Wirtschaft

Für wie lange? China stoppt den Ausverkauf

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(Foto: imago/Xinhua)

Während Anleger auf die Griechenland fokussiert sind, wird der Crash in China kaum wahrgenommen. Peking greift massiv ein und stoppt kurzfristig den Verfall. Doch die Regierung muss langfristig handeln, sonst drohen Probleme - auch für Deutschland.

Endlich eine Erholung am chinesischen Aktienmarkt: Der Shanghai Stock Exchange Composite Index legt am Donnerstag um 5,8 Prozent auf 3709,33 Punkte zu. Verantwortlich hierfür sind die zunehmend verzweifelten Maßnahmen der chinesischen Regierung und der Notenbank. In dem neuesten Schritt hat die Wertpapieraufsicht Großinvestoren angesichts des "grundlosen Rückgangs" der Aktienkurse verboten, innerhalb der nächsten sechs Monate Aktien zu verkaufen. Zu den Großinvestoren gehören alle Aktionäre, die mehr als fünf Prozent der Aktien eines Unternehmens besitzen. Vor wenigen Wochen lag der Shanghai-Index noch bei mehr als 5.000 Punkten.

Shanghai Composite
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Um den Ausverkauf am Markt insgesamt zu unterbinden, gab es noch weitere Schritte: 1439 Aktien an den Börsen in Festlandchina wurden vom Handel ausgesetzt. Das sind 50 Prozent aller Aktien. Wo es keine Verkäufe gibt, kann der Kurs auch nicht fallen – lautet die Devise der Chinesen derzeit. In den vergangenen zwei Wochen hatten die Behörden fast jeden Tag etwas Neues unternommen, um dem Ausverkauf irgendwie Einhalt zu gebieten. "Eine Gruppe von 21 Brokern hat sich verpflichtet, mindestens 19,3 Milliarden Dollar in einen Stabilisierungsfonds einzuzahlen und 25 Fondsanbieter haben versprochen, Aktien zu kaufen und für mindestens ein Jahr zu halten", schreiben die Analysten der Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM), dem Vermögensverwalter der Deutschen Bank. Derweil geht das Ministerium für Öffentliche Sicherheit gegen Leerverkäufer vor. Sie veräußern Papiere, die sich die Investoren geliehen haben, in der Hoffnung, sie später günstiger wieder zurückkaufen zu können.

Anleger liquidieren ihre Bestände

Der mit weitem Abstand wichtigste Schritt in dem Maßnahmenbündel ist aber die massive Aufstockung des Kapitals bei der China Securities Finance Corporation (CSFC), einer Tochter der Wertpapieraufsicht, und zwar von 24 auf 100 Milliarden Renminbi (14,6 Mrd. Euro). Die CSFC ist „die einzige Institution, die Wertpapierhandelsfirmen mit Mitteln für kreditfinanzierte Wertpapierkäufe ausstattet. Die CSFC soll das zusätzliche Geld an ihre Kunden weitergeben, damit sie nicht gezwungen sind, wegen des Ausverkaufs ihre Positionen zu liquidieren.

Nachdem sich das Volumen an Wertpapierkrediten in den vergangenen zwölf Monaten verfünffacht hatte, weil immer mehr Anleger auf den fahrenden Zug aufgesprungen waren und immer stärker auf Kredit spekuliert hatten, mussten Anleger nach den Kursrückgängen ihre Wertpapierkredite stutzen. Allein am gestrigen Mittwoch sind die Wertpapierkredite für Aktienkäufe in Shanghai um den Rekord von 112 Billionen Renminbi (16,3 Mrd. Euro) reduziert worden. Ob die Maßnahmen der Aufsicht ausreichen, um die Situation zu beruhigen und zu kontrollieren, bleibt zu diesem Zeitpunkt offen.

Exporteure könnten Schwierigkeiten bekommen

Die Regierung muss den Crash am Aktienmarkt mit allen Mitteln unter Kontrolle bringen, ansonsten dürfte auch die Realwirtschaft deutlich leiden. Das Wachstum hatte sich in den vergangenen Monaten ohnehin massiv abgeschwächt. Belastet wird die Wirtschaft vor allem, weil der Immobilienmarkt kräftig gelitten hat. Derzeit liegen die Häuserpreise um 5,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Diesen Vermögensverlust hatten die Chinesen bislang durch die Rally am Aktienmarkt wettmachen können. Mit dem Crash dort bekommt die Wirtschaft nun aber den zweiten Tiefschlag.

Im Juni sind bereits die Autoverkäufe um 3,2 Prozent gesunken. Der japanische Autohersteller Nissan hat bereits angekündigt, dass er die Entwicklung am chinesischen Aktienmarkt genau beobachten werde, weil der Crash die Stimmung der Verbraucher belasten könnte.

Eine weitere Abschwächung der Konjunktur in China hätte auch erhebliche Auswirkungen auf andere Volkswirtschaften. "China stellt eine eindeutige Gefahr für Australien und andere Volkswirtschaften dar, die stark auf den Rohstoffexport nach China angewiesen sind", sagte Ole Hansen, Rohstoffexperte bei der Saxo Bank. Probleme dürfte nicht zuletzt auch Deutschland bekommen. Denn die Exporte Deutschlands nach China belaufen sich auf 2,5 Prozent der hiesigen Wirtschaftsleistung, womit Deutschland weltweit auf dem dritten Platz liegt, hinter Australien (4,9 Prozent) und Japan (2,7 Prozent). Entsprechend belasten schlechte Konjunkturnachrichten aus China gerade den Dax.

Alle Hoffnung liegt auf der Notenbank

"Mittelfristig hilft die staatliche Unterstützung (Chinas) dem Aktienmarkt. Die Geldpolitik in China hat noch weiteren Lockerungsspielraum. Wir gehen davon aus, dass der jetzige Verkaufsdruck sich bis in den Sommer halten wird und warten auf Kaufgelegenheiten im Herbst", so die Analysten der DeAWM.

Der Ausverkauf am Aktienmarkt könnte noch eine Weile weitergehen. Nach der jahrelangen Talfahrt lag der Börsenwert des chinesischen Aktienmarkts Mitte 2014 bei rund 2,2 Billionen Dollar. Nur durch ständige Maßnahmen zur Lockerung der Geldpolitik ist der Aktienmarkt nach oben geschossen, während sich das Wirtschaftswachstum immer weiter abgeschwächt hat, womit sich die Perspektiven für die Unternehmen immer weiter eintrüben. Hiesige Anleger sollten sich die weiteren Maßnahmen der Notenbank in Ruhe anschauen. Am Ende dürfte es wohl dann erst zu einer nachhaltigen Stabilisierung am Markt kommen, wenn die Notenbank sagt, sie selbst sei bereit, in unbegrenztem Ausmaß Aktien zu kaufen.

Quelle: ntv.de