Wirtschaft

Die Preise steigen kräftig "Derzeit gibt es eigentlich keine Inflation"

Vor allem die Energiepreise steigen.

Vor allem Energie wird teurer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Preise steigen kräftig und die Forderungen nach einer Zinswende der EZB werden immer lauter. Doch die wäre ein Fehler, sagt Ökonom Florian Kern. Der Grund: Derzeit gebe es "keine Inflation im eigentlichen Sinn". ntv.de sprach mit dem Direktor des Thinktanks "Dezernat Zukunft" über die Ursachen des kräftigen Preisanstiegs, Inflationsgefahr durch Corona-Impfpflicht und darüber, wie Basiseffekt und Happy Hour zusammenhängen.

ntv.de: Seit dem Sommer ziehen die Preise in Deutschland deutlich an. Mittlerweile wird sogar schon vor galoppierender Inflation gewarnt. Ist es schon so weit?

Florian Kern: Nein. Galoppierende Inflation ist aber ein schöner Begriff, um zu erklären, wo wir genau nicht sind. Darunter stellt man sich ja jemanden vor, der auf seinem Pferd sehr schnell reitet - immer und immer weiter. Und für dieses "immer weiter" sehen wir derzeit keine Anzeichen.

Trotz teilweise kräftig steigender Preise?

Die Preissteigerungen, die wir aktuell sehen, sind angebotsbedingt. Es gibt zwei mögliche Auslöser für steigende Preise. Der eine ist die Nachfrage. Das heißt: Die Menschen haben mehr Geld in der Tasche - beispielsweise durch höhere Löhne. Sie können sich deswegen zunächst mehr leisten, deshalb steigt die Nachfrage und diese höhere Nachfrage führt zu steigenden Preisen. Der zweite Grund ist eine Preissteigerung, die damit zu tun hat, dass sich etwas auf das Angebot, die Produktion auswirkt.

Und das ist derzeit der Fall?

Wir sehen das etwa an den steigenden Energiepreisen, die die Produktion von vielen Gütern verteuern. Außerdem gibt es durch die Pandemie ausgelöste Störungen in den Lieferketten, die noch immer nachwirken. Wir stecken in einer Übergangsphase - und da müssen wir durch.

Viele Ökonomen weisen auch darauf hin, dass der jüngste Anstieg in der jährlichen Inflationsrate vor allem auf eine Veränderung in der Statistik aufgrund von Preisbewegungen vor einem Jahr zurückzuführen ist, den sogenannten Basiseffekt. Können Sie das näher erläutern?

Das ist so, als wenn Sie während der Happy Hour in die Cocktailbar gehen. Plötzlich ist die beendet und alle Drinks sind nun doppelt so teuer. Doch sie sind immer noch genauso teuer wie vor der Happy Hour. Und das bedeutet zugleich nicht, dass sich die Preise in der nächsten Stunde wieder verdoppeln. So einen Effekt haben wir in Deutschland wegen der vorübergehenden Senkung der Mehrwertsteuer, die im vergangenen Jahr zu Preisrückgängen geführt hat. Und dieses Jahr gibt es den gegenteiligen Effekt mit einer höheren Inflation.

Womit wir bei der Gretchenfrage wären, die auch in der Europäischen Zentralbank diskutiert wird. Wann sind die Inflationsraten wieder im grünen Bereich?

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Florian Kern ist Direktor der Denkfabrik "Dezernat Zukunft".

(Foto: Dezernat Zukunft )

Das ist ein bisschen so, wie in die Glaskugel zu schauen. Auf jeden Fall wird es im Januar deutlich weniger, weil dann der Basiseffekt wegfällt. Allerdings spielen auch geopolitische Faktoren eine Rolle, die auf die Energiepreise wirken. Russland hat Truppen an der Grenze zur Ukraine stationiert, es steht nicht fest, wann Gaslieferungen durch Nord Stream 2 beginnen. Gleichzeitig gibt es weniger Lieferungen von Flüssiggas aus den USA. All das kann dafür sorgen, dass die Energiepreise weiter steigen. Doch es ist durchaus wahrscheinlich, dass ab Juli nächsten Jahres die Preissteigerung wieder in der Nähe der Zwei-Prozent-Marke liegt.

Als klassisches Mittel, um Inflation zu bekämpfen, gilt aber die Zinserhöhung.

Eine straffere Geldpolitik ist tatsächlich das richtige Mittel, um Inflation zu bekämpfen. Aber derzeit gibt es keine Inflation im eigentlichen Sinn. Was wir derzeit sehen, sind angebotsbedingte Preissteigerungen. Auf höhere Energiepreise und gestörte Lieferketten mit Zinserhöhungen zu reagieren, wäre ein Fehler. Bei der Konrad-Adenauer-Stiftung - wahrlich kein linker Thinktank - habe ich eine sehr gute Definition für Inflation gesehen: Mit Inflation haben wir es dann zu tun, wenn das Preisniveau auf breiter Front über eine längere Zeit steigt. Und das ist derzeit nicht der Fall.

Was nichts daran ändert: Preissteigerungen kosten Wohlstand, man kann sich weniger leisten.

Die Frage ist ja, was den Wohlstand einer Volkswirtschaft erhöht. Führt eine Zinserhöhung dazu, dass Russlands Präsident Wladimir Putin mehr Gas nach Europa leitet und dass die Frachtraten für Containerschiffe sinken? Nein. Eine Zinserhöhung wäre derzeit kontraproduktiv und würde Wohlstand vernichten. Sie würde in den Bereichen wirken, die auf das Zinsniveau reagieren. Höhere Zinsen könnten ganze Branchen in die Rezession schicken und damit die Arbeitslosigkeit erhöhen.

