Wirtschaft

Anleihemarkt paradox Spanien-Bonds schlagen US-Papiere

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Spanien erscheint Anlegern derzeit als sicheres Pflaster.

(Foto: REUTERS)

Angesichts der Niedrigzinspolitik der EZB greifen Anleger bei allem zu, was Rendite verspricht. Dies führt zu kuriosen Situationen. Gefragt sind nun auch Staatsanleihen der europäischen Krisenländer. Die können sich im Gegenzug günstig finanzieren.

Überraschung die nächste: Die Renditen einiger spanischer Staatsanleihen sind zu Wochenbeginn unter die vergleichbarer US-Treasurys gesunken. Zehnjährige spanische Anleihen rentierten laut Tradeweb mit 2,579 Prozent, während US-Anleihen mit gleicher Laufzeit eine Rendite von 2,615 Prozent aufwiesen. Auch am zweiten Handelstag hatte sich daran nicht viel geändert. Zumindest mit Blick auf die Rendite schätzen Bondinvestoren die mit Spanien verbundenen Risiken also mittlerweile als geringer ein als die mit den USA. Solche Verhältnisse hatte es zuletzt vor Ausbruch der Schuldenkrise in der Eurozone im April 2010 gegeben.

Zwar handelt es sich nur um eine nominale Angabe (währungsbereinigt rentieren spanische Anleihen immer noch höher als ihre US-Pendants), gleichwohl ist die Umkehrung der Verhältnisse von Bedeutung. Denn sie ist ein Beleg für die Rally, die spanische Anleihen in den zurückliegenden beiden Jahren erlebt haben. Steigende Anleihekurse bedeuten im Gegenzug sinkende Renditen.

Anleger hungern nach Renditen

Zunächst wurde die Rally befeuert von der Annahme, dass die Gefahr eines spanischen Zahlungsausfalls weniger wahrscheinlich geworden ist. Dann griffen die Anleger aber verstärkt vor allem wegen der vergleichsweise hohen Renditen spanischer Papiere zu. Ein ähnliches Szenario hatte sich zuletzt für Irland ergeben.

"Die lockere Geldpolitik der EZB gibt dem Anleihemarkt der Eurozone unverändert Auftrieb", sagt Robin Marshall, Anleihe-Portfoliomanager bei Smith & Williamson Investment Management in London. "Und die Anleger hungern im aktuellen Niedrigzinsumfeld nach Renditen."

Die rege Nachfrage nach spanischen Anleihen geht einher mit einem allgemein großen Interesse an Staatsanleihen auch anderer europäischer Krisenländer. Die Wucht der Erholungsbewegung hat viele Anleger überrascht, auch wenn nicht wenige von ihnen auf wieder steigende Anleihekurse in den betroffenen Ländern gesetzt hatten.

Kein Ausverkauf in Sicht

Einige Anleger geben aber zu bedenken, dass sich die Renditen spanischer Anleihen aufgrund von Wechselkursschwankungen nicht direkt mit denen der US-Treasurys vergleichen ließen. Zudem seien die USA eine viel sicherere Wette als Spanien.

Die zehnjährige spanische Anleihe sei in Euro denominiert, sagte David Keeble von der Crédit Agricole in New York. Wäre sie in Dollar denominiert, läge ihre Rendite über vier Prozent und damit höher als die der zehnjährigen Treasurys.

"Die Rally in der Eurozone dürfte ihre besten Zeiten hinter sich haben", zeigt sich Mark Dowding von BlueBay Asset Management in London über die weiteren Aussichten eher skeptisch. Mit einem Ausverkauf in naher Zukunft sei aber gleichwohl nicht zu rechnen, den dürfte der Renditehunger der Anleger verhindern, glaubt er.

Experten: EZB animiert zum Anleihen-Kauf

Händler und Analysten konstatieren unterdessen, dass die Beschlüsse der Zentralbank viele Anleger zum Kauf von Staatsanleihen der Eurozone geradezu ermuntert hätten. Besonders scheint dies für Papiere mit zwei Jahren Laufzeit zu gelten. Denn im Zuge der Zinssenkung kündigte die EZB außerdem an, den Banken bis zu 400 Milliarden Euro an Liquidität bereitzustellen, die diese als Kredite an Unternehmen weitergeben sollen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss das geliehene Geld nach zwei Jahren wieder an die EZB zurückgegeben werden. Marktexperten zufolge könnte das die Banken dazu animieren, sich zinslos Geld bei der EZB zu borgen und zwei Jahre am Anleihemarkt zu parken.

Portfoliomanager Marshall sieht die Rally der europäischen Anleihemärkte kritisch. Sie hätten den Druck von der Politik genommen, notwendige langfristige Wirtschaftsreformen in Gang zu bringen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Region zu stärken. Wenn diese versäumt würden, bestehe die Gefahr, dass die Anleiherenditen wieder stark anzögen. Vor zwei Jahren rentierten spanischer Langläufer mit über 7,5 Prozent, die zweijährigen brachten es auf 6,5 Prozent.

Quelle: ntv.de, jwu/DJ