Wirtschaft

Experte fordert "Bauscham" Bauen schadet Klima "wie Autos und Fleisch"

imago80013370h.jpg

Auch Holzhäuser sind laut Daniel Fuhrhop keine generell umweltfreundliche Alternative zum extrem klimaschädlichen Beton.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Fürs Fliegen, Fleischessen und Autofahren müssen sich Menschen inzwischen rechtfertigen. Denn damit belasten sie das Klima. Wenig Beachtung findet das Bauen. Dabei hat gerade der von der Politik stark angekurbelte Neubau einen großen Anteil am CO2-Ausstoß in Deutschland.

Die Bauindustrie boomt in Deutschland derzeit wie kaum eine andere Branche. Die Politik hat die Devise "bauen, bauen, bauen" ausgerufen, um die Krise auf den angespannten Wohnungsmärkten in den Metropolen in den Griff zu bekommen. Laut Bundesregierung soll sich die Bautätigkeit sogar noch erheblich beschleunigen: 285.900 neue Wohnungen wurden 2018 fertiggestellt, so viele wie seit Jahrzehnten nicht. Doch die Zahl soll sogar auf 400.000 pro Jahr steigen. Davor warnt allerdings eindringlich Daniel Fuhrhop, Stadtentwicklungsexperte von der Universität Oldenburg. Der Bauboom drohe, Klimaschutzbemühungen etwa beim Fliegen oder im Autoverkehr zu konterkarieren. "Niemand sollte stolz darauf sein, gebaut zu haben - wegen des Klimas kann man sich dafür ebenso schämen wie für Autofahren und Fleischessen" sagt Fuhrhop im Gespräch mit n-tv.de.

Denn der gesamte Bereich Wohnen ist für einen Großteil des CO2-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Verschiedenen Studien zufolge entstehen 20 bis 40 Prozent der Treibhausemissionen beim Heizen, aber auch beim Bauen. Das sei vor allem auf die dabei verwendeten Rohstoffe zurückzuführen, erklärt Fuhrhop. Beton, Hauptrohstoff bei modernen Gebäuden, sei extrem energieintensiv. Allein die Herstellung von Zement, wiederum wichtiger Bestandteil von Beton, ist in Deutschland laut einer Analyse der Umweltschutzorganisation WWF für zwei Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Weltweit sind es sogar acht Prozent. Dazu kommen viele weitere Umweltschäden, etwa durch den hohen Verbrauch von Sand und Kies, die oft in sensiblen Naturgebieten abgebaut werden.

Dass neue Häuser durch modernere Bauweise und Technik energiesparend und damit klimafreundlicher als Altbauten seien, nennt Fuhrhop "eine Illusion". Denn dabei werde die für das Bauen benötigte Energie vernachlässigt. Analysen der Lebenszyklen von Gebäuden zeigten, dass sich der Energieaufwand für das Bauen und das Heizen bei modernen Gebäuden über die gesamte Nutzungsdauer in etwa die Waage halte. Bei besonders energieeffizienten Häusern sei der Verbrauch für das Heizen zwar niedriger, dafür beim Bau aber oft etwas höher.

Auch der Umstieg auf ökologischere Materialien macht das Bauen laut Fuhrhop nicht generell klimafreundlicher. "Holz speichert weniger Wärme als beispielsweise Beton oder Ziegel. Dann benötigt man wieder mehr Energie zum Heizen des Gebäudes oder auch zum Kühlen im Sommer."

Fuhrhop ist überzeugt, dass seine Forderung, auf Neubauten weitestgehend zu verzichten, die Krise auf dem Wohnungsmarkt nicht verschärfen würde - im Gegenteil. "Seit zehn Jahren wird in Deutschland immer mehr gebaut, aber die Wohnungsnot hat sich weiter verschärft." Das zeige, so Furhrhop, dass nicht die Zahl der Wohnungen das Problem sei, sondern wie sie genutzt würden. Es gebe genug Wohnfläche. Aber zugleich stünden zunehmend Wohnungen leer, die als reine Anlageobjekte dienten. Zudem wohnten viele vor allem ältere Menschen allein in großen Wohnungen und Häusern. Diese Entwicklungen könne die Politik etwa durch die Förderung von Umzügen und Untervermietungen stoppen.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema