Wirtschaft

Edgar Most plädiert für Entschuldung "Die Politik denkt nicht an übermorgen"

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(Foto: picture alliance / dpa)

"Ist das Wetter noch so trübe, immer hoch die alte Rübe!", sagt Edgar Most und gibt sich auch in der derzeitigen Finanzkrise positiv. Von einer Weltwirtschaftskrise mag er im Interview mit n-tv.de auch nicht sprechen. Dafür fordert er mehr Einsatz von der Privatwirtschaft. Als Vorbild für die Entschuldung Griechenlands nennt der ehemalige DDR-Staatsbanker den Pariser Klub, mit dem langfristig Russland entschuldet werden soll.

n-tv.de: Manch einer spricht davon, dass ein finanzieller Weltuntergang bevorsteht. Sehen Sie das auch so?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Edgar Most: Nein. Das ist übertrieben. Übertrieben ist es auch, von einer Weltwirtschaftskrise zu sprechen. In den verschiedenen Regionen der Welt ist die Situation ganz unterschiedlich. Deutschland geht es relativ gut, die Wirtschaft hat volle Auftragsbücher. Wenn die Aufträge jetzt zwei Monate lang zurückgegangen sind, muss man nicht gleich von Weltuntergang sprechen. Aber wir haben Probleme, und die sind im Finanzsektor zu suchen. Diese Probleme muss man prinzipieller bekämpfen und nicht lange vor sich herschieben. Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie das Thema Griechenland behandelt wurde. Wie soll das Land aus der Krise herauskommen, wenn wir ihnen sagen, ihr müsst all eure Schulden abbauen? Dann gibt es keinen Absatz mehr, da gibt es Unruhe im Lande. Die sozialen Probleme spitzen sich zu. Wem nimmt man denn das Geld weg? Immer den Kleinen. Hier sind andere Regelungen erforderlich.

Welche denn?

Ich bin für Entschuldung oder Teilentschuldung. Auch bei Spanien, Italien und Portugal. Wenn Banken und Versicherungen alles finanziert haben, müssen sie am Ende auch dafür geradestehen.

Ist denn alles falsch, was Deutschland, die EU, die EZB und der IWF machen?

Nein. Aber sie haben keine neuen Lösungen. Der erste große Fehler wurde gemacht, als die EZB Staatsanleihen aufgekauft hat. Man muss sich doch fragen, wie sie die wieder loswerden wollen? Es ist doch schon programmiert, dass die Anleihen abgeschrieben werden müssen. Die EZB hat 2010 einen Gewinn in Höhe von 1,4 Milliarden Euro gemacht. Damit wurde am Markt eine Art Stabilität geschaffen, aber das Problem ist damit nicht gelöst. Die EZB macht das, was in den Ländern selbst gelöst werden müsste. Da sollte die Privatwirtschaft, die sich bereichert hat, mit einstehen. Auch die Hedgefonds. Aber man darf nicht übertreiben, so dass der Bankensektor in die Knie geht.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen ein Insolvenzrecht für Staaten. Es gibt Privat-, Betriebs- und Kapitalmarktinsolvenzen. Aber für die Staaten, welche ja die höchsten Schulden haben, gibt es keine Regelungen. Sparen allein hilft nicht. Zugleich muss geregelt werden, wie hoch die Zinsen von Staatsschulden sein dürfen. Man kann nicht auf der einen Seite etwas gut machen und durch hohe Zinssätze wieder schlecht. Probleme wie die Griechenlands kann man nur über 20, 30 Jahre lösen, aber nicht in drei oder vier. Bei der Entschuldung Russlands haben wir - die Deutsche Bank war federführend - den Pariser Klub gegründet und die Entschuldung für 30, 40 Jahre geregelt. Dann hat man eine Ruhephase. Mit einer Art Marshallplan muss dann investiert werden in Bereiche wie Windkraft, Solartechnik und Tourismus. Wenn wir das nicht hinkriegen, rutschen wir von einer Krise in die nächste.

Denkt sie nur bis zu den nächsten Wahlen?

Ja. Ich werfe der Politik vor, nur an heute und morgen, nicht aber an übermorgen zu denken.

Was halten Sie von einer neuen Leitwährung oder einem Leitwährungstopf?

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Dr. Edgar Most, Jahrgang 1940, war mit 26 Jahren jüngster Bankdirektor der DDR und später letzter Vizepräsident ihrer Staatsbank. In Wendezeiten gründete er die erste Privatbank der neuen Bundesländer, war von 1990 bis 2004 Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin und schrieb mehrere Bücher.

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Zunächst muss festgelegt werden, wie wir mit dem Euro umgehen, wie stark er sein darf. Dann die Frage, wer zur Eurozone gehört, und wie man da wieder herauskommt, wenn ein Staat insolvent ist. Oder müssen dann die anderen einspringen? Ich bin wie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet für einen europäischen Finanzminister, der aber auch Macht haben muss. Nationale Interessen müssen dann in den Hintergrund treten. Ich könnte mir unseren Steinbrück vorstellen, der in der Krise sehr viel gelernt hat, und der sehr gut ist. Letztlich geht es darum, ob wir ein gesamt regiertes Europa haben wollen, in dem nationale Besonderheiten nur noch in kleinem Maße berücksichtigt werden oder verzichtet.

Kommen wir noch einmal auf die Leitwährung zu sprechen.

Ja, wenn in Europa Stabilität herrscht, steht die Frage der Leitwährung an. Der Dollar hat ja schon verloren. Die Rolle als Leitwährung resultiert ja daraus, dass die USA Sieger im Zweiten Weltkrieg waren. Ohne China geht nichts. Es ist das bevölkerungsreichste Land und das Land, das am schnellsten gelernt hat. Ich würde aber auch den Rubel nicht vergessen und den Vorschlag (des russischen Ministerpräsidenten) Wladimir Putin aufgreifen, eine Freihandelszone zwischen Wladiwostok und der französischen Atlantikküste zu schaffen. Dazu muss es pragmatische Leute geben, die langfristig denken. Wenn Helmut Schmidt, den ich aus vielen persönlichen Begegnungen kenne, 20 Jahre jünger wäre, würde ich sagen: Schmidt, du machst das! Aber Steinbrück ist auch so ein Typ, der etwas durchzieht, wenn er davon überzeugt ist, das es das Richtige ist. Die G20 sollten auch darüber nachdenken, eine fiktive Verrechnungswährung einzuführen.

Sind die Spareinlagen der Deutschen sicher, wie Angela Merkel und auch Peer Steinbrück damals gesagt haben?

Wir haben Reservefonds en gros und so Sicherheiten gebildet, die Privatbanken sowieso, auch die Sparkassen, da sehe ich kein Problem. Aber wenn alles zusammenrutscht und damit auch Banken und Reservefonds, dann ist das etwas anderes.

Sehen Sie die Gefahr?

Nein, die sehe ich nicht. Wir müssen nicht immer alles negativ sehen. Das ganze Leben hat immer plus und minus. Wenn man nur negativ denkt, kommt auch nur Negatives heraus. Wenn man nur positiv denkt, dann wird’s zumindest zu drei Vierteln positiv. Für mich gilt: Ist das Wetter noch so trübe, immer hoch die alte Rübe!

Mit Edgar Most sprach Manfred Bleskin

Quelle: ntv.de

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