Wirtschaft

Geballte Geldpolitik in Jackson Hole Schmeißt Ben den Rotor an?

Die Lage von Jackson Hole: Abgelegener Tagungsort im Hinterland der USA.

Abgelegen im Hinterland der USA: Hier sollen die Gedanken der Ökonomen frei fließen.

(Foto: www.stepmap.de)

Die Elite der Geldpolitiker und Ökonomen trifft sich im Hinterland der USA, um über die unruhige Lage an der Konjunkturfront zu beraten. Die Nervosität an den Märkten ist groß. Investoren warten auf Ansagen. Zum Beispiel dazu, ob die Fed weiter Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen wird.

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Ben Bernanke bei seiner Ankunft am Tagungsort in Jackson Hole, Wyoming, im vergangenen Jahr.

(Foto: REUTERS)

Die Augen der Akteure an den Finanzmärkten sind dieser Tage auf ein kleines Dorf in den Rocky Mountains gerichtet. Denn hier in dem beschaulichen Jackson Hole sind seit Donnerstag die wichtigsten Notenbanker weltweit zu ihrem jährlichen Treffen zusammen gekommen. Gastgeber ist die Federal Reserve Bank of Kansas City. Bei dem Treffen möchte man Mäuschen spielen. Denn die Lage an der Konjunkturfront ist weiterhin instabil. An den Märkten wartet man auf Ansagen, wie die Fachwelt die Lage einschätzt und wie die Krisenbewältigung weitergehen soll. Denn eins fest steht: Über den Berg sind die krisengebeutelten Staaten dieser Welt noch nicht.

Skeptische Einschätzungen der Konjunktur

Die Märkte sind nervös, denn die USA plagen immer noch die Immobilienkrise und die rekordhohe Arbeitslosigkeit. Immerhin sind in den Vereinigten Staaten mehr als 16 Prozent der Erwerbstätigen ohne Arbeit oder unterbeschäftigt. Es wird befürchtet, dass dem amerikanischen Verbraucher die Kraft fehlt, die konsumabhängige Wirtschaft vor einem erneuten Abrutschen in die Rezession zu bewahren. Gleichzeitig tritt China – mittlerweile die zweitgrößte Weltwirtschaft der Welt - auf die Bremse, um ein Heißlaufen seiner Konjunktur zu verhindern. Aber nicht nur die Volksrepublik und die USA kämpfen - auf unterschiedliche Art und Weise - mit Wachstumsproblemen. In Europa ist die Schuldenproblematik insbesondere der Südstaaten und Irlands noch längst nicht gelöst. Auch wenn Deutschland zurzeit mit einer vergleichsweise moderaten (aber nach wie vor weiter steigenden) Schuldenlast und einem rekordverdächtigen Wirtschaftswachstum glänzt. Was nützt das in einer globalisierten Welt, wenn die Absatzmärkte wegbrechen?

Für Gesprächsstoff hinter verschlossenen Türen ist also gesorgt. Vieles wird davon nicht nach außen dringen. Sicher ist aber, dass eine Menge Ohren auf den Fluren auf Lauer liegen, um das eine oder andere aufzuschnappen. Die Höhepunkte des Treffens werden die Reden von US-Notenbankchef Ben Bernanke und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sein. "Vor allem das Bild, das Bernanke zeichnen wird, dürfte über die Richtung an den Aktienmärkten in der kommenden Woche entscheiden", sagt ein Marktteilnehmer. Die Rede von Helikopter-Man Bernanke – ebenso wie die von Trichet - steht für heute auf der Agenda. Wie immer verspricht sich der Markt Hinweise darauf, ob das "Quantitative Easing" noch ausgebaut wird, also ob die Notenbank auch weiterhin großzügig Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen wird.

"Geld vom Helikopter werfen"

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Der Panoramablick auf die Teton-Bergkette an der Ostflanke der Rocky Mountains.

