Wirtschaft
Dienstag, 14. September 2010

Die Busch-Trommel: Vorsicht! Technischer Fortschritt!

Friedhelm Busch

In der Regel profitiert nicht nur die Börse von technischen Neuerungen. Doch manchmal sorgt die Entwicklung auch für Unbehagen - wie beim Hochfrequenzhandel.

Friedhelm Busch
Friedhelm Busch

Die Anleger haben bei dem offensichtlichen Schulterschluss zwischen Obama und Bernanke Gründe genug, ihre Ängste vor einem erneuten Konjunktureinbruch in den USA herunter zu dimmen, außerdem es gibt wenig Anlass, ein Ende des Chinabooms zu befürchten. Die jüngsten Zahlen belegen, dass die chinesische Konjunkturlokomotive weiterhin unter Dampf steht. Zusätzlich geschoben von der deutschen Wirtschaft, die in den letzten Wochen und Monaten erstaunlich an Dynamik gewonnen hat.

Und um das Glück der Anleger zu vollenden, fallen die jetzt bekannt gegeben Vorschläge des Baseler Ausschusses für die Bankenaufsicht zur Finanzmarktreform längst nicht so schrecklich aus, wie von der internationalen Bankenwelt befürchtet worden war. Also: Ab jetzt leben wir in der besten aller Börsenwelten? Gemach, gemach. In den Bankbilanzen sind noch genug Tretminen verborgen, die in die Luft fliegen könnten. Die deutsche Hypo Real Estate ist durchaus nicht einmalig.

In der Welt des Hochfrequenzhandels

Viel mehr Sorgen als Höhe und Zusammensetzung des Eigenkapitals der Banken oder Art und Umfang von Leerverkäufen bereitet mir ein anderes Phänomen an den Finanzmärkten. Und darüber wird bisher nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Die Gefahr hat einen Namen: Der technische Fortschritt. Das klingt harmlos, vielleicht sogar positiv. Doch dieser technische Fortschritt könnte sehr bald die ganze Börsenwelt in die Luft sprengen. Es sind längst nicht mehr die Händler oder Anlageverwalter allein, die aufgrund von Bauchgefühlen, Fachwissen, Informationen aus aller Welt oder den Aussagen der Analysten folgend kaufen und verkaufen.

An ihre Stelle treten immer häufiger Großrechner, die in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit die Finanzmärkte nach günstigen Kauf- oder Verkaufsgelegenheiten abgrasen und dann entsprechend handeln. Innerhalb von Millisekunden reagieren diese Computer auf Kursveränderungen, irgendwo im entferntesten Winkel dieser Welt, stornieren Kauforders, wenn programmierte Stopp-loss-Kurse erreicht werden und wechseln zu "Verkaufen". Ohne zu überlegen, nur weil sich weit, ganz weit hinter dem Komma ein minimaler Preisvorteil auftut. Vermutlich war es dieser so genannte Hochfrequenzhandel, der am 6. Mai die Wall Street schlagartig um mehr als 900 Punkte in den Keller jagte und kurze Zeit später genau so schnell wieder nach oben schießen ließ. Kein Unfall, sondern programmiertes, offensichtlich unsinniges Handeln.

Technik ersetzt Denken

Wenn rund um die Uhr in Lichtgeschwindigkeit gehandelt wird, ist menschliches Denken nicht mehr gefragt, weil unser Hirn das nicht mehr fassen kann, werden Bankanalysten und Volkswirte überflüssig. Börsenjournalisten sowieso. Ausschlaggebend sind allein die Techniker, die diese Rechner bauen und programmieren. Mathematiker, Physiker. Vielleicht erklären sich so die widersinnigen und hektischen Kursbewegungen der letzten Monate.

In aller Welt sind Unternehmen entstanden, die derartige Großrechner im Handel einsetzen. Hedgefonds und Banken haben sich zu anonymen Handelsplattformen zusammengeschlossen, ohne dass die Öffentlichkeit etwas über Handelsvolumen und Preise ihrer gegenseitigen Geschäfte erfährt. Wie will man derartige Aktivitäten überwachen oder durch eine Börsenumsatzsteuer verteuern und damit behindern, wenn man nicht einmal weiß, dass sie stattfinden? Als Kleinanleger wird man höchstens mit ihren Ergebnissen konfrontiert. Man schätzt, dass dieser computergetriebene Handel hierzulande bereits 42 Prozent der Umsätze auf Xetra erreicht hat.

Verständlich, dass die regulären Börsen angesichts dieser unheimlichen Konkurrenz in helle Aufregung geraten und den Anschluss an derartige Plattformen suchen. Ob diese Entwicklung dem privaten Kleinanleger nutzt, wage ich zu bezweifeln. Er wird durch unbegreifliche Kursausschläge völlig verwirrt und abgeschreckt. Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich auf lange Sicht die Börse letztlich doch an der realen Wirtschaft orientiert. Die lebt zwar auch vom technischen Fortschritt, aber nicht in Lichtgeschwindigkeit.

Quelle: n-tv.de