Wirtschaft

Tonnenweise wertvolle Rohstoffe Deutschland entdeckt das Jet-Recycling

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Die Schönheit der Vergänglichkeit: In der Kunstserie "Desert Birds" beschäftigt sich Fotograf Werner Bartsch mit der surrealen Ästhetik von Flugzeugfriedhöfen im Südwesten der USA.

desertbirds.de / Werner Bartsch

Die Weltbevölkerung wächst, der Flugverkehr nimmt zu, immer mehr Menschen wollen fliegen: Der Auftragsboom der Flugzeugbranche offenbart jedoch eine bislang kaum beachtete Kehrseite. Wohin nur mit den alten Maschinen?

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Altes Eisen: In den kommenden Jahren fliegen tausende Passagierjets aus dem Markt.

(Foto: desertbirds.de / Werner Bartsch)

Der Aufschwung des Luftreiseverkehrs birgt ungeahnte Chancen für den Hightech-Standort Deutschland. Während sich Flugzeugbauer und Zulieferer noch voll auf den Verkauf neuer Passagierjets konzentrieren, befassten sich Fachleute am Rande der Berliner Luftfahrtmesse ILA bereits ernsthaft mit einem visionär anmutenden Geschäftsfeld: Bei einer Podiumsdiskussion abseits der spektakulären Flugdarbietungen ging es um "Flugzeug-Recycling" und die geschäftlichen Perspektiven rund um die Wiederverwertung ausrangierter Verkehrsflugzeuge.

Das wirtschaftliche Potenzial ist groß, die gewaltigen Trends dahinter sind selbst für Laien leicht erkennbar: In den kommenden Jahren werden Tausende altgediente Fracht- und Passagiermaschinen dem Modernisierungsdruck der internationalen Luftfahrtbranche zum Opfer fallen. Unzählige Jets sind nach Jahrzehnten im Einsatz schlicht am Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Das Kostenargument beschleunigt den Modellwechsel zusätzlich: Ältere Maschinen werden durch moderne Typen aus dem Markt gedrängt.

Stau an den Flugzeugfriedhöfen

Neue Triebwerktechnik und vor allem die neuen Verbundwerkstoffe auf Kohlefaserbasis versprechen mehr Effizienz. Dem Verkaufsargument "Einsparung" können sich gerade sparsame Airlines auf Dauer nicht verschließen: Die anhaltend hohen Kerosinkosten und der mit immer härteren Bandagen geführte Konkurrenzkampf zwingen die Fluggesellschaften zur ständigen Erneuerung ihrer Flotten. Dazu kommen Globalisierungseffekte, die sich mit dem Aufstieg der Schwellenländer verstärken: Die Weltbevölkerung wächst, der Flugverkehr nimmt auf der Kurz-, Mittel- und Langstrecke weiter zu, immer mehr Menschen wollen schnell und komfortabel von einem Ort zum anderen reisen.

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Ausgeweidete Hüllen: Jumbo-Jets vom Boeing 747 bei Vollmond. Die nächste Generation wartet schon auf die Ausmusterung.

(Foto: desertbirds.de / Werner Bartsch)

Kurz: Die Luftfahrt boomt. Die Kehrseite dieser Entwicklung droht in riesigen Halden aus Flugzeugschrott zu münden. Wie groß das Problem ist, zeigt ein Blick in die Prognosen. Allein im Segment der Passagierflugzeuge rechnen die Planer des europäischen Luftfahrtkonzerns Airbus in den kommenden zwei Jahrzehnten mit einem weltweiten Bedarf von fast 28.000 neuen Maschinen. Dazu kommt jene Unmenge an Cargo-Jets, die Nacht für Nacht von den großen Frachtdrehkreuzen abheben, um Handel und Industrie mit eiligen Waren zu beliefern. Auch hier verzeichnet die Branche teils zweistellige Wachstumsraten. Die Flotten der Frachtflieger stehen ebenfalls zur Modernisierung an.

Es führt kein Weg darum herum. Neue Maschinen sind wirtschaftlicher im Betrieb und verbessern die Wettbewerbsfähigkeit der Airlines. Tatsächlich investieren die großen Fluggesellschaften bereits im ganz großen Stil in die Anschaffung neuer Modelle. Seit Jahren versuchen sich die großen Flugzeughersteller Airbus und Boeing, mit der Zahl der Orderaufträge und dem Bestellvolumen zu überbieten. Indirekt geben sie dadurch einer bislang wenig beachteten Marktnische mehr Raum: dem Flugzeug-Recycling.

"Re-use, Retire, Recycle"

Im Kern geht es in diesem Geschäft um die kommerzielle Wiederverwendung ("Re-use") einzelner Bauteile, der möglichst gewinnbringenden Verschrottung ganzer Maschinen ("Retire") und um die bestmögliche Verwertung der dabei anfallenden Materialien ("Recycle"). Für die Fluggesellschaften gibt es dazu keine Alternativen: Die Möglichkeiten zum Weiterverkauf gebraucher Jets sind beschränkt. International gültige Sicherheitsauflagen verhindern im Flugreiseverkehr den Betrieb überalteter Maschinen.

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"Desert Birds", Photographien von Werner Bartsch, erschienen im Kehrer Verlag.

(Foto: desertbirds.de / Werner Bartsch)

Zudem werden Reparaturen und Ersatzteile mit zunehmendem Alter nicht billiger. Irgendwann zählen auch die zuverlässigsten Veteranen der Luftfahrt zum Alten Eisen. Dann wird es schnell teuer: Stellflächen sind kostbar und Flugzeuge benötigen sehr viel mehr Platz als Hausmüll oder Autoschrott. Die Wachstumsraten im Flugverkehr konfrontiert die Branche mit einer ganz neuen Herausforderung. Wohin mit der künftig anfallende Masse an Maschinen? Und wie lassen sich die verbauten Ressourcen nutzen?

