Wirtschaft

Ökonomisches Schreckensszenario Jetzt droht die Stagflation

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EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat angekündigt, bald die Zinsen zu erhöhen.

(Foto: imago images/sepp spiegl)

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Hartnäckige, hohe Inflation bei gleichzeitig dauerhaft niedrigem Wachstum. Eine solche Situation will die Europäische Zentralbank unbedingt verhindern. Doch möglicherweise ist es dafür bereits zu spät.

Erst Pandemie, dann Krieg in der Ukraine und jetzt auch das noch: In der Eurozone droht die Stagflation. Dieses Kunstwort ist eine Zusammenführung von Inflation und Stagnation und beschreibt ein unerfreuliches ökonomisches Szenario aus kräftig anziehenden Preisen, geringem Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit.

Wie hoch die Gefahr ist, ist schwer zu sagen. Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank EZB, sieht kein großes Risiko. "Eine Stagflation ist nicht unser Anfangsszenario", sagt sie. Auch Olli Rehn, Gouverneur der finnischen Nationalbank und Mitglied im EZB-Rat, rechnet nicht damit, dass Europa in eine Stagflation hineinschlittert. "Wir werden keine Stagflation wie in den 70ern bekommen. Dazu unterscheiden sich die damalige und die heutige Situation zu sehr. Aber wir sehen stagflationäre Tendenzen", sagt er. Dagegen geht beispielsweise Star-Ökonom Mohamed El-Erian von einer globalen Stagflation aus.

Nach dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel 1973 hatten arabische Länder die Ölförderung gedrosselt, um den pro-israelischen Kurs des Westens zu bestrafen. Die Folgen: Ölpreisschock, schwaches Wachstum, Inflation im zweistelligen Bereich, hohe Arbeitslosigkeit.

Das muss sich nicht zwangsläufig wiederholen. Doch das Risiko ist da. In Zahlen ausgedrückt: In den ersten drei Monaten des Jahres ist die Wirtschaft in der Eurozone im Vergleich zum Vorquartal nur um 0,2 Prozent gewachsen. Die Inflation lag im März bei satten 7,4 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau seit Einführung des Euro 1999. Die EZB sieht Preisstabilität bei 2 Prozent erreicht.

Es sieht nicht danach aus, dass sich die Situation bald ändert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass die Konjunktur in der Eurozone erst einmal nicht an Fahrt gewinnen wird. Und auch die Ursachen für die hohe Inflation dürften zunächst bleiben: Gestörte Lieferketten, Corona-Lockdowns in China und der Krieg in der Ukraine treiben die Preise in die Höhe.

Angst vor Lohn-Preis-Spirale

Für die Europäische Zentralbank ist das ein großes Problem. Denn das klassische Werkzeug gegen hohe Inflation sind Zinserhöhungen. Sie verteuern Kredite, bremsen damit Konsum und Investitionen und machen Sparen attraktiver. Für Unternehmen wird es schwieriger, Preiserhöhungen an Kunden weiterzureichen. Das alles wirkt tendenziell preisdämpfend. Zugleich bremsen höhere Zinsen aber die Konjunktur. Das käme für die Eurozone derzeit zur Unzeit.

Deshalb hat die EZB trotz hoher Inflation bisher auf Zinserhöhungen verzichtet. Der Leitzinssatz liegt bei 0 Prozent. Lange hatten die Zentralbanker argumentiert, die rasante Inflation sei nur vorübergehend und werde im Sommer wieder im grünen Bereich sein. Die Lieferketten würden sich wieder einrenken, die Energiepreise würden mit dem Ende der Heizperiode sinken. Doch der Krieg in der Ukraine und die Lockdowns in China machten einen Strich durch diese Rechnung.

Gegen eine Zinserhöhung spricht, dass sie die Ursachen der hohen Inflation nicht bekämpft. Höhere Zinsen sorgen weder für flutschende Logistik noch für billigeres Erdgas. Doch der hartnäckige Preisschub lässt der EZB keine andere Wahl. Lagarde hat eine Kehrtwende vollzogen und bereitet die Finanzmärkte mittlerweile auf eine Zinswende im Juli vor.

Das liegt auch daran, dass die EZB eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale verhindern will. Sie droht, wenn sich in der Bevölkerung die Erwartung durchsetzt, dass die Inflation dauerhaft hoch bleibt. Die Logik dahinter: Arbeitnehmer geben branchenübergreifend ihre Zurückhaltung auf und setzen höhere Löhne auf breiter Front durch. Unternehmen erhöhen daraufhin als Ausgleich die Preise. Damit steigt das allgemeine Preisniveau weiter, es entsteht eine Kettenreaktion. Eine baldige Zinserhöhung dürfte vor allem das Ziel haben, einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken.

Schwacher Euro heizt die Inflation an

Verstärkt wird das Dilemma der EZB durch den schwachen Euro. Die Gemeinschaftswährung hat gegenüber dem Dollar massiv an Wert verloren und ist auf dem Weg zur Parität. Derzeit wird der Euro bei 1,06 gehandelt und damit auf dem tiefsten Stand seit fünf Jahren. Die Konsequenz: Importe werden immer teurer, das treibt die Preise.

Der starke Dollar ist vor allem die Folge der geldpolitischen Wende der US-Notenbank Fed. Sie fährt seit Ende vergangenen Jahres und hat die Leitzinsen im Frühjahr deutlich erhöht, sie liegen jetzt in der Spanne zwischen 0,75 und 1 Prozent. Damit wird es attraktiver, Geld im Dollar-Raum anzulegen. Die steigende Nachfrage macht die US-Währung teurer. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft in den USA im Gegensatz zu der in der Eurozone rasch wächst. Auch das verteuert den Dollar.

Die EZB ist in einer weniger komfortablen Situation als die Fed. Der US-Notenbank fällt es vergleichsweise leicht, die hohe Inflation mit Zinserhöhungen zu bekämpfen. Die Konjunktur ist robust, die Arbeitslosenquote ist gering. Höhere Leitzinsen dürften keine Rezession auslösen.

In der Eurozone ist die Situation eine andere. Die EZB steht vor einem Drahtseilakt: Sie muss die Zinsen erhöhen, ohne die Konjunktur abzuwürgen. Falls sie zu energisch gegensteuert, bricht die Konjunktur ein. Falls sie zu lasch reagiert, könnte die Inflation außer Kontrolle geraten. Fest steht dabei, dass nichts zu tun, keine Option mehr ist.

Quelle: ntv.de

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