Wirtschaft

Index zum Gelddrucken Börsenbetreiber kriegen Konkurrenz

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Die Index-Welt wird bunter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auf Indizes basierende Fonds werden immer beliebter. Und diejenigen, die nach Länder oder Branchen sortierte Indizes auf den Markt bringen, immer kreativer. Eine junge Firma aus Frankfurt greift derzeit die Platzhirsche der Branche an.

Steffen Scheuble hat nicht viel Zeit. "In einer halben Stunde habe ich den nächsten Termin", sagt er und zeigt den Kalender auf seinem Smartphone. Eine ununterbrochene Liste von Einträgen leuchtet auf. "Wenn ich mal im Büro bin, geht es eben rund", sagt der 35-Jährige. Scheuble ist Chef von Solactive, eines noch jungen, aber boomenden Fintech-Unternehmens. Die Hälfte seiner Zeit reist er durch die Welt, in die USA, nach London, um Kunden zu akquirieren oder mit ihnen neue Ideen auszuhecken.

Heute, im funktionalen Besprechungsraum im noblen Frankfurter Westend, nimmt sich Scheuble die Zeit, zu erklären, wie er sein Geld verdient. "Solactive berechnet Indizes", sagt er. "Solche wie den Dax?" "Ja, so ähnlich." Bestehende Indizes wie den Deutschen Aktienindex darf er nicht kopieren, also legt er andere Parameter und Kriterien zugrunde.

Indizes auf Bestellung

In der Datenbank von Solactive sind derzeit knapp 15.000 Aktien aufgelistet, die regelmäßig daraufhin kontrolliert werden, ob sie auch irgendwo auf der Welt gehandelt werden. Diesen Pool filtert Scheuble nach Wünschen seiner aktuell rund 175 Kunden. Zuletzt hat Solactive etwa für die französische Bank BNP Paribas nach Unternehmen gesucht, die von ihren Gründern geführt werden. Herausgekommen ist ein Index mit 30 weltweit operierenden Firmen, sortiert nach der Marktkapitalisierung, also dem Gesamtwert aller börsennotierten Aktien. Darunter ist etwa das soziale Netzwerk Facebook, das nach wie vor von Mark Zuckerberg gelenkt wird oder der Elektroauto-Bauer Tesla Motors, an dessen Spitze seit der Geburtsstunde Elon Musk steht.

Warum baut man solch einen Index? "Da ich selbst Solactive vor acht Jahren aus dem Nichts aufgebaut habe, war ich begeistert von der Idee den ersten internationalen Founder-Run Index an den Markt zu bringen – ein Index, der weniger auf schnellen Profit, sondern eher auf das langfristige Wachstum ausgelegt ist", sagt Scheuble. Aber das ist natürlich nicht alles. Die BNP Paribas hat den Index berechnen lassen – als Bank darf sie das nach EU-Regulierung nicht selbst machen – um den Kunden auf Basis des Index ein Finanzprodukt, etwa einen Fonds, anzubieten.

Wachsende Branche

ETFs - Exchange Traded Fonds

ETFs sind eine preiswerte und transparente Alternative zu gemanagten Fonds. Grundsätzlich versuchen ETFs die Wertentwicklung von Indizes abzubilden. Das könnten Aktienindizes wie der Dax, aber auch Renten-, Rohstoff- oder Strategiebarometer sein. Auf diesem Weg sollen die Vorteile von Fonds wie etwa die breite Risikostreuung mit niedrigen Kosten verbunden werden. Doch Anleger partizipieren nicht nur bei steigenden Kursen annähernd 1:1 am Index, auch bei Kursrückgängen sind sie voll dabei - der Schutz eines aktiv gemanagten Fonds entfällt.

Indexgebundenen Fonds, die im Fachjargon ETFs genannt werden, sind in Deutschland noch nicht so recht bei den Privatanlegern angekommen und werden vor allem von institutionellen Investoren eingesetzt. Doch der Markt wächst stetig. Laut den Analysten der Deutschen Bank verwaltete die europäische ETF-Industrie vor dem Börsensturz Ende August ein Vermögen von 442 Milliarden Euro, monatlich kommen weitere Millionen hinzu. Im Vergleich zu den 1,334 Billionen Euro, welche die Deutschen laut dem Branchenverband BVI in Investmentfonds gesteckt haben, sind das aber noch Peanuts.

