China selbst. Bloß betonen die Liberalen, dass China bitte schön nicht auch noch hinter angeblich so unzivilisiertem Afrika zurückbleiben dürfe, was eine partizipatorische Demokratisierung angeht. Derweil mahnt die marxistische Linke zur "rechtzeitigen und konsequenten Härte", mit der man die weltimperialistische Verschwörung vereiteln müsse. Beide Seiten einigen sich de facto darauf, dass die chinesische Führung unbedingt etwas tun müsse, sonst breche das chinesische System zusammen – entweder in totaler Diktatur, wie die Liberalen es befürchten, oder in ein totales Chaos, wie die Linken den Teufel an die Wand malen.

Welche konkreten Folgen hat denn der "arabische Frühling" für China?

Die afrikanischen Veränderungen betreffen immer härter Chinas Belange dort. Nicht nur, dass nordafrikanische Jasminrevolution für die chinesischen Intellektuellen deutliche Signale für einen zivilen Ungehorsam ausstrahlt. Auch das Scheitern des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi und die Wahl in Sambia demonstrieren immer deutlicher, wie unbedacht und - wenn man es ein bisschen drastisch ausdrücken mag - konzeptlos die chinesischen Afrika-Engagements eigentlich von Anfang an gewesen sind. Selbst im Sudan, wo China auch davor nicht zurückgeschreckt war, das Vetorecht beim UN-Sicherheitsrat einzulegen, um schützende Hand über den international geächteten Präsidenten zu halten, zeichnet sich ab, dass es demnächst für Peking unangenehm werden kann. Ein Engagement Pekings bei den abgespalteten Südsudanesen wäre gar nicht so wünschenswert für etliche afrikanische Regierungen.
 

Sollte Peking seine afrikanische Politik überdenken?

Chinas Afrika-Politik hat nicht wirklich die Qualität einer wohlüberdachten Strategie. Das ist eher ein Angstbild der Europäer und Amerikaner. Das zeigt sich etwa darin, dass von Peking aus nicht wirklich eine Linie über fünf Jahre hinaus durchgehalten wird: Politische Auflagen gab es auch schon vor Libyen, etwa in Sambia, als dort die Gewerkschaften chinesische Minen mit Streiks lahmlegten. Oder die Linie, Investitionen als "Entwicklungshilfe" zu verpacken, um ein moralisches Vorteil in der Weltdiskussion herauszuschlagen.

Diese Linie ist zu keinem Zeitpunkt konsequent vertreten worden. Denn von Anfang an wurde so getan, als ob der Altruismus oder wenigstens ein geteiltes Gefühl für das Leiden der Geschröpften und Unterdrückten Chinas Engagements fundiere. Ein anderes Mal heißt es, China wolle eben nur Geschäfte machen. Wenn man schon lügt, darf man  sich nicht in so kurzen Abständen widersprechen. Niemand ist so dumm, solchen Lügen aufzusitzen. Mit Verlaub, auch und gerade die Afrikaner nicht. Insofern geht es für mich gar nicht erst darum, ob Peking seine Afrika-Politik überdenken müsse. Peking muss zuerst überhaupt eine in sich schlüssige Afrika-Politik finden und formulieren.

Gerade die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die chinesische Strategie allenfalls nur ein Papiertiger ist. Zudem wäre, selbst wenn es diese Strategie konsequenterweise gäbe und befolgt würde, keineswegs gesagt, dass sie auch in der Tat ganz anders wäre. Und drittens: Da auch Peking in seiner neuen ökonomisch viel propagierten "Stärke" heraus gerade westliche Wirtschaftsfetischisten verblenden konnte, wäre es jetzt die Zeit gekommen, sich Gedanken zu machen, ob man wirklich einmal mit Bündeln Dollars für Straßen und Schulen als PR-Gags (auch die Amis und Europäer hätten diese Nummer reichlich abgezogen!) schon alle innerafrikanische Barrieren zu eigenen Gunsten überwinden kann.

Und sollte Europa seine eigene Afrika-Politik überdenken?

Europa soll zu allererst damit aufhören, China als einen durch und durch anderen Sonderfall zu betrachten. So sonderbar ist China nicht. Dann soll Europa ehrlich dazu stehen, dass selbst in China auch und gerade das europäische Kapital große Vorteile erwirtschaften. Zwei Drittel der Nettogewinne aus der chinesischen Exportwirtschaft stammen aus Joint-Ventures zwischen China und dem Westen. Also tut nicht so, als würden nur die Chinesen Butter vom Brot aller anderen, allen voran Europäern und Amerikanern, nehmen.

Als Drittes möge Europa bedenken, dass autoritäre Systeme innerhalb eines bestimmten Zeitfensters den Vorteil haben, dass dort die politischen und gesellschaftlichen Ressourcen schnell gebündelt werden können. Aber über das Zeitfenster hinaus zerbröselt gerade in diesen Systemen alles, während in Demokratien die gefundenen Interessen auch nachhaltig durchgesetzt werden. Wenn Europa seine Afrika-Politik überdenken möchte, dann wären dies meine Vorschläge.

Die Fragen stellte Samira Lazarovic

Der Publizist Shi Ming wurde 1957 in Peking geboren. Er studierte bis Anfang der 80er Jahre an der zweiten Fremdsprachen-Universität Pekings Germanistik und Jura. Danach folgten vier Jahre als Sprecher und Journalist beim staatlichen Rundfunk. Seit 1987 lebt Shi Ming in Köln, wo er als freier Journalist, Übersetzer und Schriftsteller arbeitet.

Quelle: n-tv.de

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