Aber durch die lockere Geldpolitik der EZB bekommen diejenigen, die etwa für ihre Altersvorsorge sparen, kaum Zinsen.

Es gibt ein Bonmot von Neel Kashkari, der Präsident der regionalen US-Zentralbank in Minneapolis ist: "Der wichtigste Vermögenswert der Amerikaner ist nicht deren Altersvorsorge oder deren Haus, sondern ihr Job." Anders ausgedrückt: Was bringt eine Zinserhöhung, wenn man dafür seinen Job verliert? Für den Durchschnittsdeutschen würde eine Zinserhöhung derzeit bedeuten, dass das Risiko steigt, dass seine nächste Lohnerhöhung geringer ausfällt oder dass er sogar arbeitslos wird. Wer dagegen ein großes Vermögen oder einen sehr sicheren Job hat, der dürfte von einer Zinserhöhung profitieren.

Zumal ja auch nicht jeder über Ersparnisse verfügt.

Der Bundesbank zufolge verfügt der durchschnittliche Deutsche über ein Finanzvermögen von rund 17.000 Euro. Eine Erhöhung der Zinsen um einen Prozentpunkt würde für ihn also rein rechnerisch 170 Euro im Jahr höheres Einkommen bedeuten. Das ist im Verhältnis zum Arbeitsplatzrisiko vernachlässigbar.

Kommen wir zurück zur Inflation. Sie hatten am Anfang von der Möglichkeit gesprochen, dass eine Volkswirtschaft durch die Nachfrageseite in eine Inflation rutscht. Das könnte durch eine sogenannte Lohn-Preis-Spirale passieren - also dass Beschäftigte höhere Löhne auf breiter Front durchsetzen, worauf die Unternehmen als Ausgleich die Preise erhöhen, woraufhin Beschäftigte höhere Löhne durchsetzen, eine Kettenreaktion entsteht und die Inflation außer Kontrolle gerät. Besteht derzeit nicht die Gefahr, dass durch die hohen Preissteigerungsraten die Furcht vor hartnäckiger Inflation wächst und deshalb durch hohe Lohnforderungen eine solche Spirale in Gang gesetzt wird?

Das könnte passieren. Und genau deshalb müssen Zentralbanker erklären, warum es aktuell falsch ist, die Zinsen zu erhöhen. Die Bundesbank ist es gewohnt, aus einer anderen Perspektive zu argumentieren. Doch nun entsteht politischer Druck, dass die Zinsen erhöht werden sollen - und die Bundesbank ist in der Rolle, für niedrige Zinsen zu argumentieren. Darin hat sie sich noch nicht so richtig zurechtgefunden.

Können Sie trotzdem Entwarnung geben?

Derzeit gibt es keinen Hinweis auf eine Lohn-Preis-Spirale. Das zeigt der Blick auf die Anstiege der neu verhandelten Löhne. Sie lagen in der Eurozone im dritten Quartal im Schnitt 1,35 Prozent höher als vor einem Jahr. Das ist seit Einführung des Euro 1999 der niedrigste Wert. Seit es die Gemeinschaftswährung gibt, war also das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale gemessen an den aktuellen Lohnerhöhungen noch nie so niedrig wie jetzt. Wir sind nicht in der Situation, in der der Arbeitsmarkt komplett leergefegt wäre und absurde Lohnforderungen durchgesetzt werden könnten.

Gibt es derzeit also keine Inflationsrisiken?

Die gibt es. Das sind aber nicht die aktuellen Preissteigerungsraten, sondern Dinge, über die in der Politik diskutiert wird. Ein Beispiel ist die generelle Impfpflicht. Für diese mag es gute Gründe geben. Aber am Arbeitsmarkt könnte sie zu einem regelrechten Schock führen, wenn etwa zahlreiche Pflegekräfte nicht mehr zur Verfügung stehen und so schnell wie möglich Neueinstellungen zu deutlich höheren Löhnen stattfinden müssen. In den USA ist eine solche Entwicklung zu sehen: Einzelne Krankenhäuser haben die Löhne von Krankenschwestern um bis zu 65 Prozent erhöht. Zum Problem wird das, wenn das nicht in einzelnen Branchen passiert, sondern auf breiter Basis.

Die neue Ampel-Koalition hat den Mindestlohn auf zwölf Euro die Stunde erhöht. Ist das auch ein Risiko?

Sie hat das ohne die unabhängige Mindestlohnkommission gemacht. Diese wurde ja dafür eingesetzt, um festzustellen, wie hoch der Mindestlohn ausfallen kann, ohne eine Lohn-Preis-Spirale zu bewirken. Die Erhöhung auf zwölf Euro ist aus politischen Gründen erfolgt und kann durchaus zu Preisdruck in Deutschland führen. Diese Entwicklung werden sich Bundesbank und EZB übrigens genau anschauen. Interessant ist, wie nun die Lohnabschlüsse im kommenden Jahr ausfallen und ob der Mindestlohn dann aufgrund hoher Preissteigerungsraten weiter kräftig erhöht wird. Christian Lindner hat vor einigen Monaten ja eine Inflationsbremse vorgeschlagen. Es wäre nicht schlecht, wenn Politiker im Blick hätten, was ihre Entscheidungen für die Inflation bedeuten.

Mit Florian Kern sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de

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