Wirtschaft

Energiepreise belasten massiv Erste Stadtwerke geraten in Zahlungsschwierigkeiten

Ein Wechselstromzähler zeigt den aktuellen Zählerstand in Kilowattstunden in einem Haushalt an.

Die Stadtwerke rufen nach einem eigenen Schutzschirm.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Sym)

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Die hohen Energiepreise bringen erste Stadtwerke in Bedrängnis. Vor allem die Summen, die beim Einkauf von Gas und Strom als Sicherheitsgarantien verlangt werden, übersteigen die Liquidität einiger Versorger. Die Lage sei extrem angespannt.

In der Energiepreiskrise stehen nun auch Stadtwerke vor Zahlungsschwierigkeiten. Bei mehreren Versorgern ist es offenbar bereits so weit, wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf Branchenkreise meldet. "In Leipzig wie auch in anderen Städten geraten die Stadtwerke aufgrund der Preisexplosionen an den Energiemärkten zunehmend unter Druck", schreibt die Stadt Leipzig, die ihre Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mit einem Kreditrahmen von bis zu 400 Millionen Euro stützen will, in einer Pressemitteilung. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) möchte zwar noch nicht von Zahlungsschwierigkeiten sprechen, ist aber in großer Sorge, wie ein Sprecher ntv.de berichtet. "Die Lage ist extrem angespannt."

Die gestiegenen Energiepreise belasten die Stadtwerke gleich doppelt, wie Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool, ntv.de erklärt. Stadtwerke kaufen im Mittel bis zu ein Fünftel ihres Bedarfs kurzfristig an den Börsen für Strom und Gas ein, wo die Preise zurzeit stark schwanken. Dafür brauchen die Versorger deutlich mehr liquide Gelder als bisher - für die Energie an sich, aber auch höhere Sicherheitsgarantien, also eine Art Kaution. Diese sind im Moment sogar das größere Problem.

Für den Rest ihres Bedarfs schließen die Stadtwerke langfristige Verträge. Auch für diese bilateralen Geschäfte müssen Sicherheiten hinterlegt werden. Bisher wurden diese Federico zufolge allerdings oft nur auf dem Papier verlangt, bei seriösen Geschäftspartnern wie Stadtwerken genügte der gute Name. Aufgrund der starken Preisschwankungen und dem dadurch gestiegenen Ausfallrisiko müssen nun auch Stadtwerke tatsächlich zahlen.

Zahlungsausfälle bei Kunden belasten zusätzlich

Wie bei einer Kaution ist das Geld nicht weg, sondern die Unternehmen erhalten es zurück, wenn das Geschäft abgewickelt ist, wie der VKU-Sprecher erklärt. "Die dafür derzeit hohen Summen können allerdings die kurzfristige Liquidität von Versorgern übersteigen."

Etwa 200 der 900 Stadtwerke sind laut Federico direkt oder indirekt aktiv an den Börsen - sie laufen ihm zufolge besonders Gefahr, in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten. Bisher sei diese Einkaufsstrategie nicht riskant gewesen. Ausweichen auf langfristige Verträge können sie nun allerdings nicht. "Im OTC-Handel, dem wichtigsten Handelsplatz für Stadtwerke, ist die Zahl möglicher Handelspartner stark gesunken, und es werden kaum noch Energiemengen auf Termin gehandelt", berichtet der VKU-Sprecher.

Erschwerend hinzu kommen die erwarteten Zahlungsausfälle seitens der Verbraucher, auf die Preissteigerungen von teils mehr als 50 Prozent zukommen. "Bisher lagen die Zahlungsausfälle unter einem Prozent", hatte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing Ende August berichtet. Viele Stadtwerke kalkulierten nun aber schon bis zu 8 und einige bis zu 15 Prozent an Verlusten ein. "Das wird dann bedrohlich."

Stadtwerke fordern Schutzschirm

Mit Insolvenzen rechnet Energiemarktexperte Federico bei kommunalen Versorgern trotzdem nicht, da sie in dem Fall von Kommunen gerettet würden. Denn die Folgen wären dramatisch. Städtetagspräsident Markus Lewe, Münsters Oberbürgermeister, warnte vor Kurzem: "Wenn Stadtwerke in eine existenzielle Schieflage geraten, dann drohen alle Leistungen der Daseinsvorsorge in den Städten abzurutschen, wie Wasser, Abwasser, Müllentsorgung und ÖPNV."

Bei kleineren privaten Versorgern erwartet Federico allerdings durchaus Insolvenzen. "Brenzlig wird es, wenn Grundversorger pleitegehen", sagt er. "Dann ist die Frage, wer die Versorgung übernimmt." Schon jetzt ist es schwierig für Verbraucher, den Anbieter zu wechseln.

Müssen Kommunen ihren Stadtwerken mit Krediten und Eigenkapital unter die Arme greifen, stünden viele jedoch selbst vor einer großen Herausforderung, wie der VKU-Sprecher klarstellt. Der Verband fordert einen leichteren Zugang für Stadtwerke zu einem KFW-Rettungsschirm, der zur Liquiditätssicherung aufgelegt wurde. Das aktuelle Hilfspaket des Bundes schließe Stadtwerke mehrheitlich aus. Außerdem sollte dieses nicht nur vor allem für den Börsenhandel gelten, sondern auch für den außerbörslichen Handel. Daneben wünscht sich die Branche einen eigenen Schutzschirm für die Stadtwerke. "Auch für eigentlich kerngesunde Stadtwerke besteht derzeit ein Risiko", sagt der Sprecher. "Zur Vorsorge gehört schlicht, dass die Bundesregierung das Risiko von Liquiditätsnöten bei Stadtwerken erkennt."

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Zwar sieht Marktexperte Federico noch keine Wirtschaftskrise wie infolge der Finanzkrise, die von der Lehman-Pleite ausgelöst worden war. Parallelen erkennt er trotzdem: Systemrelevante Unternehmen sind in Gefahr, es gebe einen externen Trigger - wie damals die Immobilienblase, nun die Gasknappheit -, und die Marktteilnehmer misstrauten sich, weil sie voneinander nicht wissen, wie liquide sie sind. Für die Verbraucher stünden die Preissprünge jedenfalls erst am Anfang.

Quelle: ntv.de

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