Wirtschaft

Währungschaos und Finanzkrise Hotten-Schotten droht Griechen-Crash

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Schottland könnte bald unabhängig werden. Doch schlimmstenfalls drohen Währungschaos und Finanzkrise.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schon bald entscheiden die Schotten über ihre Unabhängigkeit. Das könnte teuer werden: Ihr Land stünde mit Öl, aber ohne Währung da. Entweder droht Großbritannien ein Desaster wie der Eurozone mit Griechenland. Oder eine Finanzkrise. Oder gar nichts.

Ihr eigenes Geld haben die Schotten eigentlich längst. Auf den "schottischen" Pfundnoten prangen die Schriftzüge der drei größten schottischen Banken, die das Geld drucken, weil Schottland keine eigene Zentralbank hat. Und statt Charles Darwin und James Watt, die die Noten der Bank of England zieren, blicken Lord Kelvin und König Robert Bruce von den schottischen Scheinen.

Es sind die Symbole für Schottlands jahrhundertelanges Streben nach Unabhängigkeit: die Fußballmannschaft und das "eigene" Geld. Doch nun wollen die Schotten mehr. Am Donnerstag stimmen sie über den Austritt aus dem Vereinigten Königreich ab. Es sieht so aus, als könnten sich die Ja-Sager durchsetzen. Sie beschwören Schottlands kulturelle Identität, reden von Nordsee-Öl, Sozialhilfe und Atom-U-Booten. Doch die Befürworter verharmlosen die Risiken. Schotten und Briten kämpfen ums Geld. Das Referendum ist ein Währungspoker. Wenn Edinburgh und London nicht aufpassen, drohen Großbritannien Währungschaos und Finanzpanik wie in der Griechenland-Krise.

Denn sollten sich die Schotten am kommenden Donnerstag tatsächlich von London lossagen, wären sie ein Land ohne Währung. "Niemand kann uns hindern, nach der Unabhängigkeit das britische Pfund zu behalten", poltern die Sezessionisten. Das stimmt, so wie Panama den Dollar und Montenegro den Euro benutzen, obwohl sie nicht Teil der USA oder der Eurozone sind. Doch Edinburgh würde sich damit an die Bank of England ketten, nachdem es sich gerade von London losgesagt hat. Das hat mit Unabhängigkeit nichts zu tun.

Crash-Kurs in Edinburgh

Die abtrünnigen Schotten wollen am liebsten eine Währungsunion mit den Briten - so wie zwischen den Ländern der Eurozone: Edinburgh beschließt seinen eigenen Haushalt und erhebt alle Steuern, behält aber das Pfund. Doch die Geschichte lehrt, dass das so gut wie nie funktioniert: Als sich Tschechien und die Slowakei 1993 voneinander lossagten, aber die tschechoslowakische Krone behielten, dauerte es kaum einen Monat, bis das Arrangement auseinanderflog. Gemeinsame Währung ohne gemeinsame Regierung - es ist das bekannte Virus, an dem die Eurozone krankt.

Zwar hätte eine Währungsunion zwischen Schottland und Rest-Großbritannien bessere Chancen als das Euro-Experiment. Die schottische und die britische Wirtschaft sind enger vernetzt. Weil Schottland seit über 300 Jahren Teil des Inselstaats ist, gibt es keine so großen wirtschaftlichen Unterschiede im Vereinigten Königreich. Das Problem ist nur: London hat der Idee eine klare Absage erteilt. Ministerpräsident David Cameron und die Chefs aller Oppositionsparteien lehnen die Währungsunion ab. Mark Carney, der Chef der Bank of England, hat sie ebenfalls ausgeschlossen. Die Schotten wollen sich nicht länger von Westminster hineinreden lassen, aber sein Pfund behalten? Kein Wunder, dass London sie nicht Trittbrett fahren lassen will.

Saudi-Arabien in den Highlands

Also müsste Schottland seine eigene Währung einführen - und fürchten, dass sie gleich wieder untergeht. Edinburgh muss die Bedingungen seiner Unabhängigkeit erst mit London verhandeln. Unsicherheit würde entstehen. Nichts hassen Finanzmärkte mehr. Weigert sich Schottland tatsächlich, seinen Anteil an den britischen Schulden zu übernehmen, wie Regierungschef Alex Salmond gedroht hat? Spekulanten würden gegen das Schotten-Pfund wetten. Kapital und Banken könnten flüchten, Zinsen explodieren, der Handel einbrechen. Es wäre das gleiche Szenario wie bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

Auch wenn es nicht zu einer Panik käme, würde es die neue Währung wohl abwerten. Schottlands Wirtschaft ist kleiner und schwächer als die Großbritanniens, der Eurozone oder der USA. Und Schottland hat keine eigenen Devisenreserven, mit denen es seine Währung verteidigen und die Wechselkurse stabil halten könnte - die müsste das Land erst mühsam aufbauen. Auch das Nordsee-Öl würde wenig nützen: Das Schotten-Pfund würde daran hängen wie der saudische Riyal. Und wie die arabische Petro-Währung mit den Ölpreisen schwanken.

