Wirtschaft
Mittwoch, 06. Januar 2010

Frauen in der Wirtschaft: Bollin-Flade hat Laufstall im Büro

Die Armaturenfabrik Christian Bollin stellt Ventile in bis zu 350.000 Variationen her. Das klingt nach Klempnerbedarf. Doch die Chefin beansprucht die Weltmarktführerschaft.

Dagmar Bollin-Flade ist wohl nach der Oberbürgermeisterin die bekannteste Frau in Frankfurt.
Dagmar Bollin-Flade ist wohl nach der Oberbürgermeisterin die bekannteste Frau in Frankfurt.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn die Unternehmerin Dagmar Bollin-Flade aus ihrem Bürofenster in Frankfurt-Sossenheim schaut, kann sie ihrer eigenen Kindheit nachspüren. In der Hofecke spielte sie im Sand, unten in der Werkstatt schnitt sie als junges Mädchen und einziges Kind des Chefs im Ferienjob ihre ersten Gewinde. Doch die 53 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieurin schaut selten zurück: Seit Jahrzehnten führt sie die 1924 gegründete Armaturenfabrik Christian Bollin, hat in der Zeit zwei Söhne großgezogen und ist wegen ihrer zahlreichen Ehrenämter nach der Oberbürgermeisterin wahrscheinlich die bekannteste Frau in ihrer Heimatstadt Frankfurt.

Auf den ersten Blick wirkt das Produktportfolio der Firma alltäglich, geradezu banal: Manometerventile, Absperrventile, Siphons und Wassersackrohre - das klingt nach Klempnerbedarf und nicht nach Weltmarktführerschaft, die Bollin aber durchaus für sich beansprucht. Mit einer nahezu unendlichen Flexibilität, Kundenorientierung und Qualitätsanspruch decken die Frankfurter den Bedarf zum Beispiel in der Mess- und Regeltechnik der Chemieindustrie oder der Raffinerien ab. In bis zu 350.000 Variationen sind die Ventile erhältlich und Einzelfertigung gehört zum Kundenservice. Mehr als die Hälfte der Produktion geht ins Ausland und das Metallunternehmen macht nach Angaben seiner Eigner jedes Jahr einen flotten Gewinn.

In Großunternehmen fehlt Verantwortlichkeit

Die Einzelfertigung aller Ventile gehört zum Kundenservice.
Die Einzelfertigung aller Ventile gehört zum Kundenservice.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Familienunternehmen hat die agile Managerin Bollin-Flade nur für das Studium in Darmstadt und erste berufliche Erfahrungen bei der Siemens-Tochter KWU verlassen. In einem Großunternehmen möchte sie seitdem nicht mehr arbeiten, schon weil anfangs die von ihr kontrollierten Rechnungen noch einmal nachkontrolliert wurden. Es fehle einfach die Verantwortlichkeit, sagt sie, auch die schnelle Rückmeldung auf die eigenen Leistungen: "Wenn es gut war, stand der Name meines Vorgesetzten unter meiner Arbeit."

Als Chefin des eigenen Ladens konnte sich Bollin-Flade vieles so einrichten, dass sie auch als Mutter zweier Kinder verantwortlich mitarbeiten konnte: "Ich habe alles übernommen, was im Zweifel in eine Plastikbox passt und auch mal einen Tag lang liegen bleiben kann." Das waren beispielsweise die Personalführung, die Finanzen oder die zunehmend wichtigere Qualitätssicherung. Wenn es sein musste, nahm sie ihre Kinder einfach mit ins Büro und setzte sie dort in den Laufstall. Ihr Mann Bernd, den sie sich an der TU Darmstadt als eine von drei Studentinnen im Jahrgang unter hunderten Kommilitonen hatte aussuchen können, übernahm die Verantwortung für die Produktion.

Lösungsorientiert für 30 Mitarbeiter

Großunternehmen mangele es oft an Kreativität, wenn es darum gehe, den Arbeitsalltag für die Beschäftigten und gerade für Frauen flexibel zu gestalten, meint Bollin-Flade. Teilzeitarbeit werde aus Bequemlichkeit gering geschätzt und zu wenig eingesetzt. Auch die Möglichkeiten, Tätigkeiten ins Homeoffice zu verlagern, würden nicht ausreichend genutzt.

Für die eigenen, derzeit rund 30 und meist langjährigen Mitarbeiter habe man noch in jedem Problemfall eine Lösung gefunden, sagt Bollin-Flade stolz. Der quirligen Geschäftsfrau kommt dabei ihr enges Netzwerk zupass, das von den Rotariern über die IHK Frankfurt, die örtliche Fachhochschule, verschiedene Stiftungen bis hin zum Sportverein SG Sossenheim reicht. Auf Bundesebene ist Bollin-Flade zudem Vorsitzende des Mittelstandsausschusses beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag und Sprecherin des bundesweiten IHK-Netzwerkes Mittelstand.

Stolz ist das Unternehmerpaar auf die beiden Söhne im Alter von 22 und 25 Jahren, die als angehender Wirtschaftsinformatiker beziehungsweise Wirtschaftsingenieur am Anfang ihrer Karrieren stehen. Erfahrungen sollen die Jungen allerdings zunächst außerhalb der Christian Bollin Armaturenfabrik sammeln: "Zehn Jahre bleiben wir sicher noch", sagt die Chefin.

Quelle: n-tv.de