Wirtschaft

Weniger arbeiten, mehr Freizeit Islands Viertagewoche ist ein "voller Erfolg"

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Kürzere Arbeitswochen, mehr Freizeit: Liefert Island eine Blaupause für andere Staaten?

(Foto: imago stock&people)

Island hat das weltweit größte Experiment zur Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohn mit einem positiven Fazit abgeschlossen. Die Wissenschaftler sprechen euphorisch von einer Blaupause für die ganze Welt. Für das Gros der isländischen Erwerbstätigen ist die 42-Stunden-Arbeitswoche damit Geschichte.

Island hat seine Antwort auf das Thema Work-Life-Balance gefunden. Die Insel mit ihren knapp 400.000 Einwohnern, die in den vergangenen sieben Jahren mit Modellversuchen zu verkürzten Arbeitswochen experimentierte, zieht eine überragende Bilanz. In dem Abschlussbericht der britischen Denkfabrik Autonomy und der isländischen Vereinigung für Nachhaltigkeit und Demokratie (Alda - Association for Sustainability and Democracy) heißt es, die Studien seien "ein überwältigender Erfolg" gewesen.

Nach den Worten von Forschungsdirektor bei Autonomy, Will Stronge, war es "der weltweit größte Versuch zu einer kürzeren Arbeitszeit im öffentlichen Sektor aller Zeiten". Er beweise, "dass der öffentliche Sektor reif ist, ein Vorreiter bei kürzeren Arbeitswochen zu sein, und daraus Lehren für andere Regierungen gezogen werden können", zitiert ihn die BBC.

Zumindest für Island gilt: Alle waren mit den kürzeren Arbeitswochen bei vollem Lohn überaus zufrieden. Erwerbstätige gaben an, weniger Stress zu haben und gesünder zu sein, außerdem mehr Zeit für ihre Familien und Hausarbeit zu haben, sowie ihren Hobbys nachgehen zu können. Auch Arbeitgeber hatten nichts zu klagen, denn weder Produktivität noch Leistung der Beschäftigten hätten unter den verkürzten Arbeitszeiten gelitten, laut der Studie haben sie sich größtenteils sogar verbessert.

Besseres Zeitmanagement ist das A und O

Wie das erreicht wurde, ist vor dem Hintergrund mit den Erfahrungen in der Pandemie besonders interessant. Denn der Schlüssel zum Erfolg lag laut dem Bericht in einem besseren Zeitmanagement, das sich auch in der Corona-Krise bezahlt gemacht hat: Meetings wurden straffer organisiert oder durch E-Mails ersetzt. Außerdem wurden Aufgaben gestrichen und Schichten neu organisiert.

Insgesamt nahmen an den Modellversuchen 2015 und 2019 knapp 3000 Beschäftigte aus Vorschulen, Verwaltungsbüros, sozialen Diensten und Krankenhäusern teil. Ihre Arbeitszeit wurde von 40 auf 36 bzw. 35 Stunden reduziert. Alle Forschungsergebnisse belegen, dass das "Wohlbefinden dramatisch gestiegen" sei, ohne dass die Produktivität gelitten habe, so die Autoren.

Für die Studienautoren sind die Ergebnisse aus diesem Grund eine Blaupause: "Die erhobenen quantitativen und qualitativen Daten liefern wichtige reale Beweise für die Vorteile einer Arbeitszeitverkürzung, die die Sorgen über sinkende Produktivität entkräften und die Annahme eines verbesserten Wohlbefindens der Arbeitnehmer untermauern", heißt es in der Studie.

Wichtig ist den Autoren dabei, dass sie ein weit verbreitetes Argument der Arbeitgeberverbände entkräften konnten: Dass kürzere Arbeitswochen zu Mehrarbeit und Überarbeitung führen. Diese Annahme sei stark propagiert, durch die Studienergebnisse aber widerlegt worden. Die Reduzierung der Arbeitszeit habe tatsächlich dazu geführt, dass die Erwerbstätigen weniger gearbeitet hätten. Geholfen habe dabei die "Umsetzung neuer Arbeitsstrategien am Arbeitsplatz" sowie "die Organisation von Aufgaben durch die Zusammenarbeit zwischen einfachen Beschäftigten und Führungskräften".

40-Stunden-Arbeitswoche ist Geschichte

Dank der Ergebnisse hat das Modell zumindest in Island Schule gemacht hat: Die Gewerkschaften und ihre Verbände setzten bereits dauerhafte Arbeitszeitverkürzungen für Zehntausende ihrer Mitglieder im ganzen Land durch. Insgesamt haben etwa 86 Prozent der gesamten isländischen arbeitenden Bevölkerung nun entweder kürzere Arbeitszeiten oder sie haben das vertragliche Recht, ihre Arbeitszeit zu verkürzen.

Wie belastbar die Erkenntnisse aus Island für andere Volkswirtschaften sind, lässt sich zwar nicht sagen. Fest steht wohl aber: Für Island war die Zeit reif. Die Wochenarbeitszeit gehörte vorher laut OECD zu den höchsten weltweit und das durchschnittliche Erwerbsleben mit 47 Jahren zu den längsten in ganz Europa. Gudmundur Haraldsson, Forscher bei Alda, kommentierte: "Die kürzere Arbeitswoche in Island zeigt uns, dass es in der heutigen Zeit nicht nur möglich ist, weniger zu arbeiten, sondern auch progressive Veränderungen möglich sind."

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In vielen Ländern werden derzeit ähnliche Studien durchgeführt, unter anderem in Spanien, wo Unternehmen zum Teil aufgrund der Herausforderungen des Coronavirus eine Viertage-Arbeitswoche für Unternehmen einführten. Der Konsumgüterriese Unilever experimentiert in Neuseeland mit verkürzten Arbeitszeiten. Angestellte können ihre Arbeitszeit um bis zu 20 Prozent reduzieren, ebenfalls bei vollem Lohn. Auch in Großbritannien tut sich was: Im Mai kam ein von der Projektgruppe Platform London in Auftrag gegebener Bericht zu dem Ergebnis, dass kürzere Arbeitszeiten den CO2-Fußabdruck des Landes verringern könnten.

Vor allem scheint weniger Arbeiten und mehr Freizeit aber ein Modell zu sein, das die skandinavischen Länder anspricht. Die 35-jährige finnische Premierministerin Sanna Marin soll eine Viertagewoche ernsthaft in Betracht ziehen.

Quelle: ntv.de, ddi

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