ETFs haben einen wesentlichen Vorteil: Da sie sich am Index orientieren, braucht es keinen Fondsmanager. Und da Fondsmanager nicht nur Geld kosten, sondern auch nur selten langfristig die Kursentwicklung eines Index schlagen, sind ETFs deutlich günstiger. Zudem können Anleger relativ risikoarm und schnell in einen gesamten Sektor investieren und auch wieder aussteigen. Hinzu kommen teilweise Steuervorteile. Aber die ETFs werden von den Banken verkauft. Solactive rechnet nur.

Neue Index-Moden

Die Themen, zu denen Scheubles Mitarbeiter bereits Indizes generiert haben, sind vielfältig. "Früher waren erneuerbare Energien beliebt, heute setzen unsere Kunden eher auf neue Technologien, wie Fintech oder Home Automation", sagt Scheuble. Zu 3D-Druckern habe er zusammen mit der Schweizer Bank UBS als erster einen Index aufgelegt.

Auch sich öffnende Märkte wie Myanmar oder Kuba deckt Solactive bereits ab. Allerdings über Unternehmen, die außerhalb dieser Länder sitzen und von der Marktöffnung direkt profitieren, denn dort gibt es keine Börsen. Auch Saudi-Arabien, das derzeit ausländischen Investoren Stück für Stück den Zugang zum Aktienmarkt erlaubt, sei aktuell interessant. "Da wird es sicher bald Produkte geben", sagt Scheuble. Die Aktien dazu findet er "eigentlich überall": Über Finanzinformationsdienste, wie Thomson Reuters, Jahresberichte oder manchmal auch einfach Google. Sogar zum Thema Sicherheitsverwahrung, also privat geführte Gefängnisbetreiber, habe er einmal einen Index berechnet, erzählt Scheuble. Der hätte sich allerdings durch Fusionen am Markt selbst erledigt.

Solactive hat sich nach eigenen Angaben seit 2007 zu einem führenden Anbieter der Branche entwickelt. Die Platzhirsche der Branche greift Scheuble mit einem günstigen Preismodell an. "Während klassische Indexanbieter häufig nach dem investierten Kapital entlohnt werden, bieten wir auch ein Flat-Fee-Modell (Pauschale) an", sagt Scheuble. Zahlen will er aber nicht nennen, genausowenig wie das aktuell investierten Vermögen. Nur soviel: Ende des vergangenen Jahres waren rund 25 Milliarden US-Dollar über 170 ETFs in Solactive-Indizes investiert. "In einem schnelllebigen Umfeld, das permanent neue Ideen hervorbringt, ist Flexibilität in der Umsetzung gefordert. Vor diesem Hintergrund punktet Solactive und bietet den Platzhirschen wie FTSE Group, Deutsche Börse, Dow Jones oder Euronext verstärkt wirkungsvoll Paroli", sagt Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivateverbands. Sogar die Deutsche Börse gesteht: "Solactive hat ein interessantes Geschäftsmodell und bietet eine Vielzahl von Indizes an", so eine Sprecherin. Man beobachte das Marktumfeld sehr genau. Allerdings verteile die Deutsche Börse insgesamt rund 10.800 Indizes.

Davon ist Solactive mit etwa 2000 Indizes noch weit entfernt. Allerdings basieren bereits rund acht Prozent der auf dem US-amerikanischen Markt gehandelten ETFs auf Indizes aus dem Frankfurter Westend. Zudem unterliegen die Indizes nicht dem Börsenrecht, wie etwa der Dax. Solactive arbeitet noch in einem unregulierten Markt, was sich aber 2016 durch Vorgaben der EU ändern soll.

"In Europa fängt für uns das Geschäft erst an", sagt Scheuble dennoch. Die Analysten von Goldman Sachs schätzen, dass Anbieter der passiven Anlagen, zu denen die ETFS zählen, ihren Umsatz bis 2020 verdoppeln werden. Vor Konkurrenz fürchtet er sich nicht. Die Infrastruktur der Server sei so teuer und aufwändig – das könne so schnell kein Unternehmen nachmachen.

Quelle: n-tv.de

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