Wirtschaft

Wie Fiat mit Chrysler verschmilzt Fünf Jahre alles oder nichts

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Die Marke Fiat wird in den USA über Chrysler wieder auf den Markt zurückfinden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei Daimler war es damals die Hochzeit im Himmel - Fiat hält es bei seinem Zusammengehen mit Chrysler pragmatischer. Im Rahmen eines ehrgeizigen Fünf-Jahres-Plans sollen die Konzerne verschmelzen. Fiat-Autochef Marchionne setzt dabei alles auf eine Karte.

Fünf Millionen, das ist eine Zahl, die Sergio Marchionne schon lange bewegt. Bei fünf Millionen etwa liegt nach der Meinung des Chef des Automobilsparte von Fiat die Höhe des Absatzes eines Autobauers, der zu den Global Playern gehören kann, zu den vier oder fünf großen Autokonzernen also, die in einigen Jahren den weltweiten Bau und Vertrieb von Fahrzeugen zum allergrößten Teil abdecken werden. Diesem Szenario folgen mittlerweile so einige Experten der Autobranche. Wer in diesem Klub aber mitspielen möchte, der muss groß sein und Synergien schaffen. Es müssen Autos kreiert werden, die sich weltweit verkaufen lassen und dennoch die speziellen Bedürfnisse der Kunden in den einzelnen Märkten abdecken.

In dieser Welt-Liga spielen derzeit nur wenige. Toyota natürlich als weltgrößter Hersteller. Auch General Motors und Ford liegen deutlich über der magischen Grenze, ebenso wie das Bündnis von Renault und Nissan. Aus Deutschland schafft es nur der VW-Konzern in die Spitzengruppe. Daimler und BMW sind im Autobereich zu klein, um in der ersten Liga eine signifikante Rolle einzunehmen.

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Der Chef der Automobilsparte von Fiat, Sergio Marchionne (l.), und der frischgebackene Vorsitzende des Verwaltungsrates von Fiat, das junge Oberhaupt der Agnelli-Familie, John Elkann.

(Foto: REUTERS)

Auch Marchionne will mit Fiat dabei sein. Manchmal scheint es, um jeden Preis. Dazu hat er im Krisenjahr 2009 bei Chrysler zugeschlagen und wenn das Urteil der deutschen Kanzlerin gnädiger ausgefallen wäre, dann hätte er auch Opel genommen. War wohl besser so, wie sich im Nachhinein herausstellte, aber das ist eine andere Geschichte. Auf dem Weg zu den magischen fünf Millionen hat der ehrgeizige Manager, der als Italiener in Kanada aufwuchs, mit der Übernahme von Chrysler schon einen Riesenschritt gemacht. Etwa 1,3 Millionen Einheiten produziert Fiat derzeit jährlich in Europa. Mit der Ausweitung der Modellpalette und der Übernahme von Chrysler wird bis 2014 die Marke von weltweit 5,8 Millionen angepeilt.

Chrysler reingewaschen

Dabei hat Fiat den einst mächtigen US-amerikanischen Autokonzern Chrysler de facto ohne Eigenkapital gekauft. Alles, was Fiat einbringt, ist Technologie. Zudem tauschte man Aktien zu einem Anteil von 20 Prozent an den US-Amerikanern, das allerdings zu einem äußerst günstigen Preis vor der Insolvenz. Außerdem erbt Fiat ein fast jungfräuliches Unternehmen, im Gegensatz zu Daimler einst. Chrysler ist durch die Insolvenz ohne jeden finanziellen Ballast. Das so genannte "Chapter 11" hat den Konzern gereinigt und mit blütenweißer Weste hinterlassen. Nicht mal die mächtige Autogewerkschaft UAW hat noch größere Forderungen an das Unternehmen.

Hört sich toll an, aber das ist eigentlich immer so bei Fusionen in der Autobranche. Da wird dann gerne von Synergien geredet und großem Potenzial, bis die Realität einige Jahre später ihr grausames Antlitz zeigt. Ob dieses Schicksal auch die italo-amerikanische Gemeinschaft ereilt, bleibt zwar abzuwarten. Auf den ersten Blick allerdings fällt auf, dass die Produktpaletten und die Absatzmärkte sich tatsächlich gut ergänzen. Fiat baut vornehmlich kleine Massenmodelle, Chrysler große Autos mit vielen Zylindern und reichlich Hubraum unter der Haube. Fiat ist stark in Europa und in Südamerika, Chrysler eine Macht auf dem Heimatmarkt USA, wo die Italiener seit Jahrzehnten nicht mehr stattfinden. Alles keine Garantie für Erfolg, aber es macht Sinn.

Ambitionierte Entwicklungsziele

Dennoch bleibt das Projekt eine Herkules-Aufgabe. Nur weil etwas einleuchtend ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch funktioniert. Der ehrgeizige Fünf-Jahres-Plan, mit dem Fiat mit Chrysler verschmolzen werden soll, wurde den Investoren bereits vorgestellt. Bis 2014 sollen im Autobereich die Produktpaletten aufeinander abgestimmt und gemeinsam neue Modelle entwickelt werden sowie die einzelnen Marken ordentlich aufgestellt sein. Wer die Arbeitszyklen in der Branche kennt, der kann die Ambitioniertheit des Vorhabens gut einschätzen. Auch hier macht Marchionne richtig Druck auf sein Personal. Er hat die Zielmarke von 14 Monaten vorgegeben, in denen ein Modell entwickelt und zur Marktreife gebracht werden soll.