Mit seiner Währung könnten auch Schottlands Banken ins Taumeln geraten. Das kleine Land hätte nicht einmal eine Zentralbank, um sie zu retten. Geschweige denn genug Mittel: die Bilanzsumme der schottischen Banken ist zwölf Mal größer als die schottische Wirtschaft. Irland und Island hatten vor Ausbruch der Finanzkrise einen Bankensektor, der nur sieben Mal größer war. Selbst William Wallace müsste angesichts dieser Vision eigentlich gegen die schottische Unabhängigkeit stimmen.     

Auch London blufft

Doch die Frage ist eben nicht nur, ob die Schotten sich am 18. September wirklich von London lossagen, sondern: Macht David Cameron seine Drohung wahr und verweigert ihnen die Währungsunion? Schotten-Führer Alex Salmond pokert darauf, dass London nur blufft. Sein Gegner Alistair Darling warnte ihn in den TV-Duellen immer wieder vor dem Harakiri: "Was ist Ihr Plan B?"

Der Euro kann es nicht sein. Erstens wollen die Schotten ihn nicht, sondern das Pfund behalten. Zweitens können sie ihn nicht bekommen, weil Schottland zwei Jahre eine eigene stabile Währung haben müsste, bevor es dem Euro beitreten könnte. Und drittens werden sie ihn nicht bekommen, weil alle EU-Länder dem Beitritt zustimmen müssten. Spanien wird das kaum tun. Aus Angst, die Katalanen zu ermutigen, es wie die Schotten zu machen.

Schotten-Chef Salmond spielt deshalb das gleiche Spiel wie der griechische Syriza-Chef Alexis Tsipras, der drohte, bei einem Wahlsieg das Rettungspaket abzulehnen: Er setzt darauf, dass London nachgibt und einer Währungsunion mit Schottland doch zustimmt - weil ein Schotten-Crash für Großbritannien schlimmer wäre als für Schottland selbst. So wie der Austritt Athens noch verheerender für die Eurozone wäre als für Griechenland.

Akropolis am Firth of Forth

Denn falls Edinburgh das Schotten-Pfund einführt, würde das erhebliche Kosten für den britischen Finanzsektor bedeuten. Zudem haben zwei der größten britischen Banken, die Royal Bank of Scotland (RBOS) und die Halifax Bank of Scotland (HBOS) ihren Sitz in Schottland - und gehören noch dazu dem britischen Staat. In der Finanzkrise rettete London sie mit 65 Milliarden Pfund. Wenn Schottland im Finanzchaos versinkt, müsste die Downing Street sie wieder auffangen, um sein eigenes Finanzsystem zu retten.

Nicht nur die Banken, ganz Schottland wäre für London zu groß, um es scheitern zu lassen. Zu eng sind beide Länder vernetzt. Schottland ist der zweitgrößte Handelspartner des Vereinigten Königreichs. Das Pfund und der britische Aktienmarkt bekamen am Montag schon das Zittern, als die Befürworter der Unabhängigkeit in den Umfragen erstmals vorn lagen. Schließlich würde Großbritanniens Fläche, Einwohnerzahl und Wirtschaft auf einen Schlag schrumpfen, falls sie sich durchsetzen.

London ist faktisch gezwungen, auch einen unabhängigen Schotten-Staat zu retten - so wie Brüssel Griechenland niemals fallen lassen wird. Schon als Irland 2010 in die Pleite schlitterte, sprang die Londoner Regierung Dublin mit sieben Milliarden Pfund bei, zu wichtig waren die Wirtschaftsverbindungen. Die Schotten können die Engländer noch mehr erpressen. Kaum vorstellbar, dass London Edinburgh sehenden Auges in eine Finanzkrise stürzt - und sich selbst mit. Zähneknirschend würde David Cameron dann wohl doch lieber einer Währungsunion zustimmen.

Es wäre eine bittere Ironie der Geschichte: Aus Angst, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu verlieren, haben die Briten den Euro jahrelang verschmäht. Nun könnten sie aus purer Not doch in eine Währungsunion gezwungen werden. Die würde das Pfund ganz sicher instabiler machen als bisher. Bestenfalls steckt nach Schottlands Unabhängigkeit also das Euro-Virus auch Großbritannien an. Schlimmstenfalls droht Europa eine neue Finanzkrise. Falls Schottland wirklich unabhängig wird, hängt alles davon ab, ob die Sezessionisten den Übergang sorgfältig und überlegt organisieren. Oder wie die Hotten-Schotten.

Quelle: ntv.de