Wertvolle Rohstoffe

Im Inneren der ausrangierten Fluggeräte schlummern zum Teil beachtliche Werte. Von der genormten Schraubenmutter über das Druckventil bis hin zur Navigationselektronik lassen sich viele Spezialkomponenten ohne größeren Aufwand - und ohne Abstriche bei der Sicherheit - ausbauen und weiterverwenden. Nicht nur beim Militär ist das bereits Praxis: Altmaschinen dienen dort oft noch jahrzehntelang als Ersatzteillager.

Ein Flugzeug zu verschrotten ist jedoch alles andere als einfach: Derzeit werden rund 80 Prozent der ausgemusterten Flieger in die USA verkauft, wo sie auf riesigen Flugzeugfriedhöfen in der Wüste auf ihre Zerlegung warten. Die funktioniert dort vergleichsweise simpel: Die wertvollen Teile werden grob herausgetrennt, der Rest wird zersägt und eingeschmolzen - oder den Kräften der Natur überlassen.

Zum Recyclen gebaut?

Mit Schrottflugzeugen lässt sich tatsächlich richtig Geld verdienen: In Cockpit, Rumpf und Flügeln sind nicht unwesentliche Mengen an teuren Industriemetallen verbaut. Tragende Teile bestehen aus Aluminium, Stahl und Titan. Dazu kommen kilometerweise Kabel aus Kupfer, Hydrauliköle, Schmierstoffe, Draht und Spezialbleche. Für US-Verschrottungsunternehmen liegt in den Spezialbauteilen für den Gebrauchtmarkt die mit Abstand wichtigste Ertragsquelle. Sie schlachten unrentable Jets aus und lassen die unverkäuflichen Reste auf Halde liegen.

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Ungelöste Umweltfragen, die in der Wüste bislang nicht ins Gewicht fallen: "Die Infrastruktur, die für die Abwicklung der Prozesse notwendig ist, könnte in Deutschland kaum besser sein."

(Foto: desertbirds.de / Werner Bartsch)

Bei den Ersatzteilen funktionieren die neu entstehenden Verwertungsprozesse dagegen schon sehr viel besser: Triebwerke und Navigationssysteme zum Beispiel gehen heute schon an die Industrie zurück, wo sie nach den Standards der Luftfahrtbehörden getestet, aufbereitet und anschließend neu eingebaut werden. Die entsprechenden Unternehmen für Reparatur, Instandhaltung und Einbau - branchenintern abgekürzt als MRO - betreiben ihre Geschäfte in dieser speziellen Marktnische bereits seit mehr als zehn Jahren.

Doch auch auf den riesigen "Bone Yards", den Flugzeugfriedhöfen im Südwesten der USA, dürfte man vom zu erwartenden Andrang schrottreifer Jets bald überfordert sein. Der noch recht junge Verband der Flugzeug-Verwerter AFRA rechnet in den kommenden 20 Jahren mit einer Zahl von rund 12.000 ausrangierten Maschinen. Und nicht alle Flieger werden in der Lage sein, ihre letzte Reise aus eigener Kraft zurückzulegen. Was tun, wenn sich selbst der Transport in die USA nicht mehr lohnt?

Bruchlandung und dann?

Die Experten sind sich sicher: Es braucht Kapazitäten zur Verwertung vor Ort an den Flughäfen - also genau dort, wo Stellflächen in der Regel kostbar und teuer sind. Die Zerlegung muss also schnell gehen. Dabei ist die Verwertung eines Flugzeugs aus Sicht der Branchenkenner in erster Linie ein logistisches Problem. Wie lässt sich eine Maschine rasch und sauber auseinanderbauen? Wer bereitet einzelne Bauteile für die Weiterverwendung auf? Wie lassen sich recyclingfähige Materialien von Altmetall und Restmüll trennen? An dieser Stelle, heißt es auf der ILA, könnten deutsche Unternehmer ansetzen.

"Wir verfügen hier in Deutschland über eine hervorragende Unternehmensstruktur, um der Vielzahl an betrieblichen, rechtlichen und logistischen Voraussetzungen des Flugzeug-Recyclings gerecht zu werden", erklärt zum Beispiel Flérida Regueira, Spezialistin für Umwelttechnologien bei Germany Trade & Invest (GTAI). "Die Infrastruktur, die für die Abwicklung der Prozesse notwendig ist, könnte in Deutschland kaum besser sein. Auch die vielen mittelständischen Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette tragen zum Gelingen des Geschäftsmodells bei."

Umweltbewusst fliegen

Noch kann Europa nicht mit den großen Abwrackhalden in den USA konkurrieren. Doch nach dem Willen von Umweltexperten und Wirtschaftspolitikern könnte sich das bald schon ändern. In Deutschland steht eine ganze Reihe hoch spezialisierter Unternehmen in den Startlöchern. Die ILA-Fachleute plädieren für ein verantwortungsvolles "End-of-Life-Management" in der Luftfahrtindustrie - schon allein aus Gründen des Umweltschutzes, der allgemeinen Rohstoffknappheit und der sozialen Verantwortung der Luftfahrtbranche.

Bisher blenden die Nutznießer der Maschinen - die Fluggesellschaft und die große Masse an Passagieren - den weiteren Verbleib ausgemusterter Flugzeugmodelle noch weitgehend aus. "Dabei wäre es", so Martin Faulstich, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, "ein erstrebenswertes Ziel für eine Industriegesellschaft, auch hier eine hohe Recycling-Quote zu erreichen".

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Quelle: n-tv.de

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