Wirtschaft

Qualität, Zuverlässigkeit und Expansion Fährt Volkswagen in die Krise?

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Neue Fabriken, neue Modelle: Volkswagens Wachstumskurs richtet sich immer mehr an China aus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Lange stemmt sich der Volkswagen-Konzern erfolgreich gegen die Absatzkrise in Europa. Nun schlägt sie sich auch in den Zahlen von Europas größtem Autobauer nieder. Allerdings bleibt sie nur eine Randnotiz, denn VW denkt langfristig und setzt auf Expansion in China. Ein Rezept, das sich auszahlt, aber auch Risiken für die Anleger birgt.

"Die Geschäftsentwicklung des 1. Quartals war - wie erwartet - geprägt vom schwierigen konjunkturellen Umfeld. Insbesondere in Europa und nicht zuletzt auch in Deutschland haben sich die Märkte schwach entwickelt. Wir bleiben grundsätzlich zuversichtlich, dass wir im weiteren Jahresverlauf an Fahrt aufnehmen können." Mit diesen Worten blickt Volkswagen-Chef Martin Winterkorn auf den Jahresauftakt zurück und macht gleichzeitig deutlich, dass sich weder Analysten noch Aktionäre davon verunsichern lassen sollen. "Volkswagen steht trotz aller konjunkturellen Unwägbarkeiten zu seinen Zielen für 2013."

Und die Ziele sind hochgesteckt: Beim operativen Gewinn will Europas größter Automobilbauer das Vorjahresniveau erreichen. Verkäufe und Umsatz sollen zudem weiter zulegen. 2012 hatte VW 9,35 Millionen Fahrzeuge verkauft, etwa 193 Mrd. Euro erlöst - was der Wirtschaftskraft Finnlands entspricht - und operativ rund 11,5 Mrd. Euro verdient. Die Dividende stieg um jeweils 50 Cent auf 3,50 Euro je Stammaktie und 3,56 je Vorzugsaktie. Zwar hatten Analysten mehr erwartet und von einer Ausschüttung von 4 Euro je Anteilsschein geträumt, andererseits kann der Konzern so mehr Geld in seine Entwicklung stecken: neue Modelle und neue Kapazitäten.

Derzeit baut der Zwölf-Marken-Konzern seine Fahrzeuge zwar weltweit bereits in rund 100 Produktionsstätten. Aber vor allem in China will VW deutlich aufstocken. Sieben neue Werke sind dort geplant, fünf könnten bereits in diesem sowie im nächsten Jahr ihre Arbeit aufnehmen. Und das müssen sie auch, aus mehreren Gründen.

So macht sich die Absatzkrise auf dem europäischen Markt mittlerweile auch bei Volkswagen bemerkbar, wie die Zahlen des 1. Quartals beweisen: Der Umsatz sank um 1,6 Prozent auf 46,6 Mrd. Euro und das trotz eines höheren Absatzes. Das Ergebnis vor Zins en und Steuern (Ebit) brach gar um fast ein Viertel auf 2,3 Mrd. Euro ein. Im März rettete zudem nur das Plus der neuen Tochter Porsche den Mutterkonzern vor dem ersten Absatzrückgang seit mehr als drei Jahren.

"Qualität und Zuverlässigkeit"

Andererseits hat Volkswagen das Ziel, bis 2018 mehr als 10 Millionen Autos zu verkaufen und so den Thron des Weltmarktführers zu besteigen. "Das Ziel kann deutlich eher erreicht werden", kommentiert n-tv.de-Autoexperte Helmut Becker. "Derzeit wird das Wachstum vor allem durch den Kapazitätenengpass begrenzt."

Neben neuen Produktionsstätten muss Volkswagen dem Autoexperten zufolge auch auf den Ausbau seiner Modellpalette setzen. Das Fehlen eines "Billigautos" (Low Budget Car) sei da durchaus ein Problem, so Becker. "Der VW-Konzern hat den Anspruch eines Global Players. Da gehört auch ein solches Modell ins Portfolio." Gleichzeitig verstehe er aber das Zögern des Konzerns: "Volkswagen steht für Qualität und Zuverlässigkeit." Beide Verkaufsargumente könnten durch einen Misserfolg eines Billigmodells gefährdet werden. Dennoch sei es wichtig für die expansiv bleiben wollenden Wolfsburger, vor allem im Hinblick auf den Erfolg in Schwellenländern wie Indien.

Becker warnt den Konzern gleichzeitig auch vor dem Risiko zunehmender Qualitätsmängel und verweist auf das "Beispiel Toyota": Die Japaner - jahrelang größter Automobilkonzern der Welt und Vorbild für die gesamte Branche - kämpften in den zurückliegenden Ja hren mehrfach mit kostenintensiven und dem Image schadenden Rückrufen. Volkswagen selbst musste erst jüngst im Reich der Mitte - dem größten Absatzmarkt und Ertragsbringer des Konzerns - fast 385.000 Autos wegen Problemen mit den Getrieben in die Werkstätten rufen. Dem Rückruf war ein kritischer Bericht im Staatsfernsehen vorausgegangen.

VW als Langfrist-Investment

Die Anleger hat diese Meldung kalt gelassen - noch. Pünktlich zur Hauptversammlung des Konzerns zogen die Titel wieder an. Händler sprachen von einer "Erleichterungs-Rally" nach den Quartalszahlen. Die waren schwächer erwartet worden. Im Gegensatz zu anderen Massenherstellern wie Peugeot oder Renault seien zudem die Fundamentaldaten gut.

Laut Michael Punzet von der DZ Bank ist zudem mit weiteren positiven Effekten durch die neue Plattformstrategie zu rechnen. Die Entwicklung des sogenannten modularen Querbaukastens, auf dem etwa der Golf VII gefertigt wird, war zwar kostenintensiv; durch ihn sind aber künftig Milliardeneinsparungen möglich, da bis zu 40 Modelle verschiedener Konzernmarken auf seiner Basis produziert werden können.

Punzet bleibt daher bei seiner positiven Einschätzung für die VW-Aktie und empfiehlt das Papier besonders mittel- und langfristig orientierten Anlegern als "Kauf". Luft nach oben ist durchaus noch vorhanden: Seit dem Top am Jahresanfang bei etwa 187 Euro ist der Kurs deutlich zurückgekommen. Er liegt aber immer noch rund 20 Prozent über dem Kurs zur letzten Hauptversammlung. Zusammen mit der Dividende kann sich das durchaus sehen lassen.

Quelle: ntv.de, mit DJ/rts