Wirtschaft

Notfallpläne nach Brexit-Votum Britische Firmen denken ans Auswandern

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Die britische Finanzindustrie will den Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Noch ist völlig ungewiss, wann es zum Brexit kommt. Und auch wie die Scheidung abläuft, ist unklar. Fest steht nur: Die Chefs großer britischer Unternehmen sind verunsichert - und erwägen, zumindest Geschäftsteile ins Ausland zu verlagern.

Die Chefs großer britischer Unternehmen halten sich mit Äußerungen zu den Brexit-Folgen in der Öffentlichkeit meist vornehm zurück. Das liegt auch daran, dass die Konsequenzen derzeit kaum vorherzusagen sind. Doch hinter vorgehaltener Hand sind die Firmenchefs durchaus auskunftsfreudiger: Gut drei Viertel von ihnen erwägen einer Umfrage zufolge, Geschäftsteile wegen des Brexit-Votums ins Ausland zu verlagern.

Das geht zumindest aus einer Erhebung der Beratungsgesellschaft KPMG hervor. Sie hatte 100 nicht namentlich genannte Chefs von Unternehmen befragt, die pro Jahr Umsätze zwischen 100 und einer Milliarde Pfund erzielen. Demnach denken 76 von ihnen darüber nach, den Firmensitz oder Teile des Betriebs aus Großbritannien abzuziehen.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil 86 Chefs die wirtschaftlichen Aussichten ihres Unternehmens im kommenden Jahr als positiv beurteilen – und 69 schätzen die Aussichten für die britische Konjunktur im nächsten Jahr trotz Brexit-Entscheidung als positiv ein.

Doch die Firmenchefs bereiten eigenen Angaben zufolge Notfallpläne vor, um auf einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union reagieren zu können. Mehr als die Hälfte von ihnen rechnet damit, dass ein Brexit ihre Firmen beeinträchtigen wird.

Noch ist völlig unklar, wann es zu dem Brexit kommen wird – und wie er ausgestaltet wird. Der britische Außenminister Boris Johnson hatte vergangene Woche die Austrittserklärung Großbritanniens aus der Europäischen Union für Anfang kommenden Jahres in Aussicht gestellt. Doch konkret wurden bislang weder er noch Premierministerin Theresa May. Erst nach der Austrittserklärung können die auf zwei Jahre befristeten Verhandlungen über die Entflechtung der Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Block der 27 verbleibenden EU-Staaten beginnen.

"Kompletter Quatsch"

Hauptstreitpunkt der Scheidungsverhandlungen dürfte der Zugang Großbritanniens zum europäischen Binnenmarkt werden. Die britische Regierung will den vollen Zugang behalten – und zugleich den EU-Bürgern das Recht aberkennen, auf der Insel zu leben und zu arbeiten. Das ist für die Europäische Union nicht akzeptabel. Deshalb fürchten viele britische Firmen, ihre Waren und Dienstleistungen bald nicht mehr uneingeschränkt in die EU exportieren zu dürfen – auch für die britische Finanzindustrie wäre das ein schwerer Schlag.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte Johnson in diesem Zusammenhang Ende vergangener Woche kritisiert. Der Brexit-Befürworter hatte den Hinweis, es gebe in der EU einen Zusammenhang zwischen dem Zugang zum Binnenmarkt und der Freizügigkeit der Menschen, als "kompletten Quatsch" bezeichnet. "Der Binnenmarkt hat irgendetwas mit den vier Grundfreiheiten in Europa zu tun", sagte Schäuble auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen Michel Sapin. "Wenn Aufklärung gewünscht ist, dann fahren wir beide hin [nach London] und werden mit unserem guten Englisch behilflich sein."

Wohl vor allem aus Angst, den Zugang zum EU-Binnenmarkt zu verlieren, hatten der KPMG Umfrage zufolge 72 der befragten Vorstandschefs für einen Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt.

Quelle: ntv.de, jga/rts/dpa