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"New Lancia": Die strauchelnde Marke wird mit Chrysler in Europa die Modellpalette verschmelzen und so ein wichtige Aufwertung erfahren.

(Foto: REUTERS)

Am meisten ändert sich natürlich für Chrysler. Vom europäischen Markt wird die Marke auf lange Sicht verschwinden. Die Modelle werden künftig unter dem Dach von "New Lancia" verkauft. Darin sollen die Händler der US-Amerikaner aufgehen und die Autohäuser entsprechend umgebaut werden. Von den 120 Chrysler-Händlern wird man dabei sicher einige verlieren, denn nicht alle werden sich mit Lancia als neuem Markenlogo anfreunden können. Vor allem denjenigen, die ihre Autos gemeinsam mit Mercedes vertreiben, wird der Wechsel nicht schmecken. Die rund 70 Lancia-Händler, die es derzeit in Deutschland gibt, werden dagegen eine Aufwertung ihrer Modellpalette erfahren.

Neukunden für Chrysler-Händler

Den übrigen versucht es Fiat aber so hübsch wie möglich zu machen. Die Händler erfahren eine starke Aufwertung ihrer Räumlichkeiten. Locken will Fiat zudem mit Volumen, denn wenn ein Autoverkäufer, der heute Chrysler vertreibt, plötzlich einen Lancia Ypsilon ins Schaufenster bekommt, dann wird er sich über eine deutliche Absatzsteigerung freuen und völlig neue Kunden begrüßen dürfen. Allerdings müssen sich die Verkäufer klar für eine Marke entscheiden. Wer "New Lancia" vertreibt, kann auch Jeep ins Programm aufnehmen, Fiat-Händler hingegen nicht. Ferrari und Maserati bleiben auf Händler- und industrieller Ebene komplett eigenständig.

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Bei Chrysler wird schon seit einigen Monaten kräftig aufgeräumt. Die Führungsebene hat Marchionne bereits neu aufgestellt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Auf der produktionstechnischen Seite wird sich die Arbeitsteilung in große und kleine Autos ergeben. Die Volumenmodelle für den Massenmarkt werden in Europa entwickelt und gebaut werden. Die größeren Autos und Motoren ab sechs Zylindern fallen in das Aufgabengebiet der Chrysler-Ingenieure. So könnte es künftig Vans und SUVs der italienischen Marken geben, die in den USA entworfen und vielleicht sogar gebaut werden. 38 neue Modelle plant der Konzern bis 2014. Im Zuge dessen werden die wichtigsten Modelle der US-Amerikaner neu aufgelegt und sollen dabei qualitativ eine deutliche Aufwertung erfahren. Eine Sonderrolle nimmt Dodge ein, wo man in der Modellpalette kräftig aufräumen wird. Ein Delikatessenladen soll die Marke werden, mit Spitzenmodellen wie dem Sportwagen Viper, dem Boliden Charger oder dem riesigen Pickup Ram. Auch ein klares Bekenntnis zu der seit Jahren strauchelnden Marke Alfa Romeo ist aus dem Umfeld des Konzerns zu vernehmen. Neue Modelle und eine Qualitätsoffensive sollen den traditionsreichen Autobauer, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, nach vorne bringen.

Neue Führungsebene für Chrysler

Die Modellpalette der einzelnen Marken ist aber nur ein Spiegel dessen, was sich im Hintergrund an Prozessen der industriellen Verschmelzung abspielt. Bei Chrysler, wo sich Marchionne seit Monaten die meiste Zeit aufhält, hat der umtriebige Manager schon kräftig aufgeräumt. In so genannten "Viertelstundengesprächen" ließ er die Führungsetagen des US-amerikanischen Autobauers antreten. 15 Minuten Zeit für jeden, seine Visionen, Ziele und Wünsche zu formulieren. Dennoch wurden auf der obersten Ebene viele ausgetauscht und entweder junge Leute aus der zweiten Reihe hochgeholt oder durch Manager aus Europa ersetzt. So formt Marchionne eine neue, schlagkräftige und ehrgeizige Führungsebene. Ein ähnliches Verfahren hat er bereits bei der Sanierung der Autosparte von Fiat einst angewandt.

Dennoch ist der Plan, bis 2014 eine Verschmelzung der beiden Unternehmen herbeizuführen, ein ehrgeiziges Projekt. Auch wenn informierte Kreise betonen, dass es keine kulturellen Probleme zwischen den beiden Unternehmen gäbe - ganz so einfach dürfte das Vorhaben dennoch nicht werden. Der Termin 2014 selbst ist nicht aus der Luft gegriffen. Bis zu diesem Jahr muss sich Fiat entscheiden, seinen Anteil an Chrysler von derzeit 20 Prozent aufzustocken und so das Unternehmen ganz zu schlucken. Wenn alles gut geht, wird Fiat in vier Jahren auf eine Mehrheit von 50 Prozent aufstocken. Die andere Option wäre der Ausstieg bei Chrysler. Diese besteht aber nur theoretisch, denn die Zusammenarbeit sollte bis dahin so weit gediehen sein, dass sich die beiden Autobauer nur noch schwer separieren lassen. Und das Wort Rückzug ist in Sergio Marchionnes Wortschatz ohnehin nicht vorhanden. Alles auf eine Karte also in Sachen Chrysler.

Quelle: ntv.de