Wirtschaft

Commerzbank für Athen-Umschuldung Japaner warnen vor Euro-Pleite

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Wer vorausschauen will, muss das scheinbar Undenkbare denken.

(Foto: REUTERS)

Europa steht vor einem Berg ungelöster Probleme: Ein neuer Sondergipfel Ende der Woche soll den Durchbruch bringen. Commerzbank-Chef Blessing hält eine Umschuldung in Athen mittlerweile offen für unausweichlich. Japanische Analysten gehen deutlich weiter. Sie raten ihren Kunden, sich auf den Zerfall der Eurozone vorzubereiten.

An den Finanzmärkten wächst offenbar die Zahl der Investoren, die offen mit einem Zusammenbruch der Eurozone rechnen. Der Grund sei Italien, schrieb die Credit Suisse an ihre Kunden. Das japanische Handelshaus Mitsubishi UFJ Securities riet unterdessen seinen Kunden dazu, sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten. An den Finanzmärkten werde ein Kollaps der Euro-Zone zwar weiterhin für unwahrscheinlich gehalten, hieß es in Beobachterkreisen. Die Politik streite ein solches Katastrophenszenario zwar weiterhin vehement ab. Doch das Tabu, nicht darüber reden zu dürfen, bröckele langsam ab.

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Sieht einen Ausweg: Commerzbank-Chef Martin Blessing (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

"Es ist gut möglich, dass es in der Eurozone zu Ausschlüssen kommt, beginnend mit Nationen am Rande des Raums", schrieben Analysten in einer Studie von Mitsubishi UFJ Securities. Bei näherer Betrachtung von Staatsanleihen aus Belgien, Italien oder Spanien sollten Investoren explizit auch das Szenario eines Euro-Austritts durchspielen, rieten die Japaner ihren Kunden.

Retten billiger als aufgeben?

Als Beispiel für solche finanzstrategischen Planspiele nannten Experten der Credit Suisse ebenfalls Italien. Aufgrund der desolaten Schuldenlage Roms gehe in der EU derzeit die Angst vor einem Überschwappen der Krise auf das Land um - zumal der Euro-Rettungsschirm mit einer Staatspleite Italiens überfordert wäre.

Dennoch geht die Credit Suisse davon aus, dass die Schuldenkrise bewältigt wird, indem die Kernländer der Euro-Zone den Rand-Ländern helfen. "Wenn sie es nicht tun, sind die Kosten mindestens doppelt so hoch als wenn sie es tun. Die indirekten Kosten sind um einiges höher."

Blessing empfiehlt Schuldenschnitt

Unter den deutschen Banken mehren sich unterdessen die Stimmen, die sich für einen radikalen Schuldenschnitt in Griechenland aussprechen. Commerzbank-Chef Martin Blessing redete in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Tacheles: "Griechenland braucht eine Umschuldung bis zur teilweisen Entschuldung", mahnte er so deutlich wie noch nie. "Kein demokratisch durchsetzbares Sparpaket wird es dem Land ermöglichen, in absehbarer Zeit an den Kapitalmarkt zurückzukehren und seine Schulden mit Zinsen zurückzuzahlen."

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Portugal und Irland gehe es nicht viel besser, so Blessing weiter. Spanien und Italien seien in Gefahr, sich anzustecken. Die Commerzbank ist einer der größten privaten deutschen Gläubiger in Griechenland und müsste bei einem Schuldenschnitt auf Forderungen verzichten - verbunden mit entsprechenden Belastungen. Zuvor hatte bereits der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) einen Forderungsverzicht der privaten Gläubiger als "unausweichlich" bezeichnet.

Die Furcht vor einer Ausbreitung der europäischen Schuldenkrise - insbesondere einer Ansteckung Italiens - hatte die Aktienmärkte zu Wochenbeginn auf Talfahrt geschickt: Europaweit herrschte am Dienstag zeitweise panikartiger Ausverkauf bei einzelnen Finanztiteln. Der deutsche Leitindex Dax verlor zeitweise mehr als 2 Prozent, die Aktien der Commerzbank lagen vorübergehen mehr als 8 Prozent im Minus. Auch der Euro geriet unter Druck und rutschte kurzzeitig bis unter die Marke von 1,39 Dollar.

