Wirtschaft

Gravierende Managementfehler Bahn kanzelt S-Bahn ab

Nach der Pannenserie bei der Berliner S-Bahn zieht der Mutterkonzern nun erste Konsequenzen. Die bislang weitgehend eigenständige Tochter der Deutschen Bahn verliert ihre Sonderstellung. Gerichtliche Schritte gegen die Verantwortlichen behält sich Konzern ausdrücklich vor. Bahn-Chef Grube bekommt eine neue Prüfeinheit mit konzernweiten Befugnissen.

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Die "Technische Revision" ist bei der Bahn ab sofort Chefsache.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein von der Deutschen Bahn AG in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht zum Berliner S-Bahn-Chaos deckt unter anderem "erhebliche Organisationsdefizite" bei der Bahn-Tochter auf. Als Konsequenz verliert als Konsequenz aus der monatelangen Pannenserie ihre Sonderstellung im Konzern, teilte die Deutsche Bahn mit.

Die Tochtergesellschaft wird zum 1. März aus dem Geschäftsfeld DB Stadtverkehr herausgelöst und ins Geschäftsfeld Regionalverkehr ("DB Regio") eingegliedert. Im Zuge des Umbaus wandert auch die S-Bahn Hamburg in einen anderen Konzernbereich. Damit sollen bundesweit alle S-Bahnen unter einem Dach zusammengefasst und deren einheitliche Qualitäts- und Sicherheitsstandards auf die S-Bahn Berlin übertragen werden. Bislang noch sind die S-Bahnen Berlin und Hamburg zusammen mit 22 Busgesellschaften im Konzerngeschäftsfeld Stadtverkehr organisiert.

Im Auftrag der Konzernmutter hatten Anwälte der Kanzlei Gleiss Lutz und Wirtschaftsprüfer von KPMG eigene Ermittlungen im Unternehmen aufgenommen und dazu seit Herbst 2009 S-Bahn-Mitarbeiter und Managementpersonal befragt sowie Unterlagen gesichtet. Die Ermittlungen hätten nun ergeben, dass die seit Monaten andauernden Technikprobleme der Berliner S-Bahn nicht nur auf Fahrzeugmängel, sondern auch auf Managementfehler zurückzuführen seien.

In ihrem Ermittlungsbericht kamen die externen Experten zu dem Ergebnis, dass wesentliche Ursachen der Missstände "in gravierenden konstruktiven Fahrzeugmängeln sowie in erheblichen Organisationsdefiziten der S- Bahn" lägen, teilte die Bahn mit.

Reichlich Material für den Staatsanwalt

"Klares Ziel war eine vorbehaltlose Aufklärung der Missstände. Alle Ursachen und Versäumnisse liegen jetzt lückenlos auf dem Tisch. Die dafür Verantwortlichen werden derzeit zu den Vorwürfen angehört. Außerdem haben wir pflichtgemäß sämtliche Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft übergeben", betonte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr bei der Deutschen Bahn. Die Bahn behalte sich arbeits- und zivilrechtliche Schritte vor.

Zu den technischen Mängel erklärte die Bahn, dass ausschlaggebend für den betrieblichen Beinahe-Zusammenbruch und die noch bestehenden Betriebsstörungen der Berliner S-Bahn ein - in wesentlichen Teilen - mangelhaft konstruiertes Fahrzeug der Baureihe 481/482 sei. Ein Schwachpunkt der Baureihe seien die unterdimensionierten Radscheiben.

Als Konsequenz daraus werden alle Fahrzeuge nun "laufend zusätzlichen Sicherheitsüberprüfungen" unterzogen. Darüber hinaus habe sich der Fahrzeughersteller Bombardier zur Schließung bestehender Dokumentationslücken bei der Zulassung der Baureihe 481/482 bereit erklärt, teilte der Konzern weiter mit.

Neben den technischen Mängeln seien auch Managementfehler Schuld an dem seit Monaten andauernden Problemen bei der Berliner S-Bahn. "Die Bremszylinder wurden seit 2002 aufgrund der durch Managementfehler verursachten Missstände der Werkstattorganisation nicht fachgerecht instand gehalten. Dies hat zu den erheblichen zusätzlichen Betriebsstörungen im September 2009 geführt", erklärte ein Bahn-Sprecher.

Grube bekommt eigene Prüfer

Im Umgang mit einem Radriss 2003 und dem Radbruch vom Mai 2009 sowie bei der Durchführung von Nachbestellungen 2005 seien operative Abwicklungsfehler bei der S-Bahn Berlin, aber auch eine unzulängliche Betreuung durch andere Konzernbereiche festgestellt worden.

In Reaktion auf diesen auch für den Mutterkonzern unangenehmen Aspekt des S-Bahn-Chaos' will die Bahn das Auditierungssystem für interne und externe Prüfungen von Konzernbereichen überarbeiten. Zudem richtet das Unternehmen die neue Einheit "Technische Revision" ein, die alle sicherheitsrelevanten Prozesse prüfen und überwachen soll. Die neue Einheit wird direkt beim Vorstandsvorsitzenden angesiedelt.

Die Deutsche Bahn ist alleiniger Eigentümer der S-Bahn Berlin GmbH. Wegen Wartungsmängeln an Bremsen und Radproblemen läuft der S-Bahn-Verkehr in der Hauptstadt seit Ende Juni 2009 nur über ein stark eingeschränktes Rumpfangebot. Der Verkehrsvertrag zwischen der Bahn und dem Land Berlin zum Betrieb der S-Bahn läuft bis Ende 2017.

Quelle: n-tv.de, dpa/

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