Wirtschaft

Deutschlands schwache Stromkabel Droht der totale Netzkollaps?

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Vor Jahrzehnten geplant: Das deutsche Stromnetz ist auf eine übersichtliche Anzahl gleichmäßig produzierender Großkraftwerke ausgelegt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auf dem Weg zum neuen Energiekonzept für Deutschland schiebt sich ein riesiger Stolperstein ins Blickfeld: Beim Netzausbau fürchtet die Regierung viele kleine "Stuttgart 21". Ohne Netze sei ein Atomausstieg Utopie, heißt es. Der Umweltminister spricht schon jetzt von massiven Problemen.

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Kostspielige Infrastruktur: Monteure arbeiten an einer 110-KV-Hochspannungsfreileitung in 20 Metern Höhe.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Bundesumweltminister Norbert Röttgen macht sich große Sorgen. "Wir sind in einigen Regionen in Grenzbereichen der Netzstabilität", sagt der CDU-Politiker. Erst so langsam dämmert den Bürgern, dass der Traum von mindestens 80 Prozent Ökostrom bis 2050 ohne eigene Opfer nicht funktioniert. Die Ökoenergie-Branche fürchtet, dass ohne Netze immer häufiger ihre Windräder und Solaranlagen abgeschaltet werden müssen.

Um den Windstrom von der Küste in den Süden zu bekommen und um den überall in Deutschland produzierten Sonnenstrom einzuspeisen, sind neue Stromautobahnen, aber auch intelligente Netze nötig. Sie müssen flexibler als heute auf die schwankende Einspeisung und den sich täglich verändernden Stromverbrauch reagieren. Der Zustand bei den deutschen Netze sei in etwa so, als ob man in der Telekommunikation noch die Wählscheibe benutzen würde, sagt ein Regierungsmitglied.

Doch beim Netzausbau stellen sich Bürgerinitiativen vielerorts im Land quer. Sie warnen vor einem erhöhten Alzheimer- und Krebsrisiko durch die Magnetfelder bei Hochspannungsleitungen. Und natürlich vor Schäden für die Natur. So soll eine neue Hochspannungsleitung durch ein Biosphärenreservat durch die Uckermark, der Heimat von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), oder über den Rennsteig in Thüringen laufen.

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Der Abstand zum Boden sorgt für Isolation: Erdkabel müssen ummantelt und frostsicher vergraben werden.

(Foto: REUTERS)

In Regierungskreisen wird eindringlich vor vielen kleinen "Stuttgart21" gewarnt. Ohne neue Netze werde es länger Atom- und Kohlestrom geben. Auch der Bürger müsse mitmachen, wenn die Öko- Energiewende Realität werden soll, betont Merkel.

Durch den massiven Zuwachs bei der Solarstromerzeugung könnte nach Einschätzung der Deutschen Energieagentur (Dena) schon im kommenden Jahr an starken Sonnentagen der deutsche Strombedarf von 30 Gigawatt nur durch Solarstrom gedeckt werden. Ab 50 Gigawatt installierter Solarstromleistung ist laut Dena-Chef Stephan Kohler die Situation kaum noch beherrschbar. Bereits 2013 könnte so weit sein.

Aber bevor es zu einem Netzkollaps kommt, erlaubt eine Regelung im Energiewirtschaftsgesetz das Abschalten von Wind- oder Photovoltaikanlagen. Die Deutsche Umwelthilfe sieht darin vor allem ein Vehikel, um dem Ökoenergieausbau gezielt die Rote Karte zu zeigen und die angebliche Netzstabilitätsgefährdung als Vorwand zu nehmen.

Misstrauen gegenüber Großkonzernen

Ein RWE-Sprecher betont, dass Abschaltungen nur als ultima ratio infrage kommen und das Problem nicht lösten. "Während es früher im Netz eigentlich immer genügend Kapazitätsspielräume beziehungsweise Puffer gab, sind die Netze heute sehr oft sozusagen brechend voll." Da könne der Ausfall einer Leitung wesentlich weitreichendere Auswirkungen haben. Der Netzbetreiber Amprion, eine RWE-Tochter, baue bis 2020 rund 800 Kilometer neue Leitungen. Um Kapital gezielt in den Netzausbau in Deutschland zu stecken, seien attraktivere Investitionsbedingungen notwendig, betont RWE.

Bis 2020 werden nach neuen Dena-Schätzungen bis zu 3500 Kilometer neue Leitungen gebraucht, auch um den Windstrom von der Küste abzutransportieren. Gebaut sind erst 90 Kilometer. Nicht jeder will 380 kv-Hochspannungsleitungen mit bis zu 60 Meter hohen Masten neben seinem Haus stehen haben.

Neuland: Erdkabel

Bürgerinitiativen betonen, die Energiekonzerne würden die Widerstände als Argument benutzen, dass der Ausbau nicht gehe. In Wahrheit wollten sie, dass es über die Laufzeitverlängerung von im Schnitt 12 Jahren hinaus noch länger Atomstrom gibt.

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Die vier großen deutschen Energieversorger Eon, EnBW, RWE und Vattenfall wollen die Kosten des Netzausbaus nicht alleine schultern.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Als Alternative werden von den Gegnern zudem Erdkabel vorgeschlagen. "Diese Alternative ist vier bis zehn mal teurer als eine Freileitung", heißt es bei RWE. Was zudem oft vergessen wird: Es muss nicht einfach ein Kabel in der Erde verbuddelt werden, sondern durch Wälder müssen riesige Schneisen geschlagen werden. Und bei Pannen muss das Netz abgeschaltet und der Graben aufgemacht werden.

Rettung an der Bahn-Trasse

Zudem sind in Deutschland im Höchstspannungsbereich bisher kaum Erfahrungen beim Betrieb von Erdkabeln vorhanden. Ab 2015 will RWE bei einem Pilotprojekt auf der Strecke Meppen-Niederrhein Erfahrungen sammeln. Auch Eon betont, der Erdkabelbereich ist Neuland.

Eine Lösung könnte ausgerechnet von der Deutschen Bahn kommen. Im Verkehrsministerium und bei der Bahn wird geprüft, Strommasten an einigen bahneigenen Stromtrassen um bis zu 15 Meter zu erhöhen, um Platz für zusätzliche Gleichstromkabel mit einer Kapazität von bis zu 500 Kilovolt zu schaffen. Auf diese Weise könnte der Bau neuer Freilandleitungen zumindest in einigen Regionen deutlich verringert werden.

Aber egal welche Lösung es gibt, ein großer Blackout in nächster Zeit würde die Debatte um Atom- und Ökostrom neu aufrollen. Dann hätten die Atombefürworter einen neuen Trumpf in der Hand.

Quelle: n-tv.de, Georg Ismar, dpa

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