Wirtschaft
Das Neckermann-Logistikzentrum in Frankfurt soll laut Verdi dichtgemacht werden.
Das Neckermann-Logistikzentrum in Frankfurt soll laut Verdi dichtgemacht werden.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 27. April 2012

Kataloggeschäft wird eingestampft: Kahlschlag bei Neckermann

Das Ende einer Ära und eine "sotiale Katastrophe": Neckermann verabschiedet sich aus dem Kataloggeschäft und setzt künftig voll auf das Internet. Von 2500 Stellen fallen diesem Schritt fast 1400 Jobs zum Opfer. Verdi spricht von einem "harten Schlag, in der Dimension völlig unerwartet". Neckermann gehört seit der Arcandor-Pleite einem US-Finanzinvestor.

Der Versandhändler Neckermann.de streicht mehr als jede zweite Stelle und verabschiedet sich aus dem schrumpfenden Kataloggeschäft. "Die Zukunft des Versandhandels liegt im Internet. Dieser Entwicklung können wir uns nicht verschließen", erklärte Neckermann-Chef Henning Koopmann. Von insgesamt 2500 Jobs in Deutschland sollen 1380 entfallen, der größte Teil am Stammsitz in Frankfurt.

Das Logistikzentrum in Frankfurt, das vor allem Textilien ausliefert, wird dichtgemacht. Das Eigentextilsortiment und die Kataloge werden eingestellt. Gewerkschaft und Betriebsrat reagierten entsetzt.

"Soziale Katastrophe"

"Was jetzt auf dem Tisch liegt, ist ein harter Schlag und in der Dimension völlig unerwartet, besonders für alle vom beabsichtigten Arbeitsplatzabbau betroffenen Kolleginnen und Kollegen", sagte Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Der Kahlschlag im Logistikbereich mit 780 Stellen sei "eine soziale Katastrophe".

Verdi und der Betriebsrat wollen in Verhandlungen mit der Unternehmensleitung möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. "Die Mitarbeiter sind geschockt und fassungslos", sagte Betriebsrat Thomas Schmidt. Die Dimension des Stellenabbaus habe alle überrascht. Die Gespräche mit der Unternehmensleitung sollen kommenden Mittwoch beginnen.

Umsatz bricht seit Jahren weg

Von der alten Herrlichkeit mit dem Werbeslogan "Neckermann macht's möglich" ist schon lange nicht mehr viel übrig. Der Online-Handel macht den etablierten Versandhändlern seit Jahren zu schaffen. Allein im ersten Quartal 2012 brach der Umsatz im Katalog-Geschäft bei Neckermann um rund 50 Prozent ein. Vor allem das Eigentextilsortiment sei angesichts abnehmender Mengen sowie hoher Kosten für die Logistik nicht mehr wettbewerbsfähig, erklärte das Unternehmen.

In den letzten fünf Jahren hat sich der Umsatz in diesem Bereich den Angaben zufolge mehr als halbiert. Auch einen Verkauf des Textilspezialisten Happy Size Company schließt Neckermann nicht aus.

2011 in der Verlustzone

Im E-Commerce wächst Neckermann dagegen seit 2010 zweistellig. Im ersten Quartal verbuchte das Unternehmen hier ein Plus von 30 Prozent. Neckermann will daher die Onlinesortimente Technik und Möbel sowie Haus- und Heimtextilien kräftig ausbauen. Der Hauptkatalog und alle sortimentsübergreifenden Kataloge sollen eingestellt werden. Für die Neckermann-Gesellschaften in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Benelux gelte grundsätzlich eine ähnliche Strategie.

Das Unternehmen war im vergangenen Jahr Berichten zufolge zurück in die Verlustzone gerutscht - nach einer schwarzen Null vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen im Jahr zuvor. Grund war das schwächelnde Kataloggeschäft.

Mit zwölf Seiten fängt es an

Neckermann wurde 1950 in Frankfurt gegründet. Im allerersten, nur zwölfseiten Katalog, sind nur Textilien. Drei Jahre später wird das Angebot um kleine Elektrogeräte und Möbel erweitert. 1960, zeitgleich mit der Einführung des einprägsamen Slogans "Neckermann macht's möglich", bietet das Unternehmen zum ersten Mal Pauschalreisen an. Heute gehört Neckermann Reisen schon lange zum Touristikkonzern Thomas Cook.

1977 kommt die Karstadt AG ins Spiel und übernimmt zunächst 51,2 Prozent des Kapitals der Neckermann Versand AG. Nach der Übernahme von insgesamt 95 Prozent durch Karstadt wird Neckermann in die Karstadt AG eingegliedert.

Als eines der ersten Versandhäuser in Deutschland startet das Unternehmen 1995 online durch, drei Jahre später wird das Internetangebot um www.technikwelt.de erweitert. Heute erwirtschaftet Neckermann fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet. Das Sortiment umfasst nach Unternehmensangaben 700.000 Artikel aus den Bereichen Mode, Technik und Wohnen.

Anfang 2006 soll die Umbenennung in die neckermann.de GmbH die konsequente Ausrichtung auf den Internethandel unterstreichen, im August geht der erste e-Katalog online. Im November desselben Jahres verzeichnet Neckermann zum ersten Mal mehr Umsatz über das  Internet als über die klassischen Bestellwege. Neckermann zieht daraus die Konsequenzen und stellt die Produktion des dicken  Hauptkatalogs ein.

Seit Oktober 2010 gehört Neckermann dem US-Finanzinvestor Sun Capital Partners. Er übernahm Anfang 2008 zunächst 51 Prozent von Neckermann vom damaligen Eigentümer, Arcandor AG, ehemals KarstadtQuelle. Mit der Pleite des Arcandor-Konzerns wurde der Investor zum alleinigen Eigentümer von Neckermann.

Quelle: n-tv.de