Wirtschaft

"Das war Planwirtschaft" Rübenbauern begraben die Zuckerquote

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Rübenbauer aus Leidenschaft: Hubertus Velder auf seinem Rübenacker nordwestlich von Köln.

(Foto: dpa)

Der deutschen Zuckerindustrie bläst ab Oktober der raue Wind des Weltmarkts entgegen. Zum Ende des Rübenjahres wird die EU-Zuckerquote ersatzlos gestrichen. Jetzt heißt es: fit machen für den Wettbewerb. Was bedeutet das für die Zuckerpreise?

Wenn Hubertus Velder auf dem Acker steht, schaut er weit in die Vergangenheit. Seit sieben Generationen bewirtschaftet seine Familie schon das Land in Rommerskirchen bei Köln. Auf rund 200 Hektar baut der 56-Jährige hier Gemüse an - auf 50 Hektar davon wachsen Zuckerrüben.

Rübenzucker in Zahlen

Zuckerrüben werden in Deutschland 2016/17 in 28.509 landwirtschaftlichen Betrieben angebaut, deren Erträge in 20 Zuckerfabriken zu Zucker verarbeitet werden. Marktführer sind die beiden Unternehmen Nordzucker und Südzucker. In der Rübenbranche endet das Wirtschaftsjahr traditionell Ende September.

Bei einer Anbaufläche von insgesamt 299.692 Hektar – eine Steigerung von etwa 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – belief sich die verarbeitete Menge im Rübenjahr 2016/17 auf insgesamt 22,5 Millionen Tonnen Rüben. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg von rund 24 Prozent.

Die Zuckererzeugung 2016/17 betrug insgesamt 3,566 Millionen Tonnen – ein Anstieg von 21,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der durchschnittliche Zuckerertrag lag bei 11,9 Tonnen pro Hektar und damit 2,9 Prozent höher als im Vorjahr.

(Quelle: Zuckerverband)

"Mein Beruf ist mein Hobby - seit über 30 Jahren", sagt der Landwirt. 2017 könnte ein gutes Jahr werden. Wie viele andere Rübenbauern hat auch er seine Produktion gesteigert. Wachstum ist das Gebot der Stunde.

Die Expansionslust der Landwirte hat einen guten Grund: Bislang waren Produktion und Verkauf von Zucker in der EU streng reglementiert. Für die Zuckerrübe, aus der etwa 80 Prozent des Zuckers hierzulande stammen, galt ein fester Mindestpreis. Eine Quote bestimmte außerdem, wie viel Zucker insgesamt in Deutschland produziert werden durfte. Es war ein Markt ohne viel Bewegung - und mit sicheren Preisen.

Rasant wachsende Anbauflächen

Zum 1. Oktober - dem Beginn des neuen Wirtschaftsjahres der Rübenbranche - fallen diese Regelungen allerdings weg - mit weitreichenden Folgen zumindest für die Zuckerindustrie. "Aussaat und Anbau 2017 erfolgten bereits unter den neuen Marktordnungsvorgaben, die ab 1. Oktober 2017 gelten", sagt Peter Kasten vom Rheinischen Rübenbauer-Verband. "In der EU wuchs die Anbaufläche 2017 gegenüber 2016 um rund 17 Prozent, in NRW sogar um etwas mehr als 20 Prozent."

In Zukunft dürften die Preise von Zuckerrüben und fertigem Zucker zwar stärker schwanken. Nach Einschätzung der Industrie wird sich für die Endverbraucher jedoch kaum etwas ändern. "Bei den meisten Lebensmitteln ist der Anteil des Zuckers an den gesamten Rohstoffkosten gering", erklärt eine Sprecherin der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. "Von daher erwarten wir keine spürbaren Effekte für die Verbraucherpreise dieser Lebensmittel."

Nur zehn Prozent Haushaltszucker

Im zu Ende gegangenen Wirtschaftsjahr 2016/17 erreicht die Zuckerproduktion in Deutschland einen Umfang von insgesamt 3,566 Millionen Tonnen. Das sind 21,5 Prozent mehr Tonnen an Zucker als im Vorjahr. Nur etwas mehr als zehn Prozent der Produktion gehen als Haushaltszucker in den Handel.

Die Deutschen kaufen Zucker vor allem in Form von Raffinade, Puderzucker, Würfelzucker, Kandis und seltener auch als Zuckerhut für die Feuerzangenbowle vorwiegend in Discountmärkten und anderen Lebensmittelläden. Rund 89 Prozent des in Deutschland hergestellten Zuckers geht nach Angaben der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, einem Branchenverband, an die verarbeitende Industrie und das Handwerk sowie an die chemische Industrie sowie in die Herstellung von Bio-Ethanol.

Zuckerfabriken wackeln

Der Wegfall der EU-Zuckerquote kommt nicht aus heiterem Himmel: Mit Blick auf die anstehenden Umbrüche versuchen die Zuckerfabriken, die die Rüben verarbeiten, wettbewerbsfähiger zu werden, indem sie ihre Effizienz steigern. Nach dem Wegfall der Quoten wollen sie die bisherigen Importe durch eigene Produktion ersetzen. Dafür müssen sie sich gegen die wachsende Konkurrenz aus Europa rüsten.

Südzucker
Südzucker 13,26

Effizienz ist dabei oft gleichbedeutend mit Einsparungen. Im Oktober vergangenen Jahres hat etwa die Firma Pfeifer & Langen, die Produkte der Marke "Diamant Zucker" herstellt, bereits angekündigt, ab dem Frühjahr 2018 eines ihrer Werke in Nordrhein-Westfalen schrittweise herunterzufahren und die Produktion auf andere Standorte zu verlegen.

"Traumlage" für Zuckerrüben

"Ausruhen dürfen wir uns nicht", mahnt auch Rübenbauer Velder. "Die Quote hat fantasielos gemacht. Das war im Grunde Planwirtschaft." Sorgen mache er sich aber nicht. "Wir im Rheinland haben eine Traumlage. Der Zucker ist ein regionales Produkt, und wir haben mehrere Millionen Verbraucher vor der Haustür", sagt der Landwirt. Das sei ein großer Vorteil.

Tendenziell könnten die Produktionsmengen in Deutschland künftig steigen - darin sind sich alle Beteiligten einig. "Ohne gesetzliche Beschränkungen hinsichtlich der Menge können Zuckererzeuger ihre Produktionskapazitäten optimieren und Produktionskosten für Zucker reduzieren", heißt es in einer Einschätzung der EU-Kommission. Auch auf dem Weltmarkt könne nun verstärkt Zucker aus der EU verkauft werden, heißt es aus Brüssel.

Deutsche Rüben für den Weltmarkt?

Zwar gibt sich auch Rübenbauer Velder optimistisch - auf dem Weltmarkt sieht er seine Rüben jedoch nicht. "Der Weltmarkt ist die Mülldeponie des Zuckers", meint er. Gegen die "Global Player" beispielsweise aus Südamerika oder Thailand komme man nicht an. In klimatisch günstig gelegenen Anbauregionen wächst dort vor allem Zuckerrohr.

Hierzulande allerdings sieht Velder gute Chancen für sich und seinen Betrieb. Bliebe nur noch zu klären, wer die nächste Generation der Rübenbauern in Rommerskirchen einläuten wird. Bislang habe keines seiner Kinder Interesse daran bekundet, das Erbe anzutreten. Doch irgendwie, da ist sich Velder sicher, wird es weiter gehen.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa