Wirtschaft

"Spannungen werden immer höher" Deutscher Boom gefährdet den Euro

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Spannungen? Angela Merkel und Griechenlands Ministerpräsident George Papandreou.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ökonomisch tritt Deutschland derzeit mit breiter Brust auf. So breit, dass sich einige Volkswirte schon wieder Sorgen machen. Da andere Euro-Staaten weit weniger Grund zum Strahlen haben, drohen Spannungen zwischen starken und schwachen Gliedern der Eurozone.

Ökonomen lieben Wirtschaftswachstum. In der Regel jedenfalls. Kommt derzeit jedoch die Rede auf den Wirtschaftsboom in Deutschland, legen viele von ihnen die Stirn in Falten. Sehen sie doch in der wieder erwachten Stärke der größten europäischen Volkswirtschaft ein Risiko für den Euro. "Die Euro-Zone hat ein Problem: Deutschland läuft allen anderen davon, ist wirtschaftlich stabiler als der Rest", sagt Volkswirt Christoph Weil von der Commerzbank. "Die Spannungen innerhalb des Euro-Raums werden damit immer höher. Auf Dauer hält das eine Währungsunion nicht durch."

Und so ist eines der Lieblingswörter der Euro-Experten derzeit Divergenz. Während das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands nach ihren Berechnungen schon bald wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben dürfte, hinken Länder wie Irland, Griechenland oder Spanien deutlich hinterher. Die divergierende Bewegung, das Auseinanderdriften, zeigte sich bereits am Aktienmarkt. Der von Industrie- und Autowerten wie Volkswagen, Siemens und BASF dominierte Dax hat im auslaufenden Jahr bisher rund 18 Prozent gewonnen und damit die europäische Konkurrenz um Längen abgehängt. Experten erwarten eine Fortsetzung des Aufwärtstrends im kommenden Jahr. In einer Befragung sehen Analysten den deutschen Leitindex in einem Jahr im Schnitt bei rund 7625 Punkten, aktuell pendelt er um die Marke von 7000 Zählern.

Doch diese Zuversicht mag nicht auf den Euro überspringen. Im Gegenteil: Es sind vor allem die drohenden politischen Auseinandersetzungen zwischen potenziellen Zahlern und Hilfsempfängern, die zum Sprengsatz für die Euro-Zone werden könnten. "Wegen ihrer Vielstaaterei steht die Euro-Zone immer schlechter als die USA da, selbst wenn beide ähnliche Probleme hätten", sagte UniCredit-Experte Armin Mekelburg. Analysten sehen die Möglichkeit, dass insbesondere in Deutschland der Geduldsfaden reißt, nach dem Motto: "Warum sollen wir dafür bestraft werden, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren gesteigert haben."

Nagelprobe Italien?

Schon ein Hilfegesuch Spaniens könnte den provisorischen europäischen Schutzschild strapazieren. Doch zur Nagelprobe dürfte es kommen, falls mit Italien die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ins Schlingern geriete. Danach sieht es nach Einschätzung der Experten derzeit zwar wegen der vergleichsweise vorsichtigen Haushaltspolitik und einem insgesamt stabilen Bankensystem nicht aus. Sollte sich jedoch eine Spekulationswelle gegen die Euro-Zone aufbauen, wäre Italien möglicherweise vor einem Angriff nicht sicher.

"Das schwerwiegendste Problem Italiens ist die schlechte Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der hohen Lohnstückkosten", sagt Ulrike Rondorf, Volkswirtin der Commerzbank. "Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, selbst wenn strukturelle Reformen vorgenommen werden. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass es einige Zeit dauert, bis diese Früchte tragen." Die Divergenz zwischen Nord- und Südeuropa wächst damit weiter. "Man muss sich langfristig überlegen, wie man der Krise Herr werden will. Am Ende bleibt dann vermutlich doch nur die Transferunion als Lösung", sagt ihr Kollege Weil.

"Euro mehr als ein Experiment"

Egal auf welchem Weg die hoch verschuldeten Länder Hilfe erhielten, zahlen müssten wohl die Deutschen - zusammen mit den Niederländern und den Österreichern, eventuell auch den Franzosen. Heftig diskutiert werden derzeit von allen Mitgliedern der Währungsunion abgesicherte gemeinsame Euro-Anleihen. Hierbei käme es zwar nicht zur direkten Überweisung aus Berlin nach Lissabon oder aus Wien nach Dublin. Dafür müssten aber Deutschland und Österreich für ihre Schulden wohl höhere Zinsen zahlen. Schon zuletzt waren die Renditen für Bundanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zeitweilig wieder über drei Prozent gestiegen. Und selbst ohne Transferunion dürften nach Einschätzung von Rentenhändlern die Renditen in Reaktion auf steigende Aktienkurse noch etwas zulegen.

Doch auch wenn die Spannungen innerhalb der Euro-Zone steigen und der eine oder andere schon über eine Renaissance der D-Mark philosophiert, ein Auseinanderbrechen der Währungsunion steht für die Experten nicht im Raum. "Der Euro ist mehr als nur ein ökonomisches Experiment", betont Jan Amrit Poser, Chefökonom beim Bankhaus Sarasin. "Er ist die Fortsetzung der europäischen Einigung, die zum Grundpfeiler der Friedensordnung nach dem verheerendsten Krieg des Kontinents geworden ist."

Quelle: ntv.de, Daniela Pegna und Stefan Schaaf, rts