Bankenkreisen zufolge sorgt die Unruhe an den Märkten für ein allmähliches Umdenken in einigen Vorstandsetagen. Ein Schuldenschnitt für Griechenland war lange Zeit Tabu für die deutschen Banken, die mit bis zu 20 Mrd. Euro in dem Land engagiert sind und damit neben den französischen Banken den größten Batzen tragen. Der Landesbanken-Verband VÖB hatte stets betont, ein solcher Schritt sei nur mit einer breitangelegten Lösung für Griechenland denkbar.

Ackermann gegen sofortige Umschuldung

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht einen Schuldenschnitt nur als Option in der Zukunft, wenn die Ansteckungsgefahren beseitigt sind. Ein Schuldenerlass zum aktuellen Zeitpunkt führe zu falschen Anreizen auch bei anderen hoch verschuldeten Euro-Staaten, warnte er unlängst auf einer Fachkonferenz. "Es ist noch nicht alles getan, was getan werden kann." Besser sei es, die Schulden beizubehalten, zu verlängern und die Zinslast gegebenenfalls etwas zu erleichtern.

Zuletzt waren die Gespräche über eine vor allem von Deutschland vorangetriebene Beteiligung der privaten Gläubiger an der Lösung der griechischen Schuldenkrise festgefahren. Das von französischen Banken ins Gespräch gebrachte Modell einer Verlängerung griechischer Staatsanleihen zum Laufzeitende war von der Ratingagentur Standard and Poor's (S&P) zerpflückt worden. Das brachte die deutschen Banken, die das Modell im Grundsatz übernehmen und modifizieren wollten, ins Zweifeln.

Anleihen-Tausch statt Haarschnitt?

Inzwischen wird wieder verstärkt über den Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble diskutiert, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neue länger laufende Papiere zu tauschen. Das geht in der Regel mit einem Schuldenschnitt einher.

Einige Euro-Länder und der Internationale Bankenverband IIF halten zudem einen Rückkauf alter Bonds zum Marktkurs für eine sinnvolle Möglichkeit, um die griechische Schuldenlast zu drosseln. Das würde die Banken nicht treffen, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Institute, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten, müssten bei einem Rückkauf dagegen Abschreibungen in Kauf nehmen. "Über das französische Modell ist länger nicht mehr gesprochen worden. Das Thema Bondtausch rückt in den Vordergrund", verlautete aus Bankenkreisen.

Banker verhandeln mit Finanzministern

Blessing signalisierte in seinem Beitrag, dass er mit einem Bond-Tausch leben könnte. Die Ratingagenturen dürften nach seiner Einschätzung ohnehin den Zahlungsausfall (Default) Griechenlands erklären. Schließlich könne von einer freiwilligen Beteiligung der Privatwirtschaft an den Hilfen - Kernbedingung der Ratingagenturen - nicht die Rede sein.

Sein Vorschlag für einen Schuldenschnitt: Die Gläubiger könnten ihre Bonds mit einem 30-Prozent-Abschlag in 30 Jahre laufende Papiere mit einem Zinssatz von 3,5 Prozent tauschen, die mit einer gemeinschaftlichen Garantie der Euroländer versehen sind. Oder aber Anleihen könnten zu 100 Prozent in eine zinslose Neuanlage getauscht werden, die in fünf Jahren aus den Privatisierungserlösen zurückgezahlt wird.

Neuer Euro-Gipfel am Freitag

Hier würde die Euro-Gemeinschaft 80 Prozent der Rückzahlung garantieren. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nannte die Vorschläge "nicht uninteressant". Sie gingen wie alle anderen Ideen in die Beratungen ein, sagte er in Brüssel.

Ende der Woche könnte eine Entscheidung fallen: Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten einem EU-Diplomaten zufolge am Freitag bei einem Sondergipfel zur Schuldenkrise. Dies verlautete in Brüssel am Rande der laufenden Beratungen im Rahmen des EU-Finanzministerrates.

Quelle: ntv.de, dpa/rts