(Foto: REUTERS)

Die Leitzinsen in den USA sind seit Dezember 2008 auf dem Niveau von 0 Prozent  bis 0,25 Prozent  festgezurrt. Gleichzeitig kaufte die Notenbank für 1,4 Bill. Dollar hypothekenbesicherte Anleihen und für 300 Mrd. Dollar amerikanische Staatsanleihen und nahm diese auf ihre Bücher. Durch Fälligkeiten kurzlaufender Papiere und durch vorzeitige Rückzahlungen ist die Bilanzsumme der US-Notenbank zuletzt zwar geschrumpft. Seit dem jüngsten Beschluss der US-Notenbank werden allerdings die Einnahmen aus fälligen mit Hypotheken besicherten Schuldtiteln wieder in Staatsanleihen reinvestiert. Die Katze beißt sich zurzeit also ein bisschen in den Schwanz. Das Wort "Exit" wagt im Moment keiner so recht in den Mund zu nehmen.

Argumente für eine Fortführung der bisherigen Geldpolitik der Fed gibt es auf jeden Fall. Die Konjunktur liefert bereits sichtbare Hinweise einer Abschwächung. Auch der Arbeitsmarkt kommt nicht in Schwung. Und die normalerweise konsumfreudigen US-Bürger halten sich mit ihren Ausgaben zurück. Die Sparquote liegt in den USA derzeit bei mehr sechs Prozent, was für die dortigen Verhältnisse ungewöhnlich hoch ist. Eine Periode langsamen Wachstums bildet zumindest einen Nährboden für Deflation. Auch wenn die Gefahr sinkender Preise noch nicht zu hoch gehängt werden kann, so weiß man doch, dass Geldpolitiker unter dem Druck stehen, in weiser Voraussicht zu handeln. Bernanke verwies in einer 2002 gehaltenen Rede darauf, dass auch im Vorfeld bereits Maßnahmen ergriffen werden müssten, um eine mögliche Deflation zu bekämpfen.

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Frei nach Milton Friedman: "Zur Not muss auch Geld von Helikoptern abgeworfen werden."

(Foto: REUTERS)

Den Spitznamen "Helikopter Ben" erhielt Bernanke übrigens im selben Jahr, also 2002. Damals  legte er als Fed-Gouverneur dar, dass zur Bekämpfung der Deflation die Notenbank zunächst die Zinsen auf null herunterfahren müsse, um dann außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen, wie Staatsanleihen oder Hypothekenanleihen zu kaufen. Um diese Geldpolitik in einem Bild auf die Spitze zu treiben, zitierte er damals den US-Ökonomen Milton Friedman: "Zur Not müsse eben auch Geld von Helikoptern abgeworfen werden."

Auf die Nuancen lauschen

Die Aussagen Bernankes zur wirtschaftlichen Entwicklung dürften daher genau analysiert werden, besonders nachdem die Notenbank Anfang des Monats den Ausblick nach unten gesenkt hat. Die Akteure an den Märkten wollen wissen, wie hoch die Hürde für weitere Maßnahmen der US-Notenbank ist. "Der Markt wird auf die Nuancen hören", sagte der Chefvolkswirt der Bank of America Mickey Levy. Beobachter fragen sich, wann die Fed an diesem Punkt angelangen wird.

Zwar gehen die meisten Volkswirte davon aus, dass die US-Wirtschaft nicht erneut in eine Rezession fallen wird. Zahlreiche Ökonomen bezweifeln allerdings, dass das Konjunkturwachstum ausreichen wird, um die Arbeitslosenrate zu drücken. Mit einer offiziellen Quote von knapp unter zehn Prozent (und einer tatsächlichen von mehr als 16 Prozent) wird der Arbeitsmarkt eine Schlüsselrolle einnehmen. Investoren wollen zudem wissen, ob Bernanke Schuldige für das schwache Wirtschaftswachstums ausmacht - zum Beispiel das mangelnde Vertrauen in die Wirtschaftslenker in Washington.

Aber Ben Bernanke ist nicht der einzige Redner im ansonsten verschlafenen Ort in den Rocky Mountains. Unter anderem wird der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, heute Abend eine Rede halten. Auch Axel Weber von der Deutschen Bundesbank ist vor Ort. Schließlich werden eine ganze Reihe hochkarätiger Ökonomen ihre neusten Forschungsergebnisse vor dem hochkarätigen Publikum präsentieren. Die Börsianer sind gespannt.

Quelle: ntv.de, miit DJ/rts