Wirtschaft

Nach Kritik am Unkrautvernichter Bayer sucht Alternativen für Glyphosat

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Im Mai wurde Bayer zu über zwei Milliarden Dollar Schadenersatz an ein krebskrankes Ehepaar verurteilt.

(Foto: imago images / Action Pictures)

Seit der Übernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto schlägt sich der Chemieriese Bayer mit Problemen herum - nicht zuletzt wegen Glyphosat. Zwar will der Konzern jetzt Alternativen für das kritisierte Unkrautvernichtungsmittel erforschen. Ganz aufgeben will er es jedoch längst nicht.

Mehr Transparenz, eine bessere Umweltbilanz und Milliarden für die Suche nach Glyphosat-Alternativen: Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer will angesichts des massiven Gegenwinds nach der Übernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto in die Offensive gehen. Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat soll aber auch künftig eine "wichtige Rolle" in der Produktpalette von Bayer spielen.

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In den kommenden zehn Jahren will der Leverkusener Konzern rund fünf Milliarden Euro in "zusätzliche Methoden zur Unkrautbekämpfung" investieren, wie Bayer ankündigte. Die Investitionen zielen demnach unter anderem darauf ab, neue Wirkungsweisen zu entwickeln und dank der Digitalisierung der Landwirtschaft "präzisere Empfehlungen" abgeben zu können. Ein Konzernsprecher schränkte auf Nachfrage allerdings ein, es handele sich dabei nicht um zusätzlich bewilligte Gelder.

Bayer-Chef Werner Baumann war im Zusammenhang mit der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto - aus dessen Hause Glyphosat stammt - auf der Bayer-Hauptversammlung Ende April als erster amtierender Vorstandschef eines Dax-Konzerns von den Aktionären nicht entlastet worden. Denn die Bayer-Aktien haben seit der Übernahme von Monsanto im vergangenen Jahr erheblich an Wert verloren - vor allem weil Monsanto im Zentrum zahlreicher Gerichtsverfahren in den USA steht, in denen die Kläger glyphosathaltige Mittel für ihre Krebserkrankungen verantwortlich machen.

Die Rechtsstreitigkeiten rund um Glyphosat lasten schwer auf dem Aktienkurs des mit Aspirin groß gewordenen Traditionskonzerns. Das Unkrautvernichtungsmittel steht unter Verdacht, Krebs zu erregen. In den USA sieht sich Bayer deshalb mit etwa 13.400 Klägern konfrontiert. Zuletzt wurde der Konzern Mitte Mai zu mehr als zwei Milliarden Dollar Schadenersatz an ein krebskrankes Ehepaar verurteilt. In zwei vorherigen Fällen wurden den Klägern Schadenersatzzahlungen von insgesamt knapp 160 Millionen Dollar zugesprochen. Bayer hat Berufung eingelegt oder angekündigt, viele Experten gehen aber letztlich von einem teuren Vergleich aus.

Bayer verliert Deutsche Bahn als Großkunden

In der Forschung ist die Frage, ob Glyphosat eine krebsauslösende Wirkung hat, umstritten. Die US-Umweltbehörde EPA und auch die Aufsichtsbehörden in der EU und Deutschland gelangten zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Krebsgefahr ausgeht. Dagegen konstatierte die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) 2015, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend bei Menschen" sei.

Bayer verweist dabei stets darauf, dass Produkte auf Glyphosatbasis bei sachgerechter Anwendung sicher seien. Auch jetzt betonte der Konzern: "Glyphosat wird weiterhin eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft und in der Produktpalette von Bayer spielen." Zumindest aber in Europa läuft schon länger eine grundsätzliche Debatte darüber, wie lange das Herbizid überhaupt noch zugelassen sein soll. Auch deshalb steigt möglicherweise der Druck, Alternativen zu entwickeln.

In Europa ist der Einsatz von Glyphosat noch bis 2022 zugelassen. Das Berliner Landwirtschaftsministerium hat aber an die Bauern appelliert, die Verwendung schon vorher einzuschränken. Mit der Deutschen Bahn hat außerdem ein Großkunde von Bayer angekündigt, künftig auf das Unkrautvernichtungsmittel zu verzichten. Gemeinsam mit der Bundesregierung will die Bahn alternative Mittel erforschen lassen. Die Deutsche Bahn ist mit rund 65 Tonnen pro Jahr größter Einzelabnehmer von Glyphosat in Deutschland.

Besserer Umgang mit Kritikern versprochen

Für Wirbel sorgten zuletzt auch von Monsanto erstellte geheime Listen mit Kritikern, für die Bayer bereits im Mai um Entschuldigung gebeten hatte. Die US-Tochter Monsanto steht insbesondere bei Umweltschützern seit Langem in der Kritik - vor allem wegen genveränderten Saatguts und Glyphosat. Der Konzern will sich nun höhere Maßstäbe setzen für "Transparenz, Nachhaltigkeit und den Umgang mit allen Interessensgruppen". Beim anstehenden EU-Wiederzulassungsverfahren sei deshalb ein Pilotprojekt geplant: Forscher, Journalisten und Nichtregierungsorganisationen seien eingeladen, die wissenschaftliche Vorbereitung aktiv zu begleiten.

Der Konzern versprach auch, die Umweltbilanz seiner landwirtschaftlichen Produkte zu verbessern und bis 2030 die Auswirkungen auf die Umwelt um 30 Prozent zu verringern. Dafür will Bayer nach eigenen Angaben neue Technologien entwickeln, die die Menge an Pflanzenschutzmitteln reduzieren und präzisere Anwendungen ermöglichen.

In Entwicklungsländern will Bayer nur Pflanzenschutzprodukte auf den Markt bringen, wenn sie sowohl die lokalen Sicherheitsstandards erfüllen als auch die Anforderungen einer Mehrheit der acht führenden Zulassungsbehörde - darunter der EU und der USA. Der Konzernsprecher sagte auf die Frage, ob auch Mittel vom Markt genommen würden, dass es noch keine konkrete Liste gebe. Bayer werde sich sein Portfolio im Detail anschauen. Börsianer nahmen die Ankündigungen verhalten auf: Bayer-Aktien lagen am frühen Nachmittag mit dem Gesamtmarkt knapp ein Prozent im Minus.

Quelle: n-tv.de, aeh/rts